Bauplan-Gen Forscher züchten zweiköpfige Quallen

Ein einziger Schalter im Erbgut reicht, um Meeres-Weichtiere mit zwei Köpfen zu züchten. Auch andere bizarre Missbildungen schufen Hannoveraner Biologen - und fühlten sich an die griechische Mythologie erinnert. Nur beim Enthaupten gab es einen Unterschied.


Zweiköpfige Rinder, Schlangen, Schildkröten - so etwas gilt als exotische Laune der Natur. Hin und wieder wird irgendwo auf der Welt ein Tier mit zwei Köpfen geboren. Meist sind dann die Fotografen der Nachrichtenagenturen zur Stelle, und die Bilder gehen um die Welt. Zuletzt geschah das im Mai 2006 mit einem zweiköpfigen Rind im ägyptischen Luxor. Nicht zuletzt erinnern solche Exoten die Menschen an das Fabelwesen Hydra aus der griechischen Mythologie - das ursprünglich neunköpfige Seeungeheuer, gegen das der Held Herakles (lateinisch Hercules) sich behaupten musste.

Hannoveraner Biologen haben nun herausgefunden, wie man solche Fehlbildungen bewusst herbeiführen kann: Bei Medusen der Art Eleutheria dichotoma blockierten sie ein einziges Gen, und schon wuchsen den Weichtieren zwei Köpfe. Das berichten Wolfgang Jakob und Bernd Schierwater in einem Beitrag für das Online-Wissenschaftsmagazin "PlosOne". Das sogenannte Cnox-Gen, das für dieses Kunststück blockiert wurde, ist den Hox-Genen höherer Tiere ähnlich. Von ihnen weiß man, dass sie für die Ausbildung der Grundgestalt entlang der Hauptachse des Körpers verantwortlich sind.

Manipulationen anderer Cnox-Gene brachten Medusen mit doppelter Tentakelzahl oder anderweitig gestörtem Bauplan hervor. Mit dem Experiment sei erstmals gezeigt worden, dass man die Vielköpfigkeit gezielt herbeiführen und reproduzieren kann, teilte die Tierärztliche Hochschule in Hannover mit.

Unterschied zwischen Medusen und Hydra

Für Evolutionsbiologen ist diese Erkenntnis nicht bloß als genetische Erklärung exotischer Missbildungen wertvoll. Sie könnte auch zeigen, wie in der Natur aus Einzeltieren ganze Nesseltier-Kolonien entstehen, indem zusätzliche Körperteile vom Muttertier gebildet werden.

Auch die Tierärztliche Hochschule zog einen Vergleich mit der Mythologie: "Im Labor ist das Fabelwesen Hydra real geworden." Einen wichtigen Unterschied zum Monster gebe es jedoch, beeilte man sich zu betonen.

Zwar seien die multiplen Köpfe in der Petrischale voll funktionsfähig. Aber wenn man den mehrköpfigen Quallen ein Haupt abschneide, so wachse lediglich eines wieder nach. Herakles soll hingegen die Erfahrung gemacht haben, dass der Hydra gleich zwei Köpfe nachwuchsen, wenn er einen abschlug. Genetisch ließe sich dieser Trick aber wohl kaum erklären.

stx



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