Trotz Verbot des EuGH Polen rodet letzten Urwald Europas

Der Europäische Gerichtshof hat Polen untersagt, Bäume im geschützten Bialowieza-Urwald zu fällen. Trotzdem lässt die Regierung weiter abholzen. TV-Bilder zeigen, wie schweres Forstgerät vorrückt.

AP

Die polnische Regierung will im Bialowieza-Urwald weiter Bäume fällen lassen - auch nach der Anordnung eines sofortigen Abholzungsstopps durch den Europäischen Gerichtshof (EuGH). Polen werde die "Schutzmaßnahmen" fortführen, sagte Umweltminister Jan Szyszko am Montag vor Reportern. Der Fernsehsender TVN24 zeigte Bilder, die Baumfällarbeiten mit schwerem Gerät in dem geschützten Waldgebiet zeigten.

Der Holzeinschlag gehe weiter, wenngleich auch mit geringerer Intensität, sagte der Sprecher der polnischen Sektion der Umweltschutzorganisation Greenpeace, Krzysztof Cibor, der Nachrichtenagentur AFP.

In der vergangenen Woche hatte der EuGH einen sofortigen Stopp der Abholzung angeordnet. Nach Angaben des Gerichts handelt es sich um einen vorübergehenden Beschluss, bis endgültig entschieden werde. Die EU-Kommission hatte Polen Mitte Juli vor dem EuGH verklagt und eine einstweilige Anordnung verlangt, um die Abholzung zu stoppen.

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Bialowieza-Urwald: Naturparadies in Gefahr

Bialowieza gilt als einer der letzten großen Urwälder Europas. Er erstreckt sich über 150.000 Hektar entlang der Grenze zwischen Polen und Weißrussland. Ein Drittel der Waldfläche, gut 600 Quadratkilometer, liegt auf polnischem Staatsgebiet. Etwa ein Sechstel davon sind als Nationalpark geschützt und zählen zum Weltnaturerbe der Unesco. Menschliche Eingriffe sind dort nur sehr eingeschränkt erlaubt, Besucher dürfen sich nur auf bestimmten Routen bewegen.

Borkenkäfer als Vorwand für ein lukratives Geschäft?

Polens rechtskonservative Regierung hatte allerdings im März 2016 beschlossen, eine Verdreifachung der bisher zugestandenen Abholzung zu erlauben. Ursprünglich sollten im Zeitraum zwischen 2012 und 2021 etwa 63.000 Kubikmeter weichen. Inzwischen plant die Regierung allerdings mit 188.000 Kubikmetern Holz bis 2021. Dies galt auch für Gebiete, die zuvor vor Eingriffen jeglicher Art geschützt waren. Gerechtfertigt werden die Abholzaktionen mit der Bekämpfung des Borkenkäfers.

Umweltschützer halten das für falsch. Sie fürchten, dass die Regierung den Käfer nur als Vorwand nimmt, um mehr Holz verkaufen zu können. Auch manche Wissenschaftler sind skeptisch. Sie argumentieren, der 8000 Jahre alte Wald habe bereits diverse Angriffe von Borkenkäfern überstanden und könne ohne menschliche Eingriffe mit ihnen fertig werden.

"Selbst wenn die Bäume in einigen Regionen des Waldes absterben, wachsen nach einigen Jahren neue - manchmal nach zehn, manchmal nach 20 Jahren", sagte Rafal Kowalczyk von der polnischen Akademie der Wissenschaften im Juni 2016.

Es gibt aber auch Gegenstimmen: "Das Problem ist, dass der Borkenkäfer bereits vor einiger Zeit ausgebrochen ist und sich die Lage immer weiter verschlimmert hat", sagte Anna Malinowska von der Nationalen Forstverwaltung 2016. Die Abholzung befallener Bäume sei die einzige Möglichkeit, das Problem zu lösen.

jme/AFP/Reuters



insgesamt 105 Beiträge
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joernthein 31.07.2017
1. Vor einiger Zeit ....
gab es, eine durchaus, überzeugende Dokumentation zu diesem europäischem Urwald. Dort wurde auch die Gier der Wirtschaftslobyisten auf diesen Naturschatz angesprochen. Unter der neuen Regierung gibt es nun kein Halten mehr. - man frisst Geldscheine und Vitaminpillen, dass reicht zum (Über-) Leben. Und glücklich sein? Wie gesagt, ein erhaltenswertes Naturparadies. Davon sprechen wir.
karend 31.07.2017
2. .
"Der Europäische Gerichtshof hat Polen untersagt, Bäume im geschützten Bialowieza-Urwald zu fällen. Trotzdem lässt die Regierung weiter abholzen." EU-Gelder einfrieren. Leider reagieren viele erst, wenn es ums Geld geht. Polen hat finanziell enorm von der EU/den EU-Steuerzahlern profitiert –*und agiert nach Lust und Laune, da kaum Konsequenzen drohen. So geht's natürlich auch.
arrogist 31.07.2017
3. Und was passiert jetzt?
Schickt die EU-Kommission jetzt einen Gerichtsvollzieher nach Polen? Oder eine schnelle Eingreiftruppe? Die lassen sich doch alle von Polen und Ungarn auf der Nase herumtanzen, es ist unfassbar. Aber Geld gibt es natürlich weiter aus Brüssel - man muss sich ja an Verpflichtungen halten. Blöd nur, wenn den Regierungen der beiden Länder ihre Verpflichtungen piepegal sind.
cyn 31.07.2017
4. Unvollständig
Bei 150.000 Hektar wächst doch locker eine Million Kubikmeter Holz nach. Pro Jahr. Wo ist das Problem?
JanPiotr 31.07.2017
5. Der Umweltminister?
Der Umweltminister Szyszko schaut auf eine Tanne und sieht nur Bretter, schaut auf ein Wildschwein und sieht nur Fleisch, schaut auf einen Fuchs und sieht nur eine Pelzmütze. Das PiS-Regime braucht immer mehr Geld und der Urwald ist wehrlos.
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