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Bedrohter Lebensraum: Das Meer sieht rot

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Die Kreaturen des Ozeans sind in Gefahr: Hunderte von Meeres-Arten stehen erstmals auf der Roten Liste, weil sie vom Aussterben bedroht sind. Wissenschaftler vergleichen die Folgen der menschlichen Kurzsicht mit den fünf großen Massensterben der Erdgeschichte.

Schon einmal vom Sägefisch gehört? Er zählt zur Familie der Rochen, hat aber auch Verwandte unter den Haien, was man an seinem schlanken Hinterteil und den markanten Rückenflossen unschwer erkennen kann. Aus seinem Kopf ragt das knöcherne Sägeblatt, dem er seinen Namen verdankt. Einige Arten dreschen damit auf Fischschwärme ein, andere ziehen das martialische Werkzeug friedlich wie einen Rechen durch den Schlick am Grund, um ihre Beute aufzuscheuchen. Sägefische leben in tropischen Gewässern, allein fünf Arten sind an Australiens Ufern zu Hause, sie werden bis zu sieben Meter lang. Ansonsten wissen wir nur wenig über diesen außergewöhnlichen Fisch, was bedauerlich ist, da wir kaum noch eine Chance haben werden, ihn näher kennenzulernen. Denn er steht auf der Roten Liste, und zwar in der Kategorie CR wie "critically endangered". Die deutsche Übersetzung sagt es deutlicher: Er ist "vom Aussterben bedroht".

Damit steht ihm das gleiche Schicksal bevor wie Zigtausenden Tier- und Pflanzenarten auf diesem Planeten, und wenn nicht die Weltnaturschutzunion regelmäßig ihre Rote Liste vorlegte, dann würde die Menschheit davon nicht einmal Kenntnis nehmen. Die offizielle Bezeichnung der Organisation lautet IUCN, International Union for Conservation of Nature and Natural Resources; sie hat ihren Sitz im schweizerischen Gland und versteht sich als eine Art UN der Flora und Fauna. Tatsächlich ist der Vergleich nicht weit hergeholt, denn die 1948 gegründete Union versammelt immerhin 82 Staaten unter ihrem Dach, 111 Behörden zählen zu ihren Mitgliedern und mehr als 800 Umweltorganisationen. An die 10.000 Wissenschaftler aus 181 Nationen arbeiten ehrenamtlich für die IUCN und tragen die Fakten zusammen, auf denen die Rote Liste basiert.

Lange hat die Union nach dem Feuerwehrprinzip agiert: ausrücken, wenn es brennt. Sobald die Forscher den Hinweis hatten, dass eine Spezies in Gefahr war, wurden ihre Lebensumstände unter die Lupe genommen. Die Methode hatte einen Nachteil: Sie produzierte die Momentaufnahme eines kleinen Ausschnitts; die Rote Liste wurde mit jedem Jahr und jeder Begutachtung länger, ohne dass man daraus auf den Gesamtzustand der Artenvielfalt schließen konnte. Deshalb gehen die Naturschützer nun seit fünf Jahren "strategisch" vor, wie der IUCN-Biologe Craig Hilton-Taylor, der die Rote Liste führt, erklärt. "Wir nehmen uns jetzt nicht mehr einzelne Spezies vor, sondern ganze taxonomische Gruppen. 2012, das ist unser ehrgeiziges Ziel, soll jede Spezies der Wirbeltiere begutachtet sein."

Für die aktuelle Liste wurden weltweit 40.177 Arten untersucht, 16.119 fallen unter die drei kritischen Kategorien "gefährdet" (vulnerable, VU), "stark gefährdet" (endangered, EN) oder "vom Aussterben bedroht" (critically endangered, CR). Wie kommt die Naturschutzunion zu ihrer Bewertung? Sie wendet sich direkt an die Spezialisten, die sich kontinuierlich mit den betroffenen Arten befasst haben und Auskunft über die Kriterien geben können, die zur Einstufung verlangt werden.

Wer den Katalog der Alarmsignale gelesen hat, versteht, wie prekär die Lage der beschriebenen Spezies ist. Bekommt sie wie der Sägefisch die Stufe CR, "vom Aussterben bedroht", dann ist ihre Population in den vergangenen zehn Jahren oder drei Generationen um 90 Prozent zurückgegangen. Höchste Gefahr besteht auch, wenn das Verbreitungsgebiet auf weniger als 100 Quadratkilometer geschrumpft ist; oder wenn die Zahl fortpflanzungsfähiger Individuen unter die Marke von 250 gerutscht und in den vergangenen drei Jahren weiter gefallen ist.

Die Stufen unterhalb des CR sind ebenfalls Kategorien der Gefährdung und dürfen keineswegs als "weniger schlimm" gelesen werden. Ein Rückgang von 70 oder 50 Prozent einer Population ist immer noch ein dramatischer Aderlass, der zu einem Phänomen führt, das Biologen als "genetischen Flaschenhals" bezeichnen: je kleiner die Zahl der Individuen, desto geringer die genetische Vielfalt des Genpools, desto geringer die Überlebenschance. Ein Fall von negativer Rückkopplung: Die Population schrumpft, der Flaschenhals verhindert, dass sie sich erholen kann.

Dass solche Katastrophen auch in der Weite der Ozeane möglich sind, schien selbst den Experten von der IUCN lange nicht vorstellbar. Abgesehen von den "charismatischen Meeressäugern und Seevogelarten", wie die Union 2003 selbstkritisch schreibt, hätte sie kaum Meeresbewohner auf ihrer Roten Liste geführt. Mit der Umstellung der Systematik nahm die IUCN nun auch die ozeanischen Lebensräume in ihren Fokus – und prompt fand man auch dort 369 Arten, die vor dem Aus stehen. Außer den Sägefischen sind es vor allem Haie und Rochen, Seevögel wie Amsterdam--Albatros, Maskarenen-Sturmvogel oder Klippenmöwe, die Meeresschildkröten, Kalifornischer Schweinswal und Dugong, der Eisbär und etliche der Fischarten, die kommerziell gefangen werden wie Blauflossen-Tun, Atlantischer Heilbutt und Gemeiner Stör. Spezies aus unterschiedlichen Lebensräumen, mit Lebensweisen, die kaum verschiedener sein könnten. Wie sind sie alle an den Abgrund ihrer Existenz geraten?

Das Aussterben ist ein natürlicher Prozess, die durchschnittliche Lebenserwartung einer Spezies liegt zwischen einer und zehn Millionen Jahren; lebende Fossilien wie Quastenflosser oder Pfeilschwanzkrebs, beide an die 400 Millionen Jahre alt, sind die Ausnahme. Statistisch betrachtet, lebt von 1000 Arten, die einmal den Planeten bevölkerten, heute noch eine einzige. Alle anderen haben den Konkurrenzkampf um die Nische im Lebensraum verloren, konnten sich an die Veränderungen ihrer Umgebung nicht anpassen. Der Prozess verläuft mit vorhersehbarer Geschwindigkeit: Bei Säugetieren etwa ist im Schnitt alle 200 Jahre mit dem Exitus einer Spezies zu rechnen. Tatsächlich aber gingen in den vergangenen 400 Jahren gleich 89 Säugetierarten zugrunde – das 45-Fache der bis dahin üblichen Rate. Weitere 169 Säuger stehen in der Kategorie CR der Roten Liste.

Für die Mehrheit der Wissenschaftler lassen diese Zahlen nur einen Schluss zu: Wir erleben gerade ein Massensterben, wie es die Welt seit 65 Millionen Jahren nicht mehr gesehen hat. Damals kollidierte die Erde mit einem Kometen, 17 Prozent aller Familien der biologischen Systematik wurden ausgerottet, einschließlich sämtlicher Saurier. Nun hat es auch ein solches Massenaussterben in der Erdgeschichte schon mehrmals gegeben, fünf Mal genau, in der Folge großer Katastrophen oder abrupter globaler Klimaveränderungen.

Jetzt also das sechste Massensterben, und nach Ansicht einiger Experten verläuft es sogar noch schneller als alle vorherigen. Bei einer Umfrage des American Museum of Natural History unter 400 Biologen erklären 70 Prozent der Befragten, sie rechneten in den kommenden 30 Jahren mit dem Untergang von einem Fünftel aller Arten.

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