Bedrohte Artenvielfalt Eröffnen wir mal 'ne Samenbank

Auf den Feldern und in den Gärten der Erde regiert die Monotonie. Immer mehr Nutzpflanzensorten verschwinden unwiederbringlich. Schon bald könnte das zum Problem werden. Experten versuchen, mit speziellen Genbanken gegenzusteuern - und damit, dass sie den Bauern mehr zuhören.

Von Charles Siebert


Überall auf der Welt schwindet die Vielfalt der Nutzpflanzensorten in hohem Tempo. Weltweit, sagen Experten, haben wir im Laufe der vergangenen hundert Jahre mehr als die Hälfte aller Nutzpflanzensorten verloren. Auch von den 8000 bekannten Nutztierrassen - ob Rinder, Schweine oder Hühner - seien 1600 bedroht oder bereits ausgestorben.

Das könnte rascher zu einem Problem werden, als viele denken: Wenn Krankheiten oder der Klimawandel die wenigen Pflanzensorten und Tierrassen treffen, von denen sich heute der größte Teil der Menschheit ernährt, brauchen wir vielleicht eine dieser Formen, die wir jetzt aussterben lassen. Zum Beispiel des Weizens.

Einer der ältesten Feinde des Weizens ist der Pilz Puccinia graminis (Getreideschwarzrost). Seine weltweite Verbreitung scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Die größte Sorge bereitet Fachleuten derzeit der Stamm Ug99, so genannt, weil man ihn 1999 in Uganda erstmals nachgewiesen hat. Von dort verbreitete er sich nach Kenia, Äthiopien, in den Sudan und den Jemen. 2007 übersprang er den Persischen Golf und gelangte in den Iran. Wissenschaftler erwarten, dass Ug99 bald den Weg in die großen Weizenanbaugebiete Indiens und Pakistans finden wird. Von dort könnte er Russland und China erreichen und schließlich - vielleicht in Form einer Pilzspore am Schuh eines Flugzeugpassagiers - die westliche Hemisphäre.

Ungefähr 90 Prozent aller auf der Welt angebauten Weizensorten sind anfällig für diesen Pilz. Sollte er die USA erreichen, wäre Getreide mit einem Wert von schätzungsweise einer Milliarde Dollar gefährdet. Ernährungswissenschaftler fürchten, dass allein der Verlust des derzeit gefährdeten Weizens einer Milliarde Menschen in Afrika und Asien ihr wichtigstes Nahrungsmittel nehmen könnte.

Der Mensch hat mehr als 10.000 Jahre gebraucht, um durch Auswahl und Zucht die ungeheure biologische Vielfalt an Nutzpflanzensorten und Tierrassen hervorzubringen, die wir heute kennen - und nun wieder schwinden sehen. Für jedes Klima, jeden Boden, jede Höhenlage entwickelten Bauern und Züchter speziell angepasste Formen.

Da ist etwa die nordamerikanische Schafrasse Gulf Coast Native: Sie verträgt große Hitze und hohe Luftfeuchtigkeit; außerdem ist sie resistent gegen zahlreiche Parasiten. Die Schafe der Rasse Ronaldsay auf den schottischen Orkney-Inseln können ausschließlich von Seetang leben. In Äthiopien halten die Bauern kleine Rinder der Rasse Sheko: Die haben keinen Höcker und kurze Hörner, produzieren viel Milch, kommen mit unwirtlichen Bedingungen zurecht und sind widerstandsfähig gegen die Schlafkrankheit. Solche Anpassungen sind nicht nur für die lokalen Bauern wertvoll, sie könnten es auch für Züchter in anderen Regionen der Erde sein.

Ein Tresor für Samen aus aller Welt

Eine Reaktion auf den Schwund der biologischen Vielfalt auf unseren Äckern ist der Versuch, die Samen möglichst vieler Nutzpflanzensorten zu sammeln und sicher aufzubewahren, ehe sie für immer verloren sind. Weltweit gibt es derzeit rund 1400 Saatgutbanken. Das ehrgeizigste Projekt ist Svalbard Global Seed Vault, ein Tresorgewölbe für Samen aus aller Welt, das auf der norwegischen Insel Spitzbergen, nur gut tausend Kilometer vom Nordpol entfernt, in den Permafrost betoniert wurde.

Manche nennen es Arche Noah, eine Art Versicherung gegen den Weltuntergang. Initiiert wurde der Bau von dem Agrarexperten und Umweltschützer Cary Fowler. Untergebracht sind darin Kopien aller anderen Sammlungen, die es weltweit gibt: in einer ständig gekühlten, erdbebensicheren Zone 122 Meter über dem Meeresspiegel.

Einen ähnlich wichtigen Beitrag gegen die Generosion - das Aussterben von Kulturpflanzen und der mit ihnen verwandten Wildarten - leistet die Genbank des Leibniz-Instituts für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK) an seinem Standort in Gatersleben in Sachsen-Anhalt. Mit einem Bestand von knapp 150.000 Mustern aus 2650 Arten und 779 Gattungen zählt das IPK zu den weltweit größten Einrichtungen dieser Art.

Fowlers Stiftung, der Global Crop Diversity Trust, kündigte kürzlich an, zehn Jahre lang weltweit nach wildem Weizensorten, Reis, Roggen, Linsen und Kichererbsen zu suchen, "um die Landwirtschaft für den Klimawandel zu rüsten". Sie hoffen, genetische Eigenschaften wie Toleranz gegen Trockenheit und Überflutung oder Resistenz gegen Krankheiten wenn nötig auf unsere empfindlichen Nutzpflanzensorten übertragen zu können.

Saatgutbanken sind aber nur eine Methode der Zukunftssicherung. Mindestens ebenso wichtig ist es, die Kenntnisse der Bauern in aller Welt zu bewahren. Sie haben über viele Generationen hinweg die von uns genutzten Samen und Rassen in Anpassung an ihre jeweilige Umwelt gezüchtet. Das Wissen in den Köpfen der Bauern ist die vielleicht kostbarste und am stärksten gefährdete Ressource unserer Tage.


Die ungekürzte Fassung dieses Textes stammt aus National Geographic Deutschland, Ausgabe August 2011. Mehr Informationen finden Sie unter www.nationalgeographic.de .



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Seite 1
mc6206 07.08.2011
1. Alter Hut
Zitat von sysopAuf den Feldern und in den Gärten der Erde regiert die Monotonie. Immer mehr Nutzpflanzensorten verschwinden unwiederbringlich. Schon bald könnte das zum Problem werden. Experten versuchen, mit speziellen Genbanken gegenzusteuern - und damit, dass sie den Bauern mehr zuhören. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,777689,00.html
Das ist ein alter Hut. Die UN haben über genetische Banken sein 30 Jahren diskutiert und wenn ich mich nicht irre, dann gibt es die auch schon seit langem. Stichwork Biodiversity und Genebanks.
kwkd 07.08.2011
2. Ein wichtiger Beitrag
zumal die Ackerböden immer weniger werden (sie haben in Deutschland keine echte Lobby), die Menschheit weiter wächst und immer mehr Nahrungspflanzen zur Energiegewinnung zweckentfremdet werden.
querdenker13 07.08.2011
3. Monotonie
Zitat von sysopAuf den Feldern und in den Gärten der Erde regiert die Monotonie. Immer mehr Nutzpflanzensorten verschwinden unwiederbringlich. Schon bald könnte das zum Problem werden. Experten versuchen, mit speziellen Genbanken gegenzusteuern - und damit, dass sie den Bauern mehr zuhören. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,777689,00.html
Die Idee der Saatgutbanken ist gut, aber es ist nur eine Frage der Zeit bis BASF, Monsanto und andere wegen angeblicher Patentverletzung dagegen vorgehen werden. Und diese nur um ihre wirtschaftlichen Interessen durch zusetzen. Denn an einer biologische Vielfalt haben diese Firmen kein Interesse weil sie dann ihr genmanipuliertes Saatgut nicht mehr so häufig verkaufen können. Denn die angebliche Sicherheit dass diese Pflanzen, die Genmanipulierten, sich in freier Natur nicht vermehren und keinerlei Verunreinigungen bei Nachbarfelder verursachen ist eine *einzige Lüge!*
hinderschannes 07.08.2011
4. Gnothi Seauton
Zitat von sysopAuf den Feldern und in den Gärten der Erde regiert die Monotonie. Immer mehr Nutzpflanzensorten verschwinden unwiederbringlich. Schon bald könnte das zum Problem werden. Experten versuchen, mit speziellen Genbanken gegenzusteuern - und damit, dass sie den Bauern mehr zuhören. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,777689,00.html
Die Großbauern gehören zerschlagen und vergesellschaftet. Jeder sollte wieder seinen Garten hintern Haus haben und viel mehr Leute sollten in der Öko-Landwirtschaft tätig sein. Banker und BWLer gehören zuerst umgeschult. Die landwirtschaftlichen Produkte müssen wieder besser und teuerer und regionaler werden!
wintergreen 07.08.2011
5. ...
Zitat von sysopAuf den Feldern und in den Gärten der Erde regiert die Monotonie. Immer mehr Nutzpflanzensorten verschwinden unwiederbringlich. Schon bald könnte das zum Problem werden. Experten versuchen, mit speziellen Genbanken gegenzusteuern - und damit, dass sie den Bauern mehr zuhören. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,777689,00.html
noch besser wäre es, die verschwindenen Nutzpflanzen jedes Jahr (auch nur) in kleinen Mengen anzubauen, damit sich die Pflanzen den wechselnden klimatischen Bedingungen anpassen. Was nützt es, Samen jahrzehntelang einzufrieren und dann hervorzuholen, wenn sie gebraucht werden? Samen von Pflanzen alter und seltener Sorten müssen oft über einige Jahre hinweg gepäppelt werden, bis sie sich einigermassen robust entwickeln - dafür sind sie weniger anfällig für weit verbreitete Krankheiten (z.B. Tomaten- und Kartoffelkrankheiten). Der Ertrag ist übrigens oft um einiges tiefer als bei den neueren Sorten (~ 1/2 oder noch weniger, dafür ein grosser Reichtum an Geschmacksvarianten, die der Durchschnittskonsument gar nicht mehr kennt). Bei der UNO herrscht zweifellos viel guter Wille, es wird viel geschwatzt, aber beim praktischen Einsatz hat man die Nase meistens nicht vorne ;-)
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