Bewegte Erde: Forscher warnen vor Vulkan-Gefahr in der Eifel

Von Axel Bojanowski

Droht in der Eifel ein Vulkanausbruch? Die Fachwelt vertritt erstmals offensiv die These, dass es binnen Monaten zu einer solchen Katastrophe kommen könnte. Überwacht werden die Vulkane im Rheinland nicht. Ein Experte schlägt vor, Ameisen als Frühwarnsystem einzusetzen.

Ein gewaltiger Knall lässt von Frankfurt am Main bis nach Köln Scheiben und Türen erzittern. In Bonn und Koblenz erblicken die Bewohner die Ursache des Lärms: Am Horizont steigt eine tiefrote Wolke auf, die Hügel der Eifel scheinen zu glühen. Dann prasseln Asche und Steine vom Himmel.

Während Feuerwehr und Krisenstäbe hektisch und hilflos debattieren, wie sie reagieren sollen, schießen Glutströme zu Tal. Die Lava walzt Ortschaften nieder und sammelt sich im Rhein. Wasser staut sich bis in die Nebenflüsse und überschwemmt den Oberrheingraben. Von Straßburg über Mannheim bis nach Frankfurt werden Atomkraftwerke, Chemiefabriken und Flughäfen geflutet.

Ein Vulkanausbruch in Deutschland, so scheint es, taugt allenfalls für einen Science-Fiction-Krimi. Der Geologe Ulrich Schreiber von der Universität Duisburg beschwört in seinem Roman "Die Flucht der Ameisen" die dramatischen Folgen einer Eruption in der Eifel. Doch Schreiber belässt es nicht bei Dichtung. Das Risiko einer Eruption in Deutschland werde missachtet, betont der Experte. Auf Tagungen und in Fachaufsätzen untermauert er derzeit seine These, Ameisenwanderungen könnten die Apokalypse ankündigen.

Wissenschaftler geben Zurückhaltung auf

Erstmals wagt es ein Wissenschaftler, die Eifel nachdrücklich als Gefahrenzone einzustufen – und riskiert damit, als Katastrophenprediger verhöhnt zu werden. Denn ein Vulkanausbruch in Deutschland erscheint unwahrscheinlich, der letzte liegt 11.000 Jahre zurück.

Doch anstatt sich von den Thesen Schreibers zu distanzieren, erklären Fachkollegen, Schreiber lege in seinem Buch lediglich aktuelle Forschungsergebnisse dar. "Das beschriebene Szenario ist möglich", sagt der Seismologe Klaus-Günter Hinzen von der Universität Köln, der die Bodenbewegungen in der Eifel überwacht.

"Natürlich ist die Bedrohung nicht mit der am Vesuv vergleichbar", sagt Schreiber. Es gebe keine Hinweise auf einen unmittelbar bevorstehenden Ausbruch. Doch das könne sich innerhalb weniger Monate ändern. Zudem werde ignoriert, dass am Rhein Hochindustrie und Millionen Menschen in der Nähe eines aktiven Vulkans siedeln. Man sollte den Ernstfall durchspielen, nicht nur im Roman. Denn für einen Vulkanausbruch in der Eifel gebe es keinen Notfallplan.

Fachkonsens: Eruption in der Eifel möglich

Die Experten sind sich einig, dass es in der Eifel wieder zu Eruptionen kommen wird. Doch niemand kann sagen, wann: "Womöglich vergehen noch Jahrtausende, es kann aber auch schon in ein paar Monaten so weit sein", sagt Hinzen. Vermutlich stehe die Eifel am Beginn einer neuen Aktivitätsphase, meint der Vulkanologe Hans-Ulrich Schmincke vom Leibniz-Institut für Meereswissenschaften in Kiel, der die Eifelvulkane jahrelang erforscht hat.

Die letzte Ruhephase endete abrupt: Vor 12.900 Jahren kam es zu einer gigantischen Eruption in der Eifel. "Damals herrschte vermutlich ähnliche Gelassenheit wie heute", meint Schmincke. "Die Ur-Rheinländer rechneten sicher nicht mit einem Vulkanausbruch, schließlich lag der letzte rund 100.000 Jahre zurück." Doch eines Tages war aufquellendes Magma mit Grundwasser in Berührung gekommen. Die Druckwelle der dann folgenden Explosion knickte sämtliche Bäume in der Umgebung um wie Streichhölzer. Asche schoss 30 Kilometer hoch und gelangte mit dem Südwestwind bis nach Schweden. Westdeutschland versank in grauem Ascheregen.

Lava staute den Rhein bei Andernach, die Region des heutigen Koblenz stand metertief unter Wasser. Tage später brach der Lava-Damm. Eine Flutwelle schoss bis in die Niederlande, meterhohe Schlammströme und Wassermassen begruben das Rheintal. Prähistorische Werkzeuge und Skelette in den Geröllschichten zeigen, dass die Ur-Rheinländer von der Katastrophe überrascht wurden. Nachdem sich das Magma-Reservoir am Ort der Eruption geleert hatte, stürzte der Boden ein – die Kuhle füllt heute der Laacher See.

Vulkane haben merkwürdige Pause eingelegt

Die bislang letzten Eruption ereignete sich vor 11.000 Jahren und blieb regional begrenzt, sie führte zur Entstehung des Ulmener Maars. In der Eifel finden sich Spuren Hunderter Vulkanausbrüche. Ihre Ablagerungen verfestigten sich zu Asche- und Lavasteinen, die seit der Römerzeit in großer Menge abgebaut werden. Daneben zeugen 50 kleine Krater von Magma-Explosionen. Die sogenannten Eifel-Maare bilden heute eine reizvolle Seenlandschaft.

Experten, die die vulkanischen Ablagerungen untersucht haben, verwundert die inzwischen 11.000 Jahre lange Pause. Denn die Eruption des Laacher-See-Vulkans vor 12.900 Jahren war die erste seit gut 100.000 Jahren. Vieles spricht dafür, dass sie der Auftakt für eine lange Eruptionsserie gewesen ist, die bis heute anhält. Denn die drei vorigen Ausbruchsphasen in den letzten 450.000 Jahren dauerten jeweils einige Zehntausend Jahre, wie Forscher um Hans-Ulrich Schmincke herausgefunden haben.

Weltweit folgen Vulkane analogen Zyklen. Verliefe es in der Eifel ähnlich, seien "in der allernächsten geologischen Zukunft" zahlreiche Eruptionen zu erwarten, schrieb der Geophysiker Gerhard Jentzsch von der Universität Jena bereits vor sechs Jahren in einem Gutachten für die Bundesregierung.

Magma kann sich binnen weniger Monate sammeln

Am ehesten erwarten die Forscher lokal begrenzte Eruptionen wie zuletzt am Ulmener Maar. Dafür müsste sich nur noch ein wenig mehr Magma im Untergrund sammeln. Das könne binnen Monaten geschehen, erklärt der Geophysiker Joachim Ritter von der Universität Karlsruhe, der den Untergrund im Rahmen des "Eifel-Plume-Projektes" mit Hilfe von Schallwellen durchleuchtet hat. Erhöht sich der Gasdruck, könnte das 1000 Grad heiße Gesteinsgemisch hervorschießen, sagt Ritter.

Das Erdreich der Eifel ist in Bewegung. Vor allem zwischen Laacher See und Koblenz künden regelmäßig schwache Erdbeben von der Gefahr im Untergrund. Vermutlich löst aufsteigendes Grundwasser, das von dem Magma-Reservoir in 50 Kilometer Tiefe erhitzt wird, die Vibrationen aus. Der Boden um den Laacher See ist bereits in einem Kilometer Tiefe 60 bis 70 Grad warm - ein ungewöhnlicher Wert.

In den 1990er Jahren meinten Forscher darin die Nachwehen der Eifel-Vulkane zu erkennen. Doch inzwischen deuten sie die Signale als Zeichen anhaltender Aktivität. Ein weiteres Lebenszeichen der Eifel-Vulkane blubbert im Laacher See: Blasen im Wasser zeugen von Kohlendioxid-Gas, das aus dem Magma stammt. Steigt das Magma auf, setzt es vermutlich mehr CO2 frei.

Ameisen als Frühwarnsystem

Ameisen würden einen bevorstehenden Ausbruch als Erste bemerken, meint Geologe Schreiber. Ähnlich wie ein Kaminfeuer die Störche vom Schornstein vertreibe, verscheuche das Kohlendioxid die Insekten aus ihren Nestern, die sie bevorzugt auf tektonischen Rissen in der Erde anlegten.

Schreibers Theorie sorgte unter Ameisenforschern zunächst für heftigen Protest. Doch nachdem er nun mit Kollegen auf Tagungen Belege präsentiert hat, hat sich der Widerstand gelegt. Schreiber und Kollegen haben ihre Studien inzwischen bei renommierten Fachzeitschriften zur Begutachtung eingereicht.

Verließen die Ameisen in der Eifel zuhauf ihre Nester, sei das ein Alarmsignal, sagt Schreiber. Ansonsten würde es wohl nicht auffallen, wenn sich vermehrt Magma im Untergrund sammeln sollte. Denn in der Eifel stehen kaum Messgeräte. "Eine systematische Überwachung der Vulkane", klagt Schreiber, "ist nicht möglich."

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