Bangladesch: Strand rettet Land

Von Joachim Hoelzgen

Bitterarm, von Naturkatastrophen geplagt, politisch instabil - Bangladesch hat enorme Probleme. Jetzt sind Wahlen, doch viele Einwohner kümmert das kaum: Sie haben aus eigener Kraft und mit beeindruckendem Optimismus gelernt, ihr Elend zu bekämpfen.

Wie eine Klammer umschließt Bangladesch den Golf von Bengalen, den Nordostteil des Indischen Ozeans. Satte Farben übertünchen das tropische Land am Delta der großen Ströme Ganges und Brahmaputra, in dem sich ein Labyrinth von Wasserstraßen, Inseln und Seen befindet. "Nichts ist hier sicher, jedes absorbiert ständig das andere", schreibt der Bestsellerautor Amitav Ghosh über diesen nur schwer durchschaubaren Teil der Welt.

Das aber gilt nicht nur für die enormen Kräfte, die auf Bangladesch einwirken: Sturmfluten, Zyklone und der weltweite Klimawandel mit dem Anstieg des Meeresspiegels, der an der Ostküste von Bangladesch bei Cox's Bazar erstaunliche 7,8 Millimeter pro Jahr ausmacht.

Was Amitav Ghosh im größten Flussdelta der Welt gesehen hat, gilt auf skurrile Weise auch für die Politik in Bangladesch. Das Land hat schon einen Einparteienstaat, Militärregime und abwechselnd korrupte Regierungen erlebt - und am Montag nächster Woche ist das 150-Millionen-Volk der Bangladescher wieder zur Wahl aufgerufen. Die Entscheidung fällt zwischen zwei Frauen, die wegen Korruptionsvorwürfen zuletzt im Gefängnis saßen und im Wahlkampf mit kugelsicheren Limousinen unterwegs waren.

Unabhängig davon also, ob die Chefin der Awami-Liga, Scheich Hasina Wajed, oder die Ex-Premierministerin Khaleda Zia triumphiert, darf jetzt schon bezweifelt werden, dass Bangladesch endlich an Stabilität gewinnt.

Armut verringert mit Kleinstkrediten

Dabei ist am Golf von Bengalen in den vergangenen Jahren einiges erreicht worden. Man hat zu dem großen Nachbarn Indien aufgeschlossen, die Kindersterblichkeit verringert und die Alphabetisierungsquote gesteigert - und dank der Mikrokredite des Nobelpreisträgers Muhammad Yunus ist die Armut verringert worden. Die Kleinstkredite seiner Bank haben vor allem Frauen geholfen und viele von ihnen etwa zu Besitzerinnen von Marktständen in den Millionenstädten Dhaka und Chittagong gemacht.

Die Mehrzahl der Menschen in Bangladesch arrangiert sich unterdessen mit Gleichmut und oftmals verblüffender Einsatzfreude mit den Problemen des Landes. 40.000 Freiwillige sind zum Beispiel in einem Frühwarnsystem zusammengefasst, das erfolgreich der Gewalt von Zyklonen begegnet. Sie radeln nach der ersten Radiowarnung auf Fahrrädern durch die Küstendörfer und rufen die Bewohner mit Megafonen zur Evakuierung auf - so zuletzt bei dem Zyklon "Rashmi", der am 28. Oktober auf das südliche Bangladesch geprallt war.

Warnsystem verringert Opferzahl bei Wirbelstürmen

"Rashmi" forderte nur eine Handvoll Todesopfer - ein Novum in der Geschichte der Wirbelstürme, die über Bangladesch hinwegziehen. "Tausende haben bewirkt, dass sich Zehntausende retten konnten", lobte Mohammed Alam, Generalsekretär der Hilfsorganisation Roter Halbmond die Radfahrer mit den Megafonen.

Auf den Inseln der Ganges- und Brahmaputra-Mündung hat man sogar den Monsun besiegt, der von Juli bis Oktober die Straßen unter Wasser setzt. Um trotz der Überflutungen den Schulunterricht gewährleisten zu können, hat man eine Flotte von Hausbooten in schwimmende Schulen umgewandelt, angetrieben von Solarzellen auf den Dächern der Boote.

Lautlos gleiten die schwimmenden Schulen durch Wasserläufe und Mangrovenwälder und machen vor Dörfern halt, um Schulkinder aufzunehmen. Die Stiftung des Microsoft-Gründers Bill Gates zeigte sich von der Idee so beeindruckt, dass sie die Schulboote mit einem Preis auszeichnete - und mit Computern, die es vorher in der Welt der Mangroven nicht gegeben hat.

Einfache Schutzmaßnahmen gegen die Flut

Vor der Ostküste Bangladeschs haben sich Fischer und Bauern darangemacht, die Insel Kutubdia vor Erosion und Sturmfluten zu schützen. Sie haben die Strände mit Steinen bewehrt, und sie erproben mit einfachen Mitteln neue Anbaumethoden von Reis und Gemüse. Sie biegen Bambusrohre und spannen darüber Bögen aus Zellophan - und verhindern so, dass die künstliche Bewässerung verdunstet.

Das Meer und die Wucht der Zyklone haben Kutubdia in nur einem Jahrhundert dramatisch verkleinert: Von einst 250 Quadratkilometern sind gerade noch 37 Quadratkilometer erhalten geblieben, meldet der Uno-Informationsdienst Irin. Und obschon 10.000 Familien auf das Festland umgesiedelt wurden, harren noch 150.000 Menschen auf der Insel aus. Hilfswerke zeigen ihnen neue Methoden der Garnelenzucht; auch die Gewinnung von Meersalz in eigens dafür angelegten Becken ist auf Kutubdia zu einem gutgehenden Geschäftszweig geworden.

Neu ist für die Küstenregion auch ein touristischer Magnet gleich gegenüber Kutubdias: ein gut 120 Kilometer langer Sandstrand, der sich bis zu der Stadt Cox's Bazar erstreckt. Surfer aus Australien und den USA haben die dortige Brandung bereits entdeckt, und in Cox's Bazar gibt es einen Surf-Club, den ersten von Bangladesch. Er steht auch jungen Frauen offen, die aber den Regeln des muslimischen Bangladesch entsprechen müssen und mit T-Shirts- und Baumwollhosen zum Surfen gehen.

Nur jeder 1000. Tourist, der Südasien bereist, hat bisher in Bangladesch die Ferien verbracht. Das aber soll der Strand von Cox's Bazar nun ändern. "Sein Potential ist grenzenlos", meint der Lokalpolitiker Mohammed Shahiduzzaman.

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