Wissenschaft

Baumhummer

Er lebt!

Baumhummer galten als ausgestorben - doch nun zeigt eine Untersuchung: Einige der Insekten haben in Australien leicht verändert überlebt. Forscher planen eine große Ansiedlung auf einer Insel.

DPA/ You Ning Su/ CSIRO

Baumhummer: Einer mit dicken, einer mit dünnen Gliedmaßen

Freitag, 06.10.2017   12:26 Uhr

Die lange für ausgestorben gehaltenen Baumhummer haben überlebt. Was schon vermutet wurde, bestätigte jetzt ein genetischer Vergleich von lebenden Exemplaren der Gespensterschrecke und toten Tieren aus einer Insektensammlung, wie Forscher im Fachjournal "Current Biology" schreiben.

Die auf der australischen Lord-Howe-Insel lebenden Insekten galten als ausgerottet, nachdem Anfang des Jahrhunderts Ratten in das Ökosystem eingedrungen waren.

In den Sechzigerjahren hatten dann Kletterer auf der benachbarten Felsinsel Ball's Pyramid Überreste von Insekten entdeckt, die Baumhummern (Dryococelus australis) sehr ähnlich sehen. Später fand man dort auch lebende Exemplare. Die Inseln liegen rund 630 Kilometer vor der Ostküste Australiens.

"Der Baumhummer ist sinnbildlich geworden für die Zerbrechlichkeit von Insel-Ökosystemen", sagte Hauptautor Alexander Mikheyev vom japanischen Okinawa Institute of Science and Technology laut einer Mitteilung. Die Ratten hatten auf der Insel nicht nur die Baumhummer ausgelöscht, sondern auch fünf Vogel- und 12 weitere Insektenarten.

Nach der Entdeckung der Kletterer wurden mehrere Expeditionen auf die Insel Ball's Pyramid unternommen, bei denen auch lebende Gespensterschrecken gefunden wurden. Mit einigen von ihnen startete man im Zoo von Melbourne ein Zuchtprogramm.

Wegen einiger Unterschiede im Aussehen war aber lange Zeit nicht klar, ob es sich tatsächlich um Baumhummer handelt. So haben Exemplare aus dem Museum, die vor dem Aussterben gesammelt worden waren, deutlich breitere Oberschenkel und längere Stacheln am hinteren Beinpaar als die lebenden Insekten.

DPA/ Rohan Cleave/ Melbourne Zoo

Männlicher (oben) und weiblicher Baumhummer auf einem Blatt im Melbourne-Zoo

Auch sind die früher gesammelten Baumhummer überwiegend rotbraun, während die heutigen fast schwarz aussehen. Unterschiede zeigen sich auch am Rumpfende.

Die Gruppe um Mikheyev untersuchte das gesamte Erbgut von vier Tieren aus dem Zoo in Melbourne (Australien) und verglich es mit zwei Baumhummern aus der australischen nationalen Insektensammlung (ANIC). Insbesondere konzentrierten sich die Forscher auf den genetischen Code der Mitochondrien, die auch als Kraftwerke der Zellen bezeichnet werden.

Sie stellten fest, dass die Unterschiede zwischen heutigen und früheren Baumhummern höchstens 0,6 Prozent betragen, was innerhalb derselben Art üblich ist. So unterscheiden sich bereits die beiden Museums-Baumhummer um 0,55 Prozent.

Für Mitte 2018 ist geplant, dass die Ratten auf der Lord-Howe-Insel vergiftet werden. Anschließend sollen in Zoos gezüchtete Baumhummer auf der Insel ausgesetzt werden und so ihren ursprünglichen Lebensraum wieder besiedeln können.

"Im Gegensatz zu den meisten Geschichten, die das Aussterben betreffen, gibt es diesmal eine einmalige zweite Chance", sagt Mikheyev. Aber auch nach einer erfolgreichen Besiedlung werden Baumhummer zu den seltensten Insekten der Welt gehören.

Von Stefan Parsch, dpa/boj

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