Dubiose Umfrage Das Umweltmärchen-Ministerium

Die Deutschen würden gern aufs Auto verzichten - das hat angeblich eine Umfrage ergeben, meldet das Umweltministerium. Die Geschichte einer Posse.

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Die Bundesregierung war begeistert: "Unsere Zahlen zeigen deutlich, dass die Bevölkerung umweltpolitische Maßnahmen unterstützt und die Intentionen der aktuellen Umweltpolitik überwiegend teilt", fasste das Umweltbundesamt (UBA) seine Umfrage unter den Deutschen zusammen. Das war vor 17 Jahren.

Seither veröffentlicht das Bundesumweltministerium, dem auch das UBA unterstellt ist, nahezu jährlich die Ergebnisse neuer Umfragen mit stets ähnlichem Resümee: Die Deutschen wünschten sich mehr Umweltschutz.

Die Ergebnisse kommen dem Ministerium zupass, weil es sich für eben jene Ziele einsetzt, die sich die Deutschen den Umfragen des Ministeriums zufolge angeblich wünschen. Wie sich am Mittwoch allerdings abermals zeigte, gibt es Unterschiede zwischen den tatsächlichen Umfrageergebnissen der Bundesregierung und ihren Interpretationen.

"Eine große Mehrheit der Deutschen will nicht mehr so stark auf das Auto angewiesen sein", erklärte das Umweltministerium am Mittwoch unter Verweis auf seine "Umweltbewusstseinsstudie". "Die Menschen sind bereit, auf das Auto zu verzichten, aber sie brauchen gute Alternativen", sagte Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) bei der Präsentation ihrer neuen Umfrage.

Die Pressearbeit des Ministeriums funktionierte gewohnt zuverlässig. Es hatte Hendricks' Botschaft wie üblich einer Zeitung vorab gesteckt, Agenturen griffen die Exklusivnachricht auf, und noch vor der Pressekonferenz am Mittwoch in Berlin hatten fast alle deutschen Nachrichtenmedien gemeldet, dass die Deutschen gerne auf das Auto verzichten würden (auch SPIEGEL ONLINE).

Als dann die Umfrage selbst in Gänze veröffentlicht wurde, war Hendricks' Botschaft bereits prominent verbreitet. So ging unter, dass die tatsächlichen Ergebnisse der Umfrage eine Abkehr der Deutschen vom Automobil gar nicht zeigen.

Was wirklich in der Umfrage steht

Das Umweltministerium hatte Deutsche gefragt, die häufig Auto fahren: "Können Sie sich zukünftig unter bestimmten Bedingungen vorstellen… a) häufiger zu Fuß zu gehen, b) häufiger mit dem Fahrrad zu fahren, c) häufiger öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen, d) Fahrgemeinschaften zu bilden, e) Carsharing zu nutzen.

Das Ergebnis: Die Deutschen Autofahrer können sich mehrheitlich "unter bestimmten Bedingungen" vorstellen, häufiger zu Fuß zu gehen und häufiger Fahrrad zu fahren. Etwa die Hälfte könnte sich auch vorstellen, häufiger Bus und Bahn zu fahren. Fahrgemeinschaften und Carsharing können sich die meisten nicht vorstellen.

Sich etwas unter bestimmten Bedingungen vorstellen zu können, heißt noch lange nicht, mit etwas zu liebäugeln. Aber Hendricks ging ja noch weiter: Die Deutschen wären bereit, aufs Auto zu verzichten, hatte sie behauptet - und wohl eher ihrem Wunsch Ausdruck verliehen. Nach der Bereitschaft war in der Umfrage gar nicht gefragt worden.

Deutsches Doppelleben

Auch dass die Deutschen "nicht mehr aufs Auto angewiesen sein wollen", erschließt sich nicht aus der Umfrage des Umweltministeriums.

Es hatte gefragt: "Unsere Städte und Gemeinden werden gezielt so entwickelt, dass die/der Einzelne kaum noch auf ein Auto angewiesen ist, sondern ihre/seine Wege zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln erledigen kann. a) "Bitte geben Sie an, ob die Idee für Sie persönlich sehr viel, etwas, eher wenig oder überhaupt nichts zu einem guten Leben beitragen kann. b) Erachten Sie eine solche Umgestaltung auch für Ihre Stadt oder Gemeinde wünschenswert?"

Tatsächlich antwortete eine große Mehrheit der Befragten, eine Umwelt mit weniger Autos würde "zum guten Leben beitragen" und wäre "wünschenswert in der eigenen Gemeinde". Davon, nicht mehr aufs Auto angewiesen sein zu wollen, oder selber weniger Auto fahren zu wollen, war in der Umfrage nicht die Rede.

Die Posse fügt sich in das bizarre Umfrageritual des Bundesumweltministeriums. Seine letzte Erhebung, die 263.000 Euro gekostet hatte, fasste es vergangenes Jahr so zusammen: "Die Deutschen wünschen sich eine Landwirtschaft, die naturverträglich ist und das Wohl der Tiere respektiert. Die Bürgerinnen und Bürger senden uns starke Signale im Bereich der Agrarpolitik."

Bekenntnisse der Deutschen zu Wäldern, Tieren und Wiesen sollten das Umweltministerium damals politisch stärken gegenüber dem Landwirtschaftsministerium, das eher die Interessen von Bauern, Fischern, Förstern, Tierzüchtern, Jägern und der Agrarindustrie im Blick hat, deren Produkte jeder zwar gern genießt, was ein Bekenntnis zur Natur freilich nicht verhindert.

Das Doppelleben der rohstoffzehrenden und gleichzeitig naturverbundenen Wohlstandsgesellschaft ist in Deutschland tief verwurzelt. Umfragen des Umweltministeriums fördern es verlässlich zutage.

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CaptainEntropy 12.04.2017
1. Der deutsche Michel...
braucht immer noch mehrere Dutzend Pferdestärken, um seinen Hintern von A nach B zu transportieren. Daran wird sich auch so schnell nichts ändern, auch wenn es in den jüngeren Generationen einen Trend zur Abkehr von der Anhäufung materieller Besitztümer zu geben scheint. Das Auto ist im Grunde schon ein Fossil des 20. JH.
mps58 12.04.2017
2. Das wahre Erziehungsministerium
Darüber habe ich mich auch geärgert. Frau Hendricks macht es sich zur steten Aufgabe uns in ihrem ideologischen Sinne zu erziehen. Im dicken Dienstwagen ist man ja von den behaupteten Vorzügen des öffentlichen Nahverkehrs auch sehr weit entfernt. Dass die Frau Minister vermittels energetischer Bauvorschriften und einer Palette an Abgaben für die Rettung des Planeten auch Schuld an den hohen Mietpreisen hat und damit mit dazu beiträgt, dass wir uns die Städte nicht mehr leisten können, verschweigt diese Ministerin der Gerechtigkeitspartei natürlich nur zu gerne.
werners53 12.04.2017
3. Das fette Auto mit Chauffeur
Den ÖPNV der mich zum Verzicht aufs Auto bewegen könnte, können wir uns gar nicht leisten. ÖPNV ist unflexibel, unbequem, umständlich und teuer. Und was ich am Fahrschein spare zahl ich bei der Steuer dreimal drauf.
brunosacco 12.04.2017
4. 1001 Nacht
...vermutlich wird die Umfrage auch seit Jahren vom selben Institut erstellt - ohne Ausschreibung. Zukünftig könnte die Ministerin die gewünschten Antworten doch vorgeben und es werden dann nur noch die passenden Fragen gestellt. Wobei bei den Mehrheiten ist es doch eh wurscht was der Michel denkt. Da ist ja Putin professioneller....
retterdernation 12.04.2017
5. Grandios ...
das SPON genau das bestätigt, was wirklich, aber auch wirklich jeder gedacht hat, als die Befragung veröffentlich wurde. Sehr feiner Artikel - gut das man die Fragestellung auch jetzt kennt - das verstärkt das Grinsen zu einem Lacher. Statistiken sind heut zu Tage immer eine Frage der Interpretation. Oder anders betrachtet - Vorstellungen sind halt in der Regel mit Idealen verbunden. Doch die Umsetzung kostet Energie. Könnten Sie sich vorstellen zum Mond zu fliegen - und mindestens 50% würden ja sagen. ... ungefähr so ist das mit den Autofahrern die vom radeln - träumen.
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