Belugawale Schaulaufen im Eismeer

Sie sind makellos weiß, pfeifen und wiehern - und haben ein perfektes Navigationssystem. Belugas gehören zu den Lieblingen der Waltouristen. Doch die Tiere leiden unter Umweltverschmutzung und Walfang. Und den Forschern geben sie noch viele Rätsel auf.

Franco Banfi

Von mare-Autorin Annekatrin Looss


Die Idylle ist perfekt. Golden liegt der Abend über dem Sankt-Lorenz-Strom, silbern glänzen die Rücken der Belugas, die in den Sonnenuntergang schwimmen. Kameras surren, Fotoapparate klicken, Kinder rufen.

Kaum eine Art ist für Waltouristen so gut zu beobachten wie die Belugas. Die Weißwale, so ihr anderer Name, schwimmen langsam, meist nahe der Oberfläche; spätestens alle 20 Minuten tauchen sie auf, um zu atmen. Diese Belugapopulation lebt das ganze Jahr über in der Mündung des kanadischen Stromes, der den Ontariosee mit dem Atlantik verbindet. Dies sei der einzige sesshafte Schwarm weltweit, werben Kanadas Tourismusmanager. Auch deshalb ist der Fluss eines der beliebtesten Whale-Watching-Ziele der Erde.

Zwischen 60.000 und 100.000 Belugas leben in den Meeren rund um den Nordpol, vor allem an den Küsten Alaskas, Kanadas und Russlands. Im Sommer ziehen die Wale in Schwärmen von oft Hunderten Tieren in flachere Küstengebiete oder Flussmündungen, um ihre Kälber zu gebären und sie für den Winter aufzupäppeln. Bis zu 2000 Kilometer legen sie dabei zurück.

Die Kälber werden grau geboren. Erst nach und nach nehmen sie die prägnante weiße Färbung an, die sich im Lauf der Evolution vermutlich als Tarnschutz gegen Angriffe von Eisbären durchgesetzt hat. Ein Beluga wird bis zu sechs Meter lang, eine Tonne schwer und bis zu 35 Jahre alt.

Immer wieder verlassen einzelne Tiere oder kleine Gruppen das Meer und schwimmen flussaufwärts. In beinahe allen sibirischen Flüssen, aber auch in Elbe, Rhein, Donau und Loire wurden schon Weißwale gesehen. Durch die engen Flussbetten bewegen sie sich mithilfe eines raffinierten Navigationssystems. Keine Walart verfügt über ein besseres. Durch das Aussenden ständiger Klicklaute in einem gebündelten Strahl und deren Reflexionen finden Belugas immer ihren Weg. Auf dieselbe Weise orten die mit kleinen, scharfen Zähnen versehenen Wale auch ihre Beute - kleine Fische, Muscheln oder Krebse.

"Kanarienvögel der Meere"

Die Lautsignale senden sie von ihrer "Melone", der kuppelförmigen Stirn. In die Klicks mischen sie andere, absonderliche Geräusche. Belugas pfeifen, kreischen, krächzen, zirpen, trillern, zwitschern und wiehern. Wegen der Vielfalt der ausgesandten Laute werden sie die "Kanarienvögel der Meere" genannt. Die zurückkehrenden Töne fangen sie mit dem Unterkiefer auf und leiten sie an das Innenohr weiter. Belugas hören gut und extrem präzise.

Doch ihre Laute gehen zunehmend in einem Meer aus Misstönen unter. Mit dem Eis verschwindet in der Arktis auch die Ruhe. Der Weg zu den am Meeresboden entdeckten Öl-, Gas- und Mineralienvorkommen wird frei. Vor allem Russland hat mit deren Abbau schon begonnen. Zusätzlich stört der immer stärkere Schiffsverkehr die Ruhe. Doch diese brauchen die Wale zum Überleben. Bei Lärm verlieren sie die Orientierung. Wenn sie nicht hören können, stranden sie und sterben.

"Belugas sind eine Leitspezies. Was mit ihnen durch Umweltverschmutzung und Klimawandel passiert, passiert später mit dem gesamten Ökosystem", sagt Karsten Brensing, Meeresbiologe bei der Whale and Dolphin Conservation Society. Bis Mitte der 1990er Jahre galten sie als bedrohte Tierart. Heute sind sie nur noch als gering gefährdet eingestuft. Grund: die gesunde Entwicklung einiger großer Populationen.

Es gibt also Hoffnung, aber keinen Anlass aufzuatmen. Schon in fünf Jahren könnten die weißen Wale wieder als bedroht gelten. Gefährdet sind vor allem kleine oder dezimierte Gruppen, eine ist sogar akut vom Aussterben bedroht: Innerhalb von nur 30 Jahren schrumpfte die Zahl der Belugas vor dem Cook Inlet, einer Bucht in Alaska, von 1300 auf rund 300 Exemplare. Und obwohl dort nur noch den Ureinwohnern erlaubt ist, ein bis zwei Belugas im Jahr zu fangen, erholt sich der Bestand nicht.

Die Waljagd hat in Alaska eine jahrtausendealte Tradition. Ein erlegtes Tier bringt Fleisch für mehrere Monate, viele Fässer Walöl für Lampen und Öfen und kiloweise "Pickled Beluga", eingelegte Stücke von Haut und Walblubber. So wird die Fettschicht der Tiere genannt, die bis zu 22 Zentimeter dick wird und geröstet vor allem in Japan als Delikatesse gilt.

Rund 40.000 Euro je Beluga-Exemplar

In Russland werden die Weißwale sogar noch kommerziell gefangen. 20.000 bis 50.000 Belugas leben laut den dortigen Behörden in russischen Gewässern, allerdings dürften diese Angaben schlicht falsch sein. Unabhängige Experten schätzen den Bestand auf 2000, maximal 3000 Tiere. Und die Zahl verringert sich weiter. Für rund 40.000 Euro je Exemplar werden russische Belugas an Aquarien, Marineparks oder Zoos verkauft. Mehr als 160 leben weltweit in Gefangenschaft.

Im Trend liegen Beluga-Ultraschall-Therapien. Die Wale schwimmen ruhiger als Delfine, sind aber genauso freundlich und gesellig. Mit ihrer muskulösen Melone verändern sie ständig ihren Gesichtsausdruck. Anders als Delfine können sie sogar ihr Genick bewegen. Mit ihrem Lächeln und Nicken verbreiten Belugas gute Laune bei den Patienten.

Für die Tiere ist es meist eine Tortur. Oft hält man die ans Eismeer gewöhnten Wale in badewannenwarmem Wasser. Um zu verhindern, dass sich ihre Fettschicht ausbildet und sie dadurch an Überhitzung sterben, werden sie unterernährt. Für die Arbeit als Therapeuten werden sie nicht selten mit Gewalt trainiert - etwa mit Tritten gegen die weiche Melone.

Immerhin, in vielen Ländern gelten Ökotourismus und Whale-Watching inzwischen als gewinn- und zukunftsträchtiger als das Fangen oder Töten der Tiere. Und so strömen jeden Sommer Tausende Besucher aus aller Welt zum Sankt-Lorenz-Strom. Was ihnen in dieser abendlichen Idylle verborgen bleibt: Jeder fünfte Weißwal hier stirbt an Tumoren.

Die Belugas im Sankt-Lorenz-Strom sind die Wildtierpopulation mit der höchsten Krebsrate weltweit. In neun von 45 toten Walen fanden Forscher bösartige Wucherungen. Ursache sind Gifte wie Benzpyren, die sich im Bodenschlamm absetzen. In diesem suchen die Wale ihre Nahrung und nehmen dabei so viele Schadstoffe auf, dass ihre Körper als Giftmüll entsorgt werden müssen. Die Gifte lagern sich vor allem in der Fettschicht ein. Den Gourmets, die gerösteten Belugaspeck essen, sollte endgültig der Appetit vergangen sein.

Dieser Text stammt aus "mare" No. 81, August 2010.

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Ursprung 13.09.2010
1. Hoehere Intelligenz der Wale?
Viele Walarten haben ein Gehirn, welches differenzierter strukturiert ist, als das des Menschen, jedenfalls anatomisch. Und groesser ist es ohnehin. Mit dieser Ausruestung muessten kognitive Leistungen moeglich sein, die weit ueber denen der Menschen liegen koennten. Vermutlich koennen wir das nicht erforschen, weil Menschen die moeglichen Ergebnisse -eventuell eine weit hoehere oder als "uebergeordnet" empfundene Intelligenz- kognitiv nicht nachvollziehen koennen. Menschen erfinden ja auch das Konstrukt "Gott", um alles das darunter zu subsummieren, was sie nicht kognitiv durchdringen koennen. Die Moeglichkeit einer hoeheren Intelligenz bei Walen im Verhaeltnis zu unserer hat der Biologe Roessler bereits zur Diskussion gestellt, ein anerkannter Wissenschaftler und Lehrstuhlinhaber. Es gibt Vermutungen, dass von Japanern gejagte Walarten die Schiffe erkennen und selektiv "Opfer" aussuchen, um sie den Japanern vor die Harpunen zu fuehren, Trauer zelebrieren, seelischen Beistand verwundeten Artgenossen spenden. Auch, den Jaegern ein Theater vorzuspielen, die jene aber als solches nicht erkennen koennen. Der Vorteil dieser Verhaltensstrategien, biologisch betrachtet: damit koennten Wale die Hoheit ueber die Selektion von Artgenossen in eigener Regie behalten, also eine Art Kontrolle ueber die eigene Art auszuueben in einer Situation, in der ihr Holocaust moeglicherweise unabwendbar erscheint. Kommunikation, Ortungssysteme und ausgepraegtes Sozialverhalten untereinander und gegenueber Menschen scheint so hoch entwickelt zu sein, dass die Menschen Muehe haben, das nicht als raetselhaft einzuordnen. Die sogenannte Wohlwollensvermutung, ein Begriff aus der Biologie, scheint bei den Walen weiter entwickelt zu sein als bei den Menachen (ist aber auch bei anderen Tieren, z. B. Katzen und Voegeln zumindest sequenzuell gut belegbar). Wie gut das Ortungssystem und elegante Spielerei von Walarten funktioniert, berichten Seeleute immer wieder staunend. Die Tiere koennen Yachten von anderen Schiffen unterscheiden, treten mit Besatzungen in manchmal stundenlange Kommunikation und irren so gut wie nie.
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