Knochensplitter

Massensterben Feuer von unten, Feuer von oben

Von

Abnehmende Vielfalt: Was frisst ein T-Rex, wenn ihm die dicken Happen abhanden kommen?
New Mexico Museum of Natural History and Science/ Dr Thomas Williamson

Abnehmende Vielfalt: Was frisst ein T-Rex, wenn ihm die dicken Happen abhanden kommen?


Nichts fürchtet ein Gallier so sehr, als dass ihm der "Himmel auf den Kopf fallen" könnte. Genau das ist den Dinosauriern passiert - aber das allein hätte sie nicht umbringen müssen. Unglücklich, sagt eine aktuelle Studie, war daran allein das Timing.

Zu den Gründen für das Aussterben der Dinosaurier vor etwas mehr als 65 Millionen Jahren gab es einmal eine ganze Menge konkurrierender Theorien. Neben "Kleinigkeiten" wie Veränderungen im Biotop setzte man vor allem auf Katastrophen, die das Zeug hatten, die Welt von Grund auf zu verändern. Und unter denen, die an den Garaus aus dem Weltall allein nicht glauben wollen, ist Vulkanismus noch immer die Lieblingsthese: In der Kreidezeit rauchten die Schlote der Erde ganz besonders intensiv.

Im Jahr 1815 demonstrierte die Eruption des Tambora, also eines einzigen Vulkans, was so etwas für die Welt bedeuten kann. In der nördlichen Hemisphäre kam es wegen Trübung der Atmosphäre zum kältesten jemals aufgezeichneten Jahr ("Jahr ohne Sommer"). Darauf folgte die größte Hungerkatastrophe des 19. Jahrhunderts. Die Abkühlung des Weltklimas, die zu massiven Missernten führte, war noch bis 1819 messbar. Die Explosionswucht des Tambora schätzt man heute auf etwa 170.000 Hiroshima-Bomben.

Ein mächtiger Rums, aber im Vergleich zum kreidezeitlichen Vulkanismus waren das Peanuts. Ende der Kreidezeit kam es zu einem bis heute beispiellosen Feuerwerk.

Vulkane im Dekkan-Hochland des westlichen Indien spuckten auf einem Areal von geschätzt 1,5 Millionen Quadratkilometern Lava aus, die sich bis auf Schichten von mehr als zweieinhalb Kilometer Höhe türmte. Die Ausbrüche dauerten über mehrere Hunderttausend, möglicherweise sogar mehrere Millionen Jahre an. Dass dies das Klima auf der Erde massiv beeinflusste, steht völlig außer Frage. Man geht unter anderem von Perioden mit wild schwankenden Temperaturen aus - und von ähnlichen Konsequenzen für die Pflanzenwelt, wie der Mensch das 1815 im Kleinen erleben musste.

Das allein erklärt allerdings noch nicht den klaren Schnitt am Ende der Kreidezeit, der die Erdzeitalter in solche mit und ohne Dinosaurierfunde teilt.

Das finale Knock-out

Schon seit Langem argumentieren viele Paläontologen deshalb, dass dieses fast mystische Aussterbe-Event wohl ein Zusammenspiel höchst unglücklicher Faktoren gewesen sein könnte. Der Einschlag sei also nicht mehr als das finale K.o. gewesen.

Neues Futter bekommt dieser Ansatz durch die aktuelle Studie eines internationalen Forscherteams aus Großbritannien, den USA und Kanada. Sie versuchten eine möglichst vollständige Inventur der Artenvielfalt in der Zeit unmittelbar vor dem Asteroiden-Einschlag. "Die Dinosaurier", fasst Steve Brusatte von der Uni Edinburgh die Ergebnisse salopp zusammen, "hatten kolossales Pech."

Schlimm genug, dass ihnen am Ende ein Asteroid aufs Dach fiel: Das geschah auch noch am Ende einer langen Phase extrem ungünstiger Veränderungen ihrer Biotope. Das habe die Artenvielfalt gesenkt und die Nahrungsketten geschwächt. So steht im fossilen Befund Ende der Kreide eine wachsende Vielfalt von Raubsauriern einer signifikant geringeren Vielfalt von potenziellen Beutetieren gegenüber - was die Abhängigkeit eines großen Teils der Nahrungskette von wenigen Arten verstärkte.

Des einen Untergang, des anderen Chance

Die finale Katastrophe erfolgte demnach zu einem Zeitpunkt, als besonders die großen Beutetiere unter den Sauriern einen genetischen Engpass durchliefen. Eine Verkettung höchst unglücklicher Umstände, die aber für sich genommen alle nicht zwangsläufig zum Aussterben hätten führen müssen.

Selbst den Einschlag des Asteroiden hätten die Dinosaurier womöglich wegstecken können, wäre er einige Millionen Jahre vor oder nach dem Dekkan-Vulkanismus erfolgt, glaubt Richard Butler von der Uni Birmingham. Vorher wären die Nahrungsketten möglicherweise stabil genug gewesen, auch die Einschlagskatastrophe zu überleben. Und mit genügend großem Abstand zur Zeit der heftigen Vulkanausbrüche wäre die Artenvielfalt wohl auch wieder gestiegen.

Dass mit den Vögeln am Ende nur die kleinsten der Dinosaurier überlebten, habe also einzig am extrem ungünstigen Timing der verschiedenen Katastrophen gelegen: Der Asteroid, so Butler, erwischte die größeren Saurier zu einer Zeit, als sie "bereits ganz besonders empfindlich geschwächt" waren. Die flatternden Winzlinge aber waren flexibler und auf die großen Beutetiere nicht angewiesen.

Hätte es dieses Aufeinandertreffen von Faktoren nicht gegeben, so Butler, wären die Dinosaurier wohl nicht zwangsläufig zum Aussterben verdammt gewesen. Und ohne den finalen Schlag des Asteroiden "wären die Dinosaurier möglicherweise noch immer hier, und wir wären das womöglich nicht".

Mehr zum Thema


Diskutieren Sie mit!
12 Leserkommentare
Worldwatch 29.07.2014
albert.denter 29.07.2014
analyse 29.07.2014
hendiadyoin 29.07.2014
minsch 29.07.2014
dimetrodon109 29.07.2014
dererkenner 29.07.2014
snickerman 29.07.2014
knuty 29.07.2014
dererkenner 30.07.2014
knuty 31.07.2014
SPeter 16.08.2014

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.