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Beginn der Antike: Santorin explodierte 100 Jahre früher

Von Stefan Schmitt

Die schlimmste Naturkatastrophe der Bronzezeit wurde offenbar bisher falsch datiert. Der Vulkan von Santorin explodierte fast 100 Jahre früher als gedacht, behaupten Geologen. Ihr Zeuge ist der verkohlter Ast eines Olivenbaums, der im Bimsstein steckte.

Ein Tsunami ist über die Küsten Kretas gefegt. In der blühenden Hafenstadt Akrotíri liegen Leichen und Schiffswracks am Strand. So hielt ein bronzezeitlicher Künstler die Katastrophe in einer Wandmalerei fest - es ist das wohl älteste Tsunami-Bild der Menschheit. Doch der Maler musste selbst fliehen. Im zwanzigsten Jahrhundert fanden griechische Archäologen sein unvollendetes Werk in den Trümmern von Akrotíri - begraben unter meterdicken Ascheschichten. Kurz nachdem das östliche Mittelmeer von der Riesenwelle heimgesucht worden war, explodierte die Insel Santorin. Es war einer der beiden gewaltigsten Vulkanausbrüche der vergangenen 5000 Jahre.

Die Katastrophe war ein drastischer Einschnitt, der Historikern und Archäologen als Orientierung dient: Hier wurde der Weg in die griechisch geprägte Antike geebnet. Doch versank die Insel Thera (so hieß Santorin früher) wirklich im 16. Jahrhundert vor Christus, wie es in den Lehrbüchern steht? Ein verkohltes Stück Holz, das Wissenschaftler auf Santorin fanden, versetzt den Ausbruch jetzt um fast 100 Jahre zurück.

"Ich kenne den Hintergrund dieser Erkenntnisse: Königslisten, Pharaonenlisten. Sie datieren den Vulkanausbruch auf 1520, genauso wie den Beginn des neuen Reichs in Ägypten", sagt Bernd Kromer zu SPIEGEL ONLINE. "Aber wir sind uns sicher, dass wir recht haben." Der Umweltphysiker von der Universität Heidelberg formuliert vorsichtig. Er weiß, wie mühsam Historiker aus Funden, Zeugnissen und Querverbindungen einen historischen Kalender für die Reiche der Ägypter, Mykener und Minoer im östlichen Mittelmeerraum gebaut haben.

Glücksfund am Rande des Abgrunds

Es ist nur so, dass dieser Olivenzweig anscheinend unbestechlich datiert werden kann. Vor mehr als zwei Jahren arbeitete der Doktorand Tom Pfeiffer an einer Steilwand der griechischen Ägäis-Insel Santorin, die selbst nicht mehr als der Kraterrand des riesigen Vulkans von Thera ist. Im losen, hellen Bimsstein glaubte er, altes Holz in einem Loch gefunden zu haben. Er griff zum Handy und rief Walter Friedrich an, seinen Professor. Friedrich ist Geologe an der dänischen Universität Aarhus. Was er fand, nachdem er ins Flugzeug gestiegen war und sich von Pfeiffer die Stelle zeigen ließ, entlohnte ihn für den Aufwand.

"Das ist eine Steilwand, da geht es 150 Meter lotrecht runter ins Meer", sagt er. 30 Jahre lang hatte Friedrich auf Santorin geforscht. Aber dieser Zufallsfund sollte ein Glückstreffer ohnegleichen sein: Der verkohlte Ast eines Olivenbaums steckte genau in jener losen Gesteinslage, die ein direktes Produkt des gewaltigen Vulkanausbruchs war. Das Gestein, das leichter als Wasser ist, entsteht, wenn vulkanische Gase beim Ausbruch Lava aufschäumen. Dieser glühend heiße Gesteinsschaum hatte einen Olivenbaum unter sich begraben. Dessen Stamm müsse längst ins Meer gestürzt sein, sagt Friedrich zu SPIEGEL ONLINE. Doch der übriggebliebene Ast genügte für eine Analyse, über die Kromer, Friedrich und ihre Kollegen heute im Wissenschaftsmagazin "Science" berichten.

Nach einem ersten Datierungsversuch in Aarhus stand schnell fest, dass das schwarze Holz aus dem zweiten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung stammt - und dass der Baum, an dem es wuchs, damit als stiller Zeitzeuge für die Katastrophe von Thera in Frage kommt. "Die Probe musste nach Heidelberg", sagt Friedrich, "die sind die Weltmeister auf diesem Gebiet."

Über 3500 alter Baum im 3D-Röntgenbild

Dort hatten Forscher am Institut für Umweltphysik genau für die Zeit um den Santorin-Ausbruch sogenannte Kalibrierungskurven errechnet. Sie dienen zur Altersbestimmung mit Hilfe der sogenannten C-14-Methode: Anhand der Halbwertszeit des radioaktiven Kohlenstoff-14-Isotops wird das Alter von organischem Material bestimmt. Sobald ein Organismus stirbt, nimmt er kein neues C-14 mehr auf. Je geringer die Konzentration in einer Probe, desto älter ist sie.

Die Methode hat jedoch das Problem, dass die Konzentration des Kohlenstoff-14-Isotops nicht streng proportional zum Alter des organischen Materials abnimmt und auch die Konzentration des Isotops in der Atmosphäre schwankt. Funde wie Weizen aus Tongefäßen, die bei dem Vulkanausbruch verschüttet worden waren, gab es bereits. Ihre C-14-Werte waren für eine genaue Datierung aber nicht zu gebrauchen. Ein Ast aber ist viele Jahre alt und trägt Kohlenstoffisotope aus unterschiedlichen Jahren in sich.

"Wir haben in den Baum reingeschaut wie sonst Mediziner in den Kopf eines Menschen", sagt Kromer. Die dreidimensionale Innenansicht offenbarte die unregelmäßigen Jahresringe des Asts - und damit den Heidelbergern jene Stellen, von denen sie C-14-Proben nehmen konnten.

Vulkan löschte Thera aus, nicht die minoische Kultur

Das Ergebnis der Untersuchung gleicht einer zackigen Linie über die Lebenszeit des Asts hinweg - bis hin zu dem Jahr, in dem die Borke vom heißen Lavaschaum verkohlt wurde. Die Forscher mussten zu diesen Zacken einen übereinstimmenden Abschnitt auf ihrer Kalibrierungskurve finden. Die Stelle, an der sie die Übereinstimmung fanden, weist auf die Jahre 1630 bis 1600 vor unserer Zeitrechnung hin.

"Wir haben nun das Rätsel von 100 Jahren Differenz zwischen historischer und archäologischer Datierung", sagt Kromer. Tatsächlich zweifeln Wissenschaftler schon länger an dem Eruptionszeitpunkt zwischen 1500 und 1520 vor Christus, den Archäologen und Historiker aus dem Vergleich zwischen Stammbäumen antiker Herrscher, alten Überlieferungen und Ausgrabungen abgeleitet hatten:

  • Der dänische Glaziologe Claus Hammer hatte grönländische Eisschichten untersucht und den Ausbruch auf 1644 vor Christus datiert.
  • Untersuchungen uralter Bäume in Irland und Kalifornien lieferten Hinweise für extrem kalte und feuchte Sommer in den 1620er Jahren vor Christus. Die Atmosphäre könnte von der vulkanischen Asche abgekühlt worden sein.
  • Archäologen gruben auf Kreta spätminoische Keramik aus, die starke stilistische Veränderungen rund hundert Jahre vor dem Untergang der minoischen Kultur zeigt und als Hinweis für eine tiefgreifende Erschütterung der Gesellschaft interpretiert wird.
  • Stuart Manning, der an der US-amerikanischen Cornell University 127 bronzezeitliche Holzproben aus der Ägäis untersucht hatte, spricht in der aktuellen "Science"-Ausgabe ebenfalls von einem Santorin-Ausbruch zwischen 1660 und 1613.

Das Ergebnis Friedrichs, Kromers und ihrer Kollegen nährt die Zweifel an der alten Lehrbuchmeinung, die minoische Kultur sei durch den Vulkanausbruch von Thera ("minoische Eruption") ausgelöscht worden. Möglicherweise hat die Katastrophe, die Akrotíri verschüttete und Thera zerstörte, bloß den Untergang einer Epoche eingeleitet - sie aber nicht mit einem Schlag beendet.

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Neue Datierung: Santorin explodierte 100 Jahre früher

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