Trotz Killer-Pilz Warum gibt es immer noch Bananen?

Seit Jahren warnen Forscher, dass ein aggressiver Pilz namens TR4 die Banane weltweit ausrottet. Im Supermarkt gibt's das gelbe Obst aber immer noch. Alles falscher Alarm?

Bananenplantage in Panama
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Bananenplantage in Panama


Die Banane ist vom Aussterben bedroht - diese Schlagzeile taucht seit den Neunzigerjahren immer wieder auf. Ein Pilz soll schuld sein, der eine Bananenplantage nach der anderen rund um den Globus befällt. Der "Guardian" sah schon vor Jahren das "banana drama" kommen, der britische "Independent" kalauerte vom "Bananageddon": Unsere Esskultur werde sich tiefgreifend ändern, das "Ende einer weltweiten Industrie" drohe.

Und heute? Noch gibt es Bananen in jedem Supermarkt. Aber wird das auch in Zukunft so sein?

Entwarnung gibt es nicht, im Gegenteil: "Die Situation ist wirklich dramatisch", sagt Gert Kema von der niederländischen Universität Wageningen, einer der weltweit führenden Bananenforscher. "Gegen diesen neuen Erreger der Panama-Krankheit gibt es kein Mittel. Und gegen weitere Pilze helfen nur riesige Mengen an Fungiziden. Die Banane, die wir kennen, ist extrem bedroht - und ein Nachfolger nicht in Sicht."

Geklonte Pflanzen

Cavendish heißt die Sorte, die zu mehr als 95 Prozent den globalen Bananenhandel dominiert, in Deutschland sogar zu 99 Prozent. Während wilde Bananenpflanzen erbsengroße Samen enthalten können, ist die Cavendish samenlos - die Frucht entwickelt sich ohne Bestäubung.

Die Cavendish-Banane vermehrt sich mithilfe von abgeschnittenen Trieben, die in den Boden gesteckt werden. Damit sind praktisch alle Cavendish-Bananen auf der Welt geklont: Sie sind genetisch gleich. "Bananen sind die schlimmste, verrückteste Monokultur der Welt", sagt Kema.

Monokulturen an sich sind sehr anfällig für Schädlinge. Doch Monokulturen voller Klone potenzieren das Problem. Denn wenn ein Erreger auf eine Bananenpflanze passt, passt er auf alle - und kann seinen globalen Siegeszug antreten.

Bananenbauern in Kuba
AP

Bananenbauern in Kuba

Kein Gegenmittel verfügbar

Genau das passiert seit den Neunzigerjahren mit dem Pilz Tropical Race 4 (TR4), botanisch Fusarium oxysporum f. sp. cubense. Er dringt über die Wurzeln in die Bananenpflanze ein, ihre Blätter welken und verfärben sich gelb. Die Pflanze vertrocknet und trägt schließlich keine Früchte mehr.

Vorhandene Gegenmittel: keine. Gegen Fungizide ist der Pilz resistent. Und er bleibt über Jahrzehnte im Boden. Wo also TR4 auftaucht, ist an den Anbau von Cavendish-Bananen nicht mehr zu denken. Quarantäne ist die einzige Gegenmaßnahme bisher, dann wachsen aber auch keine Bananen mehr.

"TR4 kann nicht ausgerottet werden. Der Erreger ist die wohl größte Bedrohung für die Bananenproduktion weltweit", sagt Randy Ploetz von der University of Florida in Homestead.

Erst in Asien, nun in Australien und Afrika

Und die TR4-Epidemie legt derzeit an Tempo zu. Trat der Erreger in den Neunzigerjahren nur vereinzelt in Asien auf, ist die Bananenproduktion auf den Philippinen zuletzt jährlich um etwa sieben Prozent zurückgegangen. China - der zweitgrößte Bananenproduzent der Welt - hat bereits Zehntausende Hektar Anbaufläche aufgegeben.

In den vergangenen Jahren ist TR4 nach Australien, Pakistan, in den Nahen Osten und nach Afrika übergesprungen. Besonders die Millionen Kleinbauern sind gegenüber TR4 hilflos - und schnell bedroht, denn die Frucht ist für sie eine wichtige Geldquelle.

Nur Lateinamerika, die weltweit führende Anbauregion für Bananen, blieb bislang verschont. Dass der Erreger auch dort auftauchen wird, gilt als sicher: "Aber wann das sein wird, kann niemand sagen", sagt Ploetz.

Panama-Krankheit

Wie nervös man auch hier ist, zeigt die Hektik um den diesjährigen International Banana Congress: In letzter Minute verlegten die Veranstalter das Treffen im April von Costa Rica nach Miami, das für den Bananenanbau unbedeutend ist. Denn Costa Rica gilt noch als TR4-frei. Ein Farmerstiefel mit ein paar Brocken verseuchter Erde an der Sohle könnte dies jedoch ändern. Auch über Pflanzenteile, Wasser und eben Boden kann sich TR4 verbreiten.

All das erinnert verdächtig an das Schicksal von Gros Michel. So hieß der Vorgänger der Cavendish-Banane, sie war aromatischer und mit ihrer dickeren Schale besser transportfähig. Aber Gros Michel, in Amerika auch "Big Mike" genannt, wurde vor etwa 60 Jahren von der sogenannten Panama-Krankheit praktisch ausgelöscht.

Der tödliche Erreger war Tropical Race 1 (TR1), ein naher Verwandter von TR4, und auch sonst gleicht sich das Szenario: Gros Michel war die global dominierende Bananensorte. TR1 tauchte zunächst in Mittelamerika auf, von wo er sich nach Südamerika verbreitete und Hunderttausende Hektar Plantagen zerstörte. Auch in Afrika, Asien und Australien wütete TR1.

Viertwichtigste Nahrungspflanze weltweit

Statt jedoch das Übel an der Wurzel zu packen und eine größere Vielfalt an Bananen anzubauen, fand die Bananenindustrie mit der Cavendish bald eine einfachere Lösung. Diese Sorte war immun gegen TR1. "Problem gelöst, entspannt Euch", sei die Haltung damals gewesen, so Kema. Ein Umdenken schien nicht nötig, und ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts pflanzte man nun eben diese Banane an, rund um den Globus.

Und verdiente damit eine Menge Geld: Bananen im Wert von etwa 7 Milliarden US-Dollar wurden allein 2015 laut Welternährungsorganisation FAO exportiert. Den Weltmarkt dominieren vier große Fruchtkonzerne: Chiquita, Dole, Del Monte und Fyffes. Nach Getreide, Reis und Mais ist die Banane die viertwichtigste Nahrungspflanze weltweit - besonders in den Äquatorländern.

Etwa 85 Prozent der weltweiten Bananenernte von über 100 Millionen Tonnen werden vor Ort konsumiert, nur 15 Prozent gehen in den Export, vor allem nach Europa und in die USA. In Deutschland ist die Banane nach dem Apfel die zweitbeliebteste Frucht - jeder Deutsche isst im Schnitt elf Kilo Bananen im Jahr.

Cavendish weiterentwickeln?

Doch genau dieses Geschäft bedroht der sich immer schneller ausbreitende Erreger. Was also tut die Industrie heute? Von Umdenken noch immer keine Spur. "Wir haben wegen TR4 noch keine Gewinneinbußen", sagt Andrew Biles, CEO des weltweit größten Bananenproduzenten Chiquita. Das Unternehmen ist überzeugt, die Lösung bereits an der Hand zu haben - mit einem weiterentwickelten Cavendish-Klon, den "Giant Cavendish Tissue Culture Variants".

"Der Einsatz dieser Giant-Cavendish-Variante hat sich als effektiv im Kampf gegen die Krankheit erwiesen", sagt Biles. Der Bananenforscher Kema dagegen hält das für ein "Märchen". Zwar zeigten seine wissenschaftlichen Tests, dass diese Variante weniger anfällig sei - aber nicht wirklich resistent gegen den Pilz. "Früher oder später werden auch diese Bananenpflanzen krank - das zögert das Ende der Cavendish nur hinaus."

Andere sehen in der Gentechnik die Chance der Zukunft. Erste Feldversuche dazu gibt es in Uganda, aber Industrie und Wissenschaft winken eher ab. "Gentechnik könnte potenziell eine Lösung sein, ist aber besonders in Europa zu wenig akzeptiert. Wir arbeiten nicht dazu", sagt Chiquita-Manager Biles.

Die FAO fordert dagegen eine grundsätzliche Abkehr von der Monokultur. Auch Gert Kema will die genetische Vielfalt der angebauten Bananen erhöhen. Hunderte Bananensorten gibt es weltweit, darunter seien 10 bis 15 Prozent wirklich resistent gegen TR4. "Diese wilden Bananen müssen wir mit unseren kommerziellen Sorten kreuzen und so neue, widerstandsfähige Sorten hervorbringen." Doch genau das fehle: ein kommerzielles, langfristig angelegtes Zuchtprogramm für Bananen. "Wir brauchen mehr Investitionen in Forschung und Entwicklung, für mehr Vielfalt auf den Plantagen", sagt Kema.

Das braucht zwar Zeit. Aber Aussterben würde die Banane dann sicher nicht. Bereits heute sind Bananen beileibe nicht immer nur gelb - manche sind rot oder grün, andere fingerdick oder daumenkurz, und sie können sogar nach Apfel schmecken.

Die Recherche-Serie
Über viele Nachrichten und Menschen wird eine Zeit lang sehr ausführlich berichtet - dann verschwinden sie wieder aus den Schlagzeilen. Wie entwickeln sich die Themen weiter, was wurde aus den Personen? Das erklären wir in dieser Serie.
Alle bisherigen Beiträge der Serie finden Sie hier.



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allessuper 16.11.2016
1. eine grundsätzliche Abkehr von der Monokultur. Aha.
So lange unser hochbegabter Agrarminister Christian Schmidt (CSU) den Kotau vor jedem Konzern macht, ist da nicht viel zu erwarten. Herr Schmidt selbst ißt keine Bananen, freut sich auf gentechnisch manipulierten Honig, soweit noch vorhanden, und ernährt sich sonst ausschließlich von wahlweise von Glyphosat (Monsanto) oder Volpel (Bayer) - oder wie das gemeinsame Produkt künftig heißen wird - behandelten Nahrungsmitteln, gern von Vogelgrippe-Hühnern, da ihm die Chlorhühner vorerst nicht zur Verfügung stehen. (TTip auf Eis.) und Fleisch von Antibiotika-Rindern. Das sieht man ihm auch an, irgendwie. Aber interessanter ist, wo der Herr Schmidt nach seiner Zeit als Agrarminister weichlanden wird. Fragen über Fragen.. (Sarkasmus entstand in Folge einer Überdosis an Glutamat)
mik.a 16.11.2016
2.
Ja das kommt davon wenn man auf Massenproduktion legt. Früher oder später wird alles von irgendwelchen Pilzen und Viren voll sein (siehe Vogelgrippe bei Hühnerhaltung). Sowas ist einfach gegen die Natur und diese währt sich irgendwann.
strixaluco 16.11.2016
3. Genetische Verarmung ist auch das Problem von aktueller Gentechnik!
Genau das, was jetzt mit den Bananen passiert, könnte der Landwirtschaft auch noch mit einer ganzen Menge anderer Pflanzen passieren, die durch zu starke "Optimierung" und dementsprechende genetische Verarmung nicht mehr anpassungfähig sind. Der absolute Gipfel dieser Entwicklung ist die "Grüne Gentechnik", die in den USA schon einige der "besten Tricks" der Natur durch die Züchtung von hyperresistenten Schädlingen verdorben hat. Etwas anderes als pervertierte Züchtung betreibt man nicht, wenn man einem Fressfeind, der permanent Abertausende Varianten mit vielen Millionen Individuen produziert eine einzige Resistenzvariante (oder wenige) vorsetzt, an der er dann eben so lange probiert, bis er's geschafft hat und sich wie verrückt vermehrt. Das kann eine Weile dauern, und in der Zeit können die entsprechenden Firmen vielen Landwirten einreden, dass ihre Methode fantastische Erträge erbrächte - aber das böse Erwachen ist vorprogrammiert, einfach, weil das mathematische Verhältnis extrem zu Ungunsten der "Besserwisser" steht, die meinen, man könnte biochemische Vorgänge genauso einfach verbessern wie der Klempner die kaputte Leitung zur Dusche repariert. Evolution, die Anpassung von Lebewesen, funktioniert genau deswegen, weil es bei der Fortpflanzung ständig Kopierfehler gibt und deswegen für jede mögliche bis fast unmögliche Situation eine Variante bleibt, die passt. Es ist perfekt, dass wir nicht perfekt sind, das ist eine Stärke und keine Schwäche! Die Evolution ist im Übrigen auch keine Olympiade; es geht nicht darum, was am "Besten" ist, was das sein könnte, ändert sich sowieso jeden Tag. Es kommt erst einmal darauf an, dass alles funktioniert, und dass ein Lebenwesen es irgendwie bis zur Fortpflanzung schafft, die Betonung liegt auf irgendwie. Unauffällig sein kann genauso funktionieren wie schnell rennen können. Die Situationen, in denen "Höchstleistung" gefragt sind, nehmen wir sehr stark wahr, aber sie sind nicht unbedingt alltäglich. Es gibt auch kaum ein Merkmal, dass nicht sowohl Vor - als auch Nachteile hätte. Die eierlegende Superwollmilchsau scheint nicht wirklich zu funktionieren, sonst liefe hier nach über vier Milliarden Jahren Evolution wohl nichts anderes mehr herum!
permissiveactionlink 16.11.2016
4. Schlimmste, verrückteste...
Monokultur der Welt. Und Kartoffeln ? Die wachsen bis zum Horizont als Klone. Allerdings in mehr zugelassenen Sorten. Es werden immer nur wieder erbgleiche Pflanzen vegetativ über Knollen vermehrt. In Irland hat das mal zur Katastrophe geführt (1845-1849). Und heute gibt es m.W. nur noch ein einziges Fungizid, mit dem sich die Kartoffelfäule bzw. ihr Erreger Phythophtora infestans bekämpfen lässt.
rl_germany 16.11.2016
5. ohne Bananen ist das Leben sinnlos
Ich bin weit im Osten des Landes geboren und aufgewachsen. Und ich erfülle alle Klischees diesbezüglich, ich liebe Bananen und habe diese bis heute nicht über. Die Banane war immer das Sinnbild für alles, was wir gar nicht oder nur ganz selten bekommen konnten. Wenn die Banane verschwindet, wird alles sinnlos. Rettet die Bananen! Bitte! :-)
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