Babylon Was 2700 Jahre alte Keilschriften über die Zukunft verraten

Ein Tag hat 24 Stunden - doch in der Zukunft gilt das nicht mehr. Wissenschaftler haben eine Studie zur sich verlangsamenden Rotation der Erde geschrieben - und stützen ihre These auf Tonscherben der Babylonier.

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Es sei faszinierend, sagt der Geophysiker Duncan Agnew von der University of California in San Diego. "Da haben einige Leute vor 2500 Jahren Zeichen in Ton geritzt, und heute schreiben Kollegen darüber eine Studie zur Rotation der Erde".

Die Tontafeln gingen verloren, erst im 19. Jahrhundert haben Archäologen sie im Irak ausgegraben. Die Babylonier haben auf ihnen in Keilschrift den Stand der Sonne notiert. "Erstaunlich, dass es diese Informationen gibt", sagte Agnew dem Magazin "Live Science".

Die Auswertung der Tonscheibennotizen ergab, dass sich die Drehung der Erde weniger stark verlangsamt als angenommen.

Babylonische Keilschrift mit astronomischem Tagebuch
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Babylonische Keilschrift mit astronomischem Tagebuch

Vor allem die Gezeitenkraft des Mondes bremst die Rotation der Erde. Aber auch alle Massen, die auf der Erde in Bewegung sind, verändern die Drehung - etwa Gletscher, Magma, ja selbst fallendes Laub.

Doch der Mond wirkt bei Weitem am stärksten: Seine Schwerkraft zerrt an der Erde, so dass sich das Wasser der Ozeane zu Gezeitenwellen türmt, die Ebbe und Flut auslösen. Das schwappende Wasser erzeugt Reibung, sie bremst den Planeten - die Tage werden länger.

Früher, als sich die Erde schneller gedreht hat, waren die Tage viele Stunden kürzer - ein Tag ist die Dauer einer Drehung der Erde um sich selbst. Vor vier Milliarden Jahren dauerte ein Tag aktuellen Rechnungen zufolge nur 14 Stunden.

Ruinen des Palastes von König Nebukadnezar in Babylon
DPA/ Spc Katherine M Roth

Ruinen des Palastes von König Nebukadnezar in Babylon

Die Aufzeichnungen der Babylonier aber ändern die Kalkulationen: Nicht um 2,3 Tausendstelsekunden (Millisekunden) pro Jahrhundert - wie es Satellitendaten nahelegen - verlangsame sich die Erdrotation, sondern um nur 1,8 Tausendstelsekunden, berichtet eine Gruppe um Leslie Morrison vom Royal Greenwich Observatory in England in den "Proceedings of the Royal Society".

Ihr Ergebnis lesen die Forscher aus den Keilschriften in Tonscherben, die Menschen vor 2700 Jahren und danach in Babylon hinterlassen haben. Zudem werteten sie Hunderte antike Texte aus Griechenland, China, Europa und Arabien aus - Aufzeichnungen über Sonnen- und Mondfinsternisse.

Bei einer totalen Sonnenfinsternis im Jahr 136 vor Christus etwa lag Babylon mitten im Schatten. Rechnet man die Bahn der Erde um die Sonne in jene Zeit zurück, mit gleichbleibender Rotation der Erde, zeigt sich: Die Sonnenfinsternis hätte nicht Babylon verfinstert, also den heutigen Irak, sondern Spanien.

Der Nordpol ist dort, wo die gedachte Drehachse aus der Nordhalbkugel tritt.
NASA/ GSFC

Der Nordpol ist dort, wo die gedachte Drehachse aus der Nordhalbkugel tritt.

Weil sich aber die Erddrehung verlangsamt hat, traf der Sonnenschatten damals Babylon.

Ein Tag war zu Zeiten der Babylonier etwa vier hundertstel Sekunden kürzer. Seither sind etwa eine Million Tage vergangen. Seit Babylon ergibt sich also für jeden Ort ein Unterschied der Uhrzeit von mehreren Stunden.

Der Unterschied summiert sich zu mehreren Stunden, weil sich die Zeitunterschiede jeden Tages der letzten 2700 Jahre addieren: War es also vor 2700 Jahren 12 Uhr mittags in Babylon, so ist es an dem Ort heute erst einige Stunden später 12 Uhr.

Weil Babylonier und andere Menschen der Antike den Zeitpunkt der astronomischen Ereignisse exakt vermerkt hatten, lässt sich die Diskrepanz der Stellung der Erde zu heute präzise herausfinden; die Forscher überprüften Hunderte Aufzeichnungen.

Sie haben berechnet, welche Uhrzeit bei konstanter Erddrehung an den Sonnenfinsternis-Orten herrschen würde - und welche die antiken Völker tatsächlich notiert haben. Aus dem Unterschied ergibt sich, wie stark sich die Erddrehung verlangsamt hat.

Dass die antiken Quellen die Daten von Satelliten präzisieren, fasziniert Forscher. "Die Beschreibungen der Babylonier sind so plastisch", sagt Agnew zu "Live Science". Er zitiert eine 2700 Jahre alte Keilschrift zur Sonnenfinsternis: "Wenn der Tag plötzlich zur Nacht wird, und die Sterne erscheinen."

In ferner Zukunft wird ein Tag 25 Stunden dauern. Theoretisch würde die Drehung der Erde irgendwann sogar stehenbleiben. Doch zuvor - das zeigen Berechnungen von Astronomen - wird sich die alternde Sonne aufblähen und Erde und Mond verdampfen.

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