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Bangladesch: In der Todeszone des Klimawandels

Aus Char Bangla berichtet

Der Klimawandel treibt die Meerespegel in die Höhe - und bedroht damit den Lebensraum von Millionen Menschen. Bangladeschs bettelarme Bevölkerung ist akut bedroht, viele Hütten liegen nur Zentimeter über der Flutkante. Sie ahnen nichts von der Gefahr durch die anschwellenden Ozeane.

Shahidul Mullah hat eigentlich keine Zeit. Mit Freunden von der Insel Char Bangla hockt er auf einem Dach-Skelett aus Bambusstäben, das den neuen Stall für die Hühner und Kühe decken soll. Bald, das weiß er aus Erfahrung, wird der Monsun kommen und die gesamte Insel überfluten. Bis dahin muss der Stall fertig sein, vor allem das Dach aus Stroh.

Auf dem etwa einen Meter hohen Lehmplateau, das den neuen Stall und die Hütte trägt, wird Mullah mit seiner Familie wochenlang ausharren, bis die Flut zurückgeht. Dann werden sie auf den mit fruchtbarem Schlamm überfluteten Feldern wieder Chilis und Rüben anbauen. So war es immer, seit Shahidul Mullah hier lebt. Er muss sich also beeilen.

Das Wort Klimawandel hat Shahidul Mullah noch nie in seinem Leben gehört. Er hat weder Strom noch einen Fernseher, noch kann er lesen. Während die Welt über die globale Erwärmung mit dem prognostizierten Anstieg des Meeresspiegels debattiert, lebt der 32-jährige Farmer an der allerersten Frontlinie des Klimawandels. Wie ein langer Finger streckt sich sein Char, Bengalisch für Insel, tief hinein in den Bengalischen Golf. An ihm vorbei fließt einer der 13 Flüsse, die Bangladesch zu einem riesigen Delta zwischen den Gletschern des Himalajas und dem Golf machen. Nur 20 Meter vor ihm schieben sich Wassermassen friedlich und glitzernd in Richtung des nahen Ozeans.

Shahidul Mullahs Heimat, das südliche Bangladesch, gehört zu den verletzlichsten Stellen der Erde, wenn der Meeresspiegel steigt. "Selbst wenn die Menschen morgen komplett mit dem Ausstoß von Kohlendioxid aufhören würden, stünden schon bald große Teile des Südens unter Wasser", sagt der Klimaforscher Atiq Rahman. Rund zehn Millionen Menschen leben in Gebieten Bangladeschs, die weniger als einen Meter über dem jetzigen Meeresspiegel liegen. Hinzu kommen die Flussläufe, über die das Meerwasser ins Landesinnere drängen kann. Die Insel von Shahidul Mullah wird es schon bei einem Anstieg des durchschnittlichen Meeresspiegels um wenige Zentimeter nicht mehr geben - und dieses Ausmaß gilt schon jetzt als sicher.

Auch ohne Fernsehen und ohne Zeitungen weiß Shahidul Mullah instinktiv, dass mit dem Wetter etwas nicht stimmt. "Jedes Jahr wird es wärmer, jedes Jahr kommen mehr Stürme, und der Monsun wird unpünktlich", sagt der Familienvater. Jedes Jahr stieg auch der Wasserspiegel vor seinem Haus ein wenig an. "Als ich hierhin zog, hatten wir noch drei Felder vor dem Haus, nun sind es nur noch zwei", sagt der von der harten Arbeit gebeugte Mann. "Ich fürchte, dieses Jahr wird mir das Wasser wieder ein Stück nehmen." Die Plattform für den kleinen Stall hat er vorsorglich schon einen halben Meter höher bauen lassen. "Man weiß ja nie, was kommt."

Dass es einen Klimawandel gibt, wissen im Süden Bangladeschs nur wenige. Selbst der lokale Korrespondent der "Daily Prothomalo", mit einer Auflage von rund 300.000 Stück die auflagenstärkste Zeitung in der Region, bezeichnet die Berichte über die globale Erwärmung als "Gerüchte". An seinem kleinen Transistor-Radio hat Libtom, ein gepflegter, mit seiner Brille intellektuell wirkender Mittdreißiger, etwas über einen Report gehört. Gemeint ist der aktuelle Sachstandsbericht des Uno-Klimarats IPCC. "Wir versuchen gerade, mehr darüber herauszufinden", sagt Libtom. Verrücktes Wetter in der Region sei doch völlig normal, meint er, die Menschen wüssten damit umzugehen. Ähnlich geht die Regierung vor, die nun erstmals eine Arbeitsgruppe bildete, um die IPCC-Studie zu prüfen.

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Der Weg an die vorderste Front des Klimawandels ist lang. Zwölf Stunden geht es mit einer der überfüllten Fähren von der Hauptstadt Dhaka nach Patukali, von dort quält sich ein vierradgetriebener Jeep stundenlang die wenigen Kilometer nach Galachipa. Hier enden endgültig alle Straßen. Angekommen im riesigen Flussdelta, einer zerrissenen Landschaft von länglichen Inseln, kommt man in Richtung Golf nur noch mit dem Boot weiter. Zwei Stunden rast unser Fahrer mit dem Speedboat durch die teils engen Kanäle. Immer wieder öffnen sich kilometerbreite Flüsse, deren Wasser braun wie Milchkaffee ist. Karten gibt es von dem Gebiet nicht, jeder im Boot hat für die Flüsse andere Namen.

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