Bewusstsein und Universum Realität existiert auch ohne uns

Selbst wenn es niemanden mehr gäbe, der sie beobachten könnte - würde die Realität dann trotzdem existieren? Der Autor Michael Shermer glaubt: ja. Für unbeweisbare Wahrheiten hält er außerdem: Es gibt keinen Gott, wir haben einen freien Willen, und Moral ist durch Evolution entstanden.


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Ich glaube, kann jedoch nicht beweisen, dass die Realität unabhängig von ihren menschlichen oder gesellschaftlichen Konstruktionen existiert.

Saturn, aufgenommen von der Raumsonde Cassini: Wissenschaftliche Methode und Philosophie des Naturalismus bilden zusammen das beste Werkzeug, um diese Realität zu verstehen
AFP/NASA

Saturn, aufgenommen von der Raumsonde Cassini: Wissenschaftliche Methode und Philosophie des Naturalismus bilden zusammen das beste Werkzeug, um diese Realität zu verstehen

Wissenschaftliche Methode und Philosophie des Naturalismus bilden zusammen das beste Werkzeug, um diese Realität zu verstehen. Da die Wissenschaft kumulativ aufbauend voranschreitet, können wir zu einem immer besseren Verständnis der Realität gelangen. Dennoch muss unsere Naturerkenntnis insofern vorläufig bleiben, als wir uns nie anmaßen dürfen, die Wahrheit endgültig gefunden zu haben. Wegen der Grenzen aller menschlichen Bemühungen und der hohen Komplexität und Dynamik der Natur dürften Fuzzy-Logik und fraktionale Wahrscheinlichkeit die unserem approximativen Herangehen angemessensten Formen der Naturbeschreibung sein.

So etwas wie das Paranormale oder Übernatürliche gibt es nicht – lediglich das Normale und das Natürliche und die noch zu lüftenden Geheimnisse.

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Die Wissenschaft unterscheidet sich vor allem durch ihren Glauben an die Vorläufigkeit aller Schlüsse von den anderen menschlichen Tätigkeitsfeldern. In ihr gilt Wissen als fließend und Gewissheit als flüchtig. Darin liegt sowohl ihre Begrenztheit als auch ihre größte Stärke. Aus dieser letzten Endes unbeweisbaren Behauptung lassen sich drei weitere unauflösbare Thesen ableiten.

1. Es gibt weder einen Gott noch einen intelligenten Planer noch irgendein anderes göttliches Wesen im Sinne der Weltreligionen

(wiewohl ein außerirdisches Wesen von uns überragender Intelligenz und Macht wahrscheinlich von einem Gott ununterscheidbar wäre).

Nachdem die klügsten Gelehrten der Welt sich seit Jahrtausenden bemühen, die Existenz oder Nichtexistenz Gottes zu beweisen respektive zu widerlegen, ohne sich auf einen Seinszustand des Transzendenten einigen zu können, darf man gewiss vermuten, dass die Gottesfrage nicht lösbar sein wird, so dass Glaube, Unglaube oder Skepsis letzten Endes ohne rationale Basis in der Luft hängen.

2. Obwohl das Universum durchgängig determiniert ist, haben wir einen freien Willen.

Der Autor
Michael Shermer ist Herausgeber des Magazins "Skeptic", schreibt Kolumnen für den "Scientific American" und hat unter anderem das Buch "The Science of Good and Evil" veröffentlicht.
Wie im Fall der Gottesfrage ist es den besten Gelehrten seit Jahrtausenden nicht gelungen, die Paradoxie aufzulösen, dass wir uns in einem streng determinierten Universum frei fühlen. Als eine provisorische Antwort böte sich die extreme Komplexität des Universums an, so dass die ungeheure Vielzahl der Ursachen und ihrer Wechselwirkungen eine Vorhersage menschlichen Handelns praktisch unmöglich macht. Wir könnten dem Kausalgeflecht des Universums sogar einen Wert beilegen, um zu zeigen, wie absurd es wäre, es geistig erfassen zu wollen. Man hat errechnet, dass ein Computer, der in ferner Zukunft in einem virtuellen Raum jede Person, die einmal gelebt hat oder haben könnte (das heißt jede für einen Menschen mögliche genetische Kombination) mit allen Wechselwirkungen zur Umwelt rekonstruieren sollte, einen Speicher von 1010 hoch 123 Bits benötigen würde (eine Eins mit 10123 Nullen). Dabei erübrigt sich fast der Hinweis, dass es weder möglich sein dürfte, einen solchen Computer zu entwickeln, noch das menschliche Gehirn auf solche Höhen zu treiben.

Angesichts dieser enormen Komplexität könnte durchaus die Illusion entstehen, frei, das heißt als selbst nicht ursächlich gesteuerte Verursacher, zu handeln, obwohl wir in Wahrheit kausal determiniert wären. Da keine Menge von Ursachen, die wir als Determinanten menschlichen Handelns auswählen, vollständig sein kann, würde das Freiheitsgefühl aus dieser Unkenntnis der Ursachen resultieren. Insofern könnten wir uns zumindest einbilden, frei zu sein. Es gäbe also viel zu gewinnen, wenig zu verlieren, und die persönliche Verantwortung wäre schlüssig begründet.

3. Moral ist die natürliche Folge evolutionärer und historischer Kräfte, jedoch kein göttliches Gebot.

Das moralische Empfinden für Recht (wie Tugend) oder Unrecht (wie Schuld) kam im Laufe der menschlichen Evolution als etwas Naturwüchsiges auf. Auch wenn verschiedene Kulturen Recht und Unrecht unterschiedlich definieren, ist das moralische Empfinden, sich richtig oder falsch zu verhalten, etwas allgemein Menschliches.

Menschliche Universalien sind mächtige, durchgängige Konstanten und beruhen im Kern darauf, dass wir von Natur aus moralisch und unmoralisch, gut und böse, altruistisch und egoistisch, kooperativ und konkurrent, friedfertig und kriegerisch, tugendhaft und lasterhaft sind. Zwar verkörpern Einzelne und Gruppen diese universellen Wesenszüge auf je eigene Weise, aber sie sind uns allen gemeinsam. Die meisten Menschen sind meistens und unter den meisten Bedingungen gut und tun das Richtige, für sie selbst und für andere, einige jedoch sind manchmal und unter manchen Bedingungen schlecht und tun das Falsche, für sie selbst und für andere.

Infolgedessen gelten moralische Grundsätze provisorisch, sofern die meisten Menschen in den meisten Kulturen sich unter den meisten Bedingungen meistens danach richten. Irgendwann in den vergangenen zehntausend Jahren (wahrscheinlich vor etwa fünftausend, als die Schrift aufkam und der Übergang von Banden und Stämmen zu Stammesfürstentümern und Staaten stattfand) begannen Religionen und Staaten, moralische Gebote zu Moralgesetzen respektive Rechtsvorschriften zu kodifizieren.

Kurzum, ich glaube, kann aber nicht beweisen, dass die Realität existiert und wir sie am besten mittels der Wissenschaft begreifen, dass es keinen Gott gibt, dass das Universum determiniert ist, wir aber dennoch frei sind, dass sich die Moral im Zuge der evolutionären Anpassung von Menschen und menschlichen Gemeinschaften entwickelte und dass die Wissenschaft zu guter Letzt alles erklären kann.

Selbstverständlich könnte ich mich da irren ...

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