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Mythologie und Angst: Nix mit der Nixe!

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Meerjungfrauen gibt es nicht, das hat eine US-Behörde nun offiziell erklärt. Nixen sind nicht die ersten Opfer aus der Mythologie, die amtlich erlegt wurden. Dem Phänomen liegt eine zutiefst menschliche Sehnsucht zugrunde.

Fabelwesen: Der Angst eine Gestalt geben Fotos
Corbis

Jetzt hat es die Welt also schwarz auf weiß: Meerjungfrauen gibt es nicht, jedenfalls nach Erkenntnissen der US-Regierung. "Beweise für die Existenz aquatischer Humanoide sind nie gefunden worden", erklärte kürzlich die US-Meeresbehörde NOAA auf ihrer Webseite. Die Experten reagierten mit ihrer ungewöhnlichen Stellungnahme auf eine Welle von Bürgeranfragen, ausgelöst durch die Ausstrahlung einer populären TV-Produktion im Stile einer Dokumentation. "Mermaids: The Body Found" hatte im US-Fernsehen für Furore gesorgt - mit der Behauptung, dass die schwimmenden Schönheiten eben doch existieren.

Dass die Macher ihr Werk als "Science Fiction" angepriesen hatten, half nicht wirklich. Der Nachsatz, dass der im wackeligen Handkamera-Stil gedrehte Streifen auf "einigen wahren Begebenheiten und auf wissenschaftlichen Theorien" beruhe, reichte aus, um eine neue Verschwörungstheorie hervorzubringen.

Könnte es sein, dass die Behörden von der Existenz hoch gefährlicher "aquatischer Affen" wissen und das verschweigen? Und gab es nicht immer wieder entsprechende Berichte, von Wissenschaftlern als Robben- Delfin- oder Seekuh-Sichtungen abgetan? Und ist es nicht tatsächlich so, dass jedes Jahr Menschen an und auf dem Wasser auf unerklärliche Weise verschwinden?

"Das älteste und stärkste Gefühl", sagte der Schriftsteller H.P. Lovecraft einst, "ist Angst. Die älteste und stärkste Form der Angst ist die vor dem Unbekannten." Lovecraft wusste, wovon er redete: Er gilt als Meister des Grauens. Und er wusste, dass er das steigern konnte, wenn er diesem Horror möglichst lang kein konkretes Gesicht gab, ihn nur andeutete. Denn auch das ist wahr: Wenn das Grauen eine Gestalt hat, nimmt die Angst ab.

Das ist wohl der Schlüssel zum schier unerschöpflichen Fleiß des Menschen, Fabelwesen zu erfinden. Sie dienen dazu, elementare Ängste zu bändigen. Unter dem Strich lassen sich solche Mythenwesen in zwei Gruppen unterteilen:

  • Gefährder - Wesen, die den Menschen direkt oder indirekt bedrohen
  • Helfer und freundliche Wesen, z.B. Götter, Nothelfer und Schutzgeister

Der Mensch steht zwischen beiden - und es sind seine Handlungen, die darüber entscheiden, ob er seine Not überlebt oder nicht. Die Botschaft ist klar: So, sagt der Mythos, sieht Deine Gefahr aus, Mensch. Und dann folgen Tipps, wie den Widrigkeiten im Idealfall zu entgehen ist: Regeln befolgen. Sich dem schützenden höheren Wesen zuwenden, nicht dem Verführer. Den Ort meiden, an dem der lauert. Und so weiter.

In allen Kulturen haben die Menschen einen bizarren Zoo beeindruckender Größe erdacht. Und eine der größten Gruppen unter den Monstern, die wir fürchten, sind die Wassergeister und -wesen. In ihnen kumulieren unsere Ängste vor dem Ertrinken. An ihnen machten unsere Vorfahren Regeln fest, die dem Selbstschutz dienen sollten: Jede Legende, jeder Mythos kommt da einer Warnung gleich.

Die Nixe ist nicht nett: Sie will Dich oder Dein Leben

Meerjungfrauen passen durchaus in dieses Schema. Dank Disney und Co. hat sich ihr Image seit den Romantisierungen im Volksmärchen zwar merklich gebessert. Doch in älteren Mythologien sind sie meist fürchterliche, oft lebensgefährlich bedrohliche Kreaturen. Sie locken und fassen den Menschen, ziehen ihn in die Tiefe hinab und ertränken ihn.

Weltweit findet man das Motiv dieser Nixenwesen, in denen erotische Verlockung und berechtigte Furcht zusammen kommen. Auch das ein archetypisches Grundmotiv: Sie haben Cousinen wie die geflügelten Sirenen, die Seeleute mit ihrem Gesang in den Tod locken, oder die griechischen Lamien, Vampir-Dämonen in Gestalt verführerischer junger Menschen, die ihre Opfer küssend aussagen und töten.

Auch mythologische Gestalten wie etwa Elfen und Feen, heute Helden von Kindermärchen, waren ursprünglich oft höchst ambivalente Figuren: Freundlich oft nur, solange Mensch sich an Regeln hielt, tödlich, wenn er sie verletzte. Die slawischen Vili, vor der Hochzeit gestorbene Bräute, die dadurch zu wunderschönen, mit schillernden Flügeln ausgestatteten Elfen wurden, betörten den beobachtenden Menschen und waren ihm prinzipiell wohlgesonnen, wenn man sie ihn Ruhe ließ. Wehe aber, der Mensch trat in ihre Mitte: Dann tanzten sie ihn zu Tode.

Das ist typisch: Verlockung und Falle, immer wieder. Der schottische Each Uisge lockte als prächtiges Pferd potentielle Reiter. Schwang sich einer auf seinen Rücken, trug der Each ihn tief ins Wasser und fraß ihn dort auf. In Gestalt eines schönen Jünglings ertränkte er junge Frauen. Vielleicht mit einem Gruß an Cousine Nixe - oder doch eher an den japanischen Kappa, ein Nixenwesen, das seine Opfer lieber aussaugte als fraß?

Existenz von Zombies amtlich dementiert

Solche farbenfrohen Legenden füllten die Lücken im Welt- und Schicksalsverständnis. Die erträgt der Mensch auch heute nicht gut und füllt sie auf ähnliche Weise. Aberglaube und Esoterik blühen wie eh und je. Selbst eine reißerische Schein-Doku aus dem Gaga-TV reicht offenkundig aus, auch noch im Jahr 2012 Gerüchte über Meerjungfrauen in die Welt zu setzen.

Mythen, alte wie moderne, dienen der Vereinfachung einer als zu komplex empfundenen Welt. Sie verstofflichen Unfassbares, geben ihm eine Gestalt. Wir tun das bis heute: Immer, wenn Menschen ganz besondere Grausamkeiten begehen, beginnt erneut die Diskussion um "das Böse" in ihm. Und stets ist das als externe, steuernde Instanz gedacht: Weil Mensch "so etwas" nicht tun kann, muss es ein Dämon sein, ein Teufel, der ihn treibt.

Auch die amerikanische Seuchenschutzbehörde CDC sah sich im letzten Jahr durch entsprechende Anfragen nach besonders bestialischen Morden mit kannibalistischen Zügen genötigt, die Existenz von Zombies amtlich zu dementieren. Seit Januar 2012 aber hat sich die CDC die seit Jahrtausenden bewährten Mechanismen der Mythen augenzwinkernd zunutze gemacht. Die Behörde betreibt eine Sonderseite, auf der sie Notfallpläne für den Fall einer Zombie-Invasion veröffentlicht.

Das ist freilich kein Fall von höherem Blödsinn, sondern durchaus durchdacht: "Wenn Sie grundsätzlich dafür gerüstet sind, mit einer Zombie-Apokalypse fertig zu werden", wird dort CDC-Direktor Ali Khan zitiert, "dann sind Sie auch für einen Hurrikan, eine Pandemie, ein Erdbeben oder eine Terror-Attacke gewappnet."

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