Bedrohte Wildpferde: Bürokraten wollen 30.000 Mustangs schlachten lassen

Angeblich machen sie den riesigen Viehherden der Rancher das Grünfutter streitig - deshalb sollen nach Plänen aus Washington Tausende frei lebende Pferde geschlachtet werden. Letzte Hoffnung für den Wildwest-Mythos: Privatleute sollen die Mustangs adoptieren.

Hamburg/Washington - Die Frage nach dem gefährlichsten Säugetier ist längst beantwortet - es ist der Mensch, natürlich. Nach einer Meldung im britischen "Independent" kann diese Aussage jetzt weiter präzisiert werden. Noch grausamer, noch gefährlicher sind nämlich Bürokraten. Wie das Blatt am Sonntag berichtete, planen die Beamten des Landverwaltungsamtes (US Bureau of Land Management) in Washington, mehr als 30.000 Mustangs töten zu lassen.

Die Wildpferde sollen in Schlachthäusern zu Steaks verarbeitet werden, die man dann nach Frankreich exportieren will, wo offenbar ein Markt für solche Delikatessen besteht.

9000 Beamte zählt das Landverwaltungsamt, es ist zuständig für die Nutzung öffentlicher Ländereien, und davon gibt es in den USA mehr als eine Million Quadratkilometer. Eine wichtige Position im Aufgabenbereich der Wildnisverwalter ist die Beweidung solcher Flächen, und damit sind nicht etwa die Rechte der Mustangs auf freies Futter gemeint, sondern die Interessen amerikanischer Großrancher, die ihre gewaltigen Viehherden auch auf öffentliches Land treiben.

Schon vor Jahren haben sich die Rancher also vor dem Amt beklagt, dass die wilden Mustangs ihren Rindviechern zu viel Grün wegfressen würden. Die Entscheidung der Bürokraten: Um den Druck auf das karge Land zu reduzieren, fing man Tausende von Mustangs ein und pferchte sie auf staatseigenen Weiden zusammen - was das Problem nur verlagerte. Denn in Gefangenschaft musste man die Wildpferde nun füttern. Die Kosten dafür im Jahr: an die 21 Millionen Dollar.

Und die möchten die Herren und Damen vom Amt jetzt gerne einsparen. "Wir sind mit unserem Budget total in der Klemme", sagte ein Sprecher der Zeitschrift "USA Today". Man müsse die Zahl der gehaltenen Tiere drastisch reduzieren.

Überschrieben haben die Beamten ihr Konzept mit dem Titel "Euthanasia".

Warum Bürokraten Pferde fangen

Und damit haben sie den Zorn der Tierschützer heraufbeschworen. "Es gibt überhaupt nur noch etwa 33.000 dieser Pferde in der freien Wildbahn", schimpft Jerry Reynoldson von der Wild Horse Adoption Association, "Und sie leben über zehn Bundesstaaten verteilt. Aber Farmer und Rancher halten sich gut bezahlte Lobbyisten in Washington, die es bei den Behörden durchsetzen, dass immer mehr Pferde eingefangen werden."

Der Plan, diese Tiere zu töten, klagen Tierschutzaktivisten, wäre ein unwürdiges Ende für eine Kreatur, die einst mit den spanischen Entdeckern auf dem amerikanischen Kontinent angekommen sei. Einst seien sie so zahlreich gewesen, dass man auf Landkarten aus dem 17. Jahrhundert über manchen Regionen den Vermerk finden konnte: "riesige Mengen an Wildpferden".

Grob die Hälfte der wenigen verbliebenen Mustangs soll jetzt "Euthanasia" zum Opfer fallen.

"Etwas Zynischeres habe ich in meinem Leben noch nicht gehört", klagt Deanne Stillmann, die soeben ein Buch über den Mythos der amerikanischen Wildpferde veröffentlicht hat. "Der Begriff Euthanasie suggeriert, dass die Behörde diese Tiere von einem Elend erlösen will." Die Pferde sind in der Tat weder krank noch elend - sondern lediglich wirtschaftlichen Interessen und finanziellen Vorgaben im Weg.

Letzte Hoffnung der Mustangs: Adoption

Die letzte Hoffnung der stolzen Mustangs: Adoption. Das Landverwaltungsamt hat schon in der Vergangenheit immer wieder Tiere von den staatlichen Weiden an Privatleute abgegeben - nur sind es inzwischen so viele Tiere geworden, dass die Nachfrage nicht ausreicht, um die Kassen der Behörde ausreichend zu entlasten.

Einspringen könnte jetzt Madeleine Pickens, die Frau des texanischen Öl-Milliardärs T Boone Pickens. Sie plant ein Naturreservat mit einer Fläche von 400.000 Hektar einzurichten, auf der alle zum Tode verurteilten Mustangs freigelassen werden könnten. Sie will dafür sorgen, dass der amerikanische Mythos vom wilden Mustang überlebt. "Wir nehmen alle überzähligen Pferde und richten eine Art Themenpark ein", wird Pickens im britischen "Independent" zitiert, "wo die Familien mitten unter den Pferden wandern und zelten können - um diesen unglaublichen Teil unserer Geschichte kennenzulernen".

Noch hat Madeleine Pickens nicht mehr als eine Idee - aber immerhin hat das Konzept die Bürokraten bewogen, die Schlachtung der Mustangs noch bis in das neue Jahr auszusetzen.

oka

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