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Bedrohte Arten: Forscher fürchten massenhaftes Wirbeltier-Sterben

Es geht rasant bergab mit der Artenvielfalt auf der Erde: Jede fünfte Wirbeltierart ist laut einer umfangreichen neuen Studie vom Aussterben bedroht oder gefährdet. Die Wissenschaftler sprechen schon vom sechsten Massentod der Erdgeschichte - zeigen aber auch, dass Artenschutz funktioniert.

Artensterben: Wie der Mensch die Natur bedroht Fotos
AFP

Zuletzt erwischte es die Dinosaurier: Der Einschlag eines Meteoriten, möglicherweise begleitet von gewaltigen Vulkanausbrüchen, leitete vor rund 65 Millionen Jahren eine globale Apokalypse ein. Rund die Hälfte aller Tierarten starben aus, darunter auch die Riesenechsen. Es war das fünfte und bislang letzte Mal, dass es in der Erdgeschichte zu einem Massenaussterben gekommen war - einem katastrophalen Ereignis, bei dem in geologisch kurzer Zeit ein großer Teil der Tier- und Pflanzenarten verschwindet.

Seit einiger Zeit hegen Forscher den Verdacht, dass der rasante Artenrückgang der Gegenwart ebenfalls die Kriterien eines Massenaussterbens erfüllt - und eine neue Studie bestätigt das jetzt. "Die Ergebnisse stützen die Annahme, dass unser Planet gerade sein sechstes Massenaussterben erlebt", teilt die an der Untersuchung beteiligte California Academy of Sciences mit.

Ein internationales Team aus 174 Wissenschaftlern von 15 Instituten in 38 Ländern hat eine Reihe früherer Untersuchungen zur Entwicklung der Artenvielfalt ausgewertet. Die Experten waren so nach eigenen Angaben erstmals in der Lage, die Aussterbensrate unter Wirbeltieren erstmals global zu beziffern. Das erschreckende Ergebnis: 20 Prozent der Wirbeltierarten sind momentan vom Aussterben bedroht, und jedes Jahr erhöht sich für durchschnittlich 52 weitere Arten der Gefährdungsstatus auf der Roten Liste der Internationalen Naturschutzunion (IUCN).

Jede fünfte Wirbeltierart bedroht

Die Wissenschaftler haben unter Leitung des IUCN-Experten Michael Hoffmann fünf aktuelle Umweltstudien verglichen und zusätzlich viele weitere Untersuchungen zur Entwicklung der Biodiversität auf der Erde ausgewertet. Die Analyse erfasste 25.780 Säugetiere, Amphibien, Fische, Vögel und Reptilien. 20 Prozent dieser Arten werden aktuell als bedroht eingestuft, schreiben die Wissenschaftler im Fachblatt "Science". Als "vom Aussterben bedroht", "stark gefährdet" und "gefährdet" gelten laut IUCN:

  • 25 Prozent der Säugetiere,
  • 13 Prozent der Vögel,
  • 22 Prozent der Reptilien,
  • 41 Prozent der Amphibien,
  • 33 Prozent der Knorpel- und 15 Prozent der Knochenfische.

Obwohl die Wirbeltiere nur etwa drei Prozent aller Tierarten stellen, kommt ihnen dennoch eine zentrale Schlüsselfunktion in den Lebensgemeinschaften zu. Sterben bestimmte Arten aus, kann das zu fatalen Kettenreaktionen in den Ökosystemen führen. Die Analyse der gesammelten Daten ergab eine große Übereinstimmung in den Grundaussagen der verschiedenen Studien, sagte Paul Leadley von der Universität Paris-Süd, einer der Autoren: "Unseren Ergebnissen zufolge steht außer Frage, dass wir einen katastrophalen Artenschwund erleben werden, wenn wir so weitermachen wie bisher."

Zwar ist es ein natürlicher Vorgang, dass Arten verschwinden und neue entstehen. Doch in den vergangenen vier Jahrzehnten ist die Aussterberate der Studie zufolge auf das 20- bis 30-fache des normalen Werts gestiegen. Die wichtigsten Ursachen sehen die Wissenschaftler im Schrumpfen der Lebensräume, der übermäßigen Nutzung durch Jagd oder Fischfang und auch durch das Einwandern fremder Tierarten, die ansässige Arten verdrängen. Auf der aktuellen Roten Listeder IUCN stehen mehr als 17.000 Tierarten, die gegen das Aussterben kämpfen.

Artenschutz kann funktionieren

Die Berechnungen der Forscher zeigen allerdings auch, dass Naturschutzmaßnahmen durchaus Erfolg haben können. Demnach wären der Verlust und der Rückgang der Artenvielfalt noch um 20 Prozent schlimmer, hätte es in den letzten 40 Jahren nicht Projekte gegeben, um die Natur und bedrohte Arten zu schützen. Insgesamt seien neun Prozent der bedrohten Arten wieder auf dem Weg der Besserung.

So führt die Studie 64 Säugetier-, Vogel- und Amphibienarten auf, deren Status sich durch Schutzmaßnahmen verbessert habe. Unter ihnen befänden sich auch drei Spezies, die in freier Wildbahn bereits ausgestorben gewesen und erfolgreich wieder eingeführt worden seien: der Kalifornische Kondor und der Schwarzfußiltis in den USA sowie das Wildpferd in der Mongolei.

"Die Tatsache des enormen Verlusts an Artenvielfalt mag zu einem Gefühl der Hilflosigkeit führen", sagt Dean Mindell von der California Academy of Sciences in San Francisco, ein Mitautor der Studie. "Aber Umweltschutzmaßnahmen können helfen - wir hoffen, dass unsere Untersuchungen aktuellen und zukünftigen Umweltkampagnen mehr Nachdruck verleihen werden."

Artenschützer leiten aus den Ergebnissen der Studie eine klare Forderung an den derzeit stattfindenden Uno-Naturschutzgipfel im japanischen Nagoya ab. IUCN-Generaldirektorin Julia Marton-Lefèvre forderte von der Konferenz einen strategischen Plan für den Erhalt der Artenvielfalt im kommenden Jahrzehnt. "Artenschutz funktioniert - aber er braucht Unterstützung, und er braucht sie schnell."

Ob das geschehen wird, ist allerdings fraglich. Wie schwierig es ist, auf dem internationalen Parkett Einigkeit zu erzielen, zeigte im März zuletzt die Konferenz in Doha, wo der Versuch des Schutzes von Haien und Thunfisch kläglich scheiterte. Im gleichen Monat musste die EU ein Versagen beim Erreichen ihrer Artenschutzziele einräumen. Ursprünglich war geplant, den Artenrückgang bis 2010 zu stoppen. Dann aber gaben sich die europäischen Umweltminister Zeit bis 2020 - und selbst dieses Ziel hält der Pariser Forscher Leadley für "klangvoll, aber leider nicht realistisch".

mbe/dapd

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insgesamt 190 Beiträge
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1. ...
D50 27.10.2010
Alles was heute zählt ist das Wachstum der Wirtschaft. Nach allem was die Geschichte der Menschheit gezeigt hat, werden wir nicht aufhören bis sämtliche Ressourcen der Erde restlich verbraucht sind.
2. Problem?
4magda 27.10.2010
Wo ist das Problem? Die Erde ist 4 Mrd. alt, hat noch 4 Mrd. vor sich. Den Mensch gibt es halbwegs vernüftig seit ca. 20.000 Jahren und in 1000 Jahren hat er sich in Luft aufgelöst. Dann beginnen die neuen Experimente mit einer neuen Vielfalt von Arten und Rassen. Wie gesagt, die Erde hat kein Öko-Problem nur derzeit das Problem eines fehlgeschlagenen Experimentes. Aber das kann man eh bald zu den Akten legen.
3. Menschenvermehrung rasant aufwärts
snurdlebug 27.10.2010
Zitat von sysopEs geht rasant bergab mit der Artenvielfalt auf der Erde: Jede fünfte Wirbeltierart ist laut einer umfangreichen neuen Studie vom Aussterben bedroht oder gefährdet. Die Wissenschaftler sprechen schon vom sechsten Massentod der Erdgeschichte - zeigen aber auch, dass*Artenschutz funktioniert. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,725601,00.html
Weil die Menschen sich rasant vermehren zum Schaden ihrer selbst und der Umwelt, sterben viele Tiere aus, denn der Mensch nimmt ihnen ihren Lebensraum oder vergiftet sie. Aber die Knallköpfe mit Ausnahme von China haben noch keine nur 1 Kind Politik!
4. wann geht denn nun die Welt unter ?
strangequark 27.10.2010
Zitat von sysopEs geht rasant bergab mit der Artenvielfalt auf der Erde: Jede fünfte Wirbeltierart ist laut einer umfangreichen neuen Studie vom Aussterben bedroht oder gefährdet. Die Wissenschaftler sprechen schon vom sechsten Massentod der Erdgeschichte - zeigen aber auch, dass*Artenschutz funktioniert. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,725601,00.html
Kleiner Hinweis an die schreibende Zunft: Zuviel des Guten, Uebertreibungen und falsche Ankuendigungen erreichen irgendwann .... das Gegenteil.
5. Lol
gunman, 27.10.2010
Zitat von sysopEs geht rasant bergab mit der Artenvielfalt auf der Erde: Jede fünfte Wirbeltierart ist laut einer umfangreichen neuen Studie vom Aussterben bedroht oder gefährdet. Die Wissenschaftler sprechen schon vom sechsten Massentod der Erdgeschichte - zeigen aber auch, dass*Artenschutz funktioniert. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,725601,00.html
Na und? Wenn es schon 5x passiert ist, kommt es wohl kaum auf ein 6x an. Oh sry, ich vergaß, wir sind ja jetzt die Herren dieses Planeten und bestimmen neuerdings, was zukünftig im einzelnen passiert und jede Menge unterschiedliche Viecher, die die Natur im wieder im Wege von Try&Error hervorbringt sind ja wirklich was feines ... lol. Artenschutz ist eine absurde Betrachtung angesichts des endlichen, eigenen, kurzen Menschenlebens. Man selber übertrifft das Aussterben in jedem Fall durch seinen eigenen Tod. Bumms, Ende, aus, der Rest ist daneben so was von egal und nicht vorher sehbar, daher noch 2x lol.
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