EuGH zu Polen Ist Europas ältester Urwald noch zu retten?

Im Herbst stoppte der Europäische Gerichtshof die Abholzung des letzten Urwalds in Polen. Am Dienstag wollen sich die Richter zu dem Fall äußern. Ob der Forst überlebt, hängt nicht nur vom Urteil ab.

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Der Lärm des schweren Geräts im ostpolnischen Urwaldgebiet Bialowieza ist verstummt. Die Maschinen wurden vorerst abgezogen. Nur die Reifenspuren der Bagger, die bis vor Kurzem Zehntausende Bäume in Europas ursprünglichstem Wald abholzten, sind noch zu sehen.

Mit der umstrittenen Abholzung stellte sich Polens Regierung selbst an den Pranger. Der Bialowieza-Urwald ist das Herzstück des gleichnamigen Nationalparks, der sich grenzüberschreitend über etwa 1300 Quadratkilometer entlang der polnisch-weißrussischen Grenze erstreckt. Er ist Teil des Unesco-Weltkulturerbes, und auch die polnischen Teile, die nicht zum Nationalpark gehören, genießen Schutzrechte, die Polen laut Klage missachtet hat.

Außerhalb des Nationalparks liegen etwa 500 Quadratkilometer Urwald - und hier legte Polens Regierung schon seit 2012 kräftig die Säge an. Das war angeblich nötig, um einen laufenden Borkenkäferbefall einzudämmen. Polens Regierung argumentiert aber auch, dass das Land das Brennholz brauche: Jeder Kubikmeter trage dazu bei, dass weniger schmutzige Kohle aus Weißrussland importiert werden müsse. Es geht also auch ums Geld.

Ursprünglich sollten bis 2023 etwa 63.000 Kubikmeter Holz geschlagen werden. 2016 legte Polens Regierungspartei PiS da noch einmal 125.000 Kubikmeter drauf. Die intensivierte Abholzung führte nicht nur zu internationalen Protesten, sondern rief auch die EU-Kommission auf den Plan. Im April 2017 mahnte die Kommission Polen schriftlich ab, im Juli erhob sie Klage vor dem Europäischen Gerichtshof (EuGH). Als die Richter im Dezember mit empfindlichen Geldbußen drohten, stellte Polen die Sägearbeiten vorerst ein. Am Dienstag wird sich der EuGH erstmals zur Sache äußern, ein Urteil wird in den nächsten Wochen erwartet.

Doch ob Polens letzter Urwald leben oder sein Holz in Kaminen und Kanonenöfen brennen wird, hängt nicht nur von diesem Urteilsspruch ab, mahnen polnische Umweltschützer. Schließlich habe die Regierung bereits gezeigt, dass sie bereit sei, auf Recht und Urteile zu pfeifen.

"Wir haben wie Umwelt-Primitivlinge unser eigenes Naturerbe abgeschlachtet", sagt Umweltschützerin Joanna Pawluskiewicz von der Organisation zur "Verteidigung Bialowiezas" und zeigt auf Hunderte übereinander gestapelte Stämme.

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Drohender Kahlschlag: Kampf um Polens letzten Urwald

Mit dem Baumschlag hätten die Warschauer Nationalkonservativen gegen EU-Recht verstoßen, kritisieren Naturschützer und Biologen. "Illegales Holz" steht auf den Stämmen geschrieben, die sich nun kilometerweit entlang von Waldwegen im Bialowieza-Urwald türmen. "Viele der Bäume sind mehr als hundert Jahre alt", sagt Pawluskiewicz.

Ihr Kollege fotografiert die Stümpfe, die zum "Natura 2000"-Gebiet, einem Netz von Schutzgebieten in der EU, sowie zum Unesco-Naturerbe gehören. Die Aktivisten, die Beweise gegen Polens Regierung sammeln, werden auf ihren Kontrollgängen beobachtet: Zweimal fährt in dem ansonsten menschenleeren Waldstück die Forstpolizei vorbei.

Die Eingriffe zerstören den Urwaldcharakter

Der etwa 60.000 Hektar große polnische Teil des Urwalds unterliegt eigentlich strengem Schutz. "Es gibt keinen natürlicheren Wald in Europa als diesen", sagt Professor Krzysztof Schmidt vom Biologischen Institut der Polnischen Akademie der Wissenschaften zu Bialowiezas Einzigartigkeit. Bialowieza biete Tausenden Pflanzen- und Hunderten Tierarten einen Lebensraum, darunter geschützten Spezies wie Wisent, Wolf und Luchs. "Wenn der Wald verändert wird, geht seine biologische Vielfalt unwiederbringlich verloren", warnt Schmidt.

Regierungsangaben zufolge hat eine Borkenkäferplage die Abholzung erfordert. "Eine Lüge", meint Joanna Pawluskiewicz. Den Käferbefall könne der Wald selbst regulieren.

Das erinnert an die Diskussion, die in Deutschland von Mitte der Achtziger an geführt wurde. Gut 20 Jahre lang kam es im Bayerischen Wald zu einem massiven Borkenkäferbefall, der weite Teile des Waldes vernichtete. Dort entschloss man sich zu konservativen Eindämmungsmaßnahmen in den Randgebieten des Waldes und ließ den Käfer ansonsten wüten. Bald zeigte sich: Der vermeintliche Kahlfraß verjüngte und erneuerte den Wald, der seit einigen Jahren in alter Ursprünglichkeit neu heranwächst. Viele Experten sagen: artenreicher und widerstandsfähiger als zuvor.

"Es geht nicht um Profit"

Gefahren, sagen auch Polens Umweltschützer, drohten dem Wald aus ganz anderer Richtung: "Die einzige Wahrheit ist, dass wir den Urwald schützen müssen", sagt Joanna Pawluskiewicz. "Das Forstamt ist ein Unternehmen und will an dem Holzverkauf verdienen."

Die Behörde bestreitet das. "Es geht nicht um Profit", sagt Sprecher Jaroslaw Krawczyk. Seinen Angaben zufolge wurden im vergangenen Jahr etwa 150.000 Bäume gefällt - etwa 100.000 mehr als in den Jahren zuvor. Alles legal, wie er betont. Die Abholzungsmenge sei durch das Umweltministerium genehmigt worden.

Genau das weckte allerdings den Argwohn der EU-Kommission. Als ihre Mahnungen verpufften, klagte sie vor dem EuGH.

Seit Dezember schweigen nun die Sägen. Ein Erfolg, den sich die Aktivisten auch auf die eigene Fahne schreiben. "Wir zeigten den Behörden die entscheidenden Stellen im Wald und lieferten Beweise", sagt Pawulskiewicz, deren Verband von der Umweltschutzorganisation Greenpeace unterstützt wird.

Kommt ein Nationalpark?

Polens Regierung zog die Bagger ab und versuchte, den durch die Umweltaffäre verursachten Imageschaden zu beheben. Der umstrittene Umweltminister Jan Szyszko wurde ausgewechselt. Sein Nachfolger Henryk Kowalczyk sicherte zwar zu, sich an das in den kommenden Wochen erwartete EuGH-Urteil zu halten, die Aktivisten trauen seinem Wort aber nicht. Den Wald könne nur die Umwandlung in Nationalparkgebiet schützen, meinen sie.

Dafür setzt sich auch Polens Greenpeace-Direktor Robert Cyglicki ein: "Je mehr die Forstämter jetzt den Wald verändern, desto mehr spricht dagegen, ihn in Zukunft in einen Nationalpark umzuwandeln." Verliere der Urwald seinen Charakter, verlöre man den Grund, ihn zu schützen.

Cyglicki fürchtet, die holzenden Förster werde auch ein EuGH-Urteil nicht stoppen können. Nach Greenpeace-Informationen haben sie schon einen neuen Abholzungsplan in der Schublade. Er käme zum Einsatz, sollte das EU-Gericht den jetzigen verbieten. Cyglicki seufzt: "Dann geht alles von vorne los."

Denn den neuen Plan müsste Brüssel erst prüfen. Derweil könnten die Forstämter den Wald, der 9000 Jahre unberührt stand, weiter "verändern".

Von Natalie Skrzypczak, dpa/pat



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