Bedrohte Tierarten Die Arche-Noah-Formel

Welche Tierart braucht am dringendsten eine Art Arche Noah, um vorm Aussterben gerettet zu werden? Und wie viele Vertreter von ihnen müssten an Bord kommen? Mit einer Formel haben Wissenschaftler dies nun für eine afrikanische Rinderart berechnet. Das Ergebnis verblüfft.


Es war eine harte Entscheidung: Die Sintflut drohte alles Leben auf Erden zu vernichten. Und Noah war gewarnt. Er sollte sich und seine Familie und die Tiere vor dem Untergang retten.

Arche Noah (Zeichnung): Welche Tiere zuerst?
Corbis

Arche Noah (Zeichnung): Welche Tiere zuerst?

Die Geschichte aus der Bibel ist bekannt. Dass der bärtige Mann so kaum eine Art hätte retten können, auch. Im 21. Jahrhundert ist das Prinzip einer Arche Noah trotzdem hochaktuell, wenn auch unter anderen Vorzeichen. Biologen wollen bedrohte Arten vor dem Aussterben retten und fragen sich, wie sie das am besten anstellen sollen.

Welche Tiere haben die höchste Priorität? Wie viele bräuchte man wirklich? Wissenschaftler um Kerstin Zander von der Charles Darwin University in Australien und Karin Holm-Müller von der Universität Bonn haben untersucht, wie Noah seine Auswahl im Falle afrikanischer Rinder hätte treffen müssen. Das Ergebnis: 1000 weibliche Tiere und 100 männliche Tiere des Äthiopischen Borana-Rindes hätten an Bord gemusst.

Dass sich die Forscher Rinder für ihre Beispielrechnung ausgesucht haben, ist kein Zufall: Keine andere Gattung besitzt so viele ausgestorbene Rassen. 16 Prozent aller jemals gezüchteten Rinderrassen gibt es nicht mehr, schreiben die Forscher im Fachmagazin " Ecological Economics". 16 Prozent sind bedroht und von weiteren 30 Prozent ist der Status unbekannt. Die Ursache: keine Sintflut, sondern die globale Marktwirtschaft. Unrentable Rinderrassen - vornehmlich in Entwicklungsländern - können auf dem Markt nicht bestehen und sterben gnadenlos aus.

Der Verlust einer Tierart ist jedoch nicht nur aus biologischer Sicht dramatisch, auch unter ökonomischen Gesichtspunkten ist es nachteilig, wenn der Genpool kleiner wird. Zukünftige Zuchtoptionen sind für immer verloren. Und verbleibende Arten könnten - falls sie vom Klimawandel und Krankheiten bedroht werden - nicht durch Rückkreuzungen widerstandsfähiger gemacht werden."Dem Erhalt von Zuchtvieh gebührt ebenso viel Aufmerksamkeit wie dem von Wildtieren", schreiben die Forscher.

Maximaler Erfolg mit geringstem finanziellen Einsatz

Doch welche Art kann man überhaupt retten? Welchen Aufwand muss man dafür treiben? Welchen Rindern muss womöglich sofort geholfen werden, weil ihre Existenz in Gefahr ist? Ganz ökonomisch haben die Forscher das anhand einer Kosten-Nutzen-Analyse berechnet, dem sogenannten Weitzman-Ansatz, benannt nach dem Harvard-Ökonomen Martin Weitzman. Es ist eine Abwägung zwischen finanziellem Einsatz und voraussichtlichem Erfolg eines Arterhaltungsversuchs. Das Ziel sei, herauszufinden, wo man mit Geld am meisten erreichen könne, sagt Karin Holm-Müller. "Wenn eine Art nicht gefährdet ist oder falls die Chancen schlecht stehen, sollte man kein Geld in einen Rettungsversuch investieren."

Die Forscher errechneten, dass als erstes für das äthiopische Borana-Rind eine Art Arche Noah gebaut werden sollte, weil mit dem wenigsten finanziellen Einsatz der höchste Erfolg hinsichtlich seiner Rettung erreicht werden könnte. Das Borana-Rind kommt in mehreren afrikanischen Saaten vor und es gibt mehrere Subtypen: das äthiopische, das kenianische, das somalische und das Orma Borana.

In die Weitzman-Rechnung gehen folgende Faktoren ein:

  • Wie genetisch einmalig ist die Art?
  • Welche Marktpreise erzielen die Tiere?
  • Wie sehr kann die Überlebenswahrscheinlichkeit aufgrund eines Rettungsplans erhöht werden?
  • Wie hoch sind die Kosten für die Rettung?

Für die Einmaligkeit konnten die Wissenschaftler keinen Wert ausmachen, da keinerlei genetische Untersuchungen der Rinderrassen vorlagen. Die Überlebenswahrscheinlichkeit der Rinder sehen die Autoren in Äthiopien höher, da Kreuzungen mit lokalen Arten dort wichtiger sind als in Kenia. Zudem sei das Bewusstsein des Aussterberisikos des Borana in der äthiopischen Bevölkerung ausgeprägter. Dafür würden in Kenia höhere Marktpreise für die Rinder erzielt.

Um die Borana-Rinder zu retten, brauche man mindestens 1100 Tiere, schreiben die Forscher. Auf diese Zahl kommen sie anhand von Empfehlungen der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO). Eine Art sei nicht mehr gefährdet, wenn die Gesamtzahl der weiblichen Tiere mindestens 1000 und die der männlichen Tiere mindestens 20 betrage. So gesehen würden zwar 1020 Tiere ausreichen, schreiben die Wissenschaftler. Um die Rinder jedoch nachhaltig zu erhalten, sollte die genetische Variabilität erhöht werden. Zudem gehe man davon aus, dass nicht alle Tiere an einem Platz gehalten würden, sondern etwa auf 100 Bauernhöfe verteilt. So ergebe sich die benötigte Anzahl von 100 männlichen Tieren, damit ein Bauernhof mindestens ein Männchen erhalten könne.

Die Weitzman-Methode, so schreiben die Forscher abschließend, könne - auch bei fehlendem Datenmaterial - eine Hilfestellung dafür liefern, zu entscheiden, welche Arten man mit bestmöglichen Erfolg erhalten könne.

lub



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