Bienensterben im Rheintal Imker verdächtigen Insektizid als Ursache

Es blüht allerorten, aber die Brummer schweigen: Im Rheintal sind nach der Mais-Aussaat Millionen Bienen verendet. Es ist nicht das erste mysteriöse Bienensterben in den vergangenen Jahren. Diesmal verdächtigen Imker ein bundesweit eingesetztes Insektizid.


Karlsruhe - Im badischen Rheintal stehen Weidekätzchen und Wildkirschen zwar schon längst in voller Blütenpracht. Doch in den Bäumen ist es erschreckend still: Es fehlt das Summen der Bienen. Hektik herrscht dagegen in der Geschäftstelle des Landesverbands Badischer Imker im beschaulichen Appenweier. Dort rufen immer mehr der landesweit rund 7000 Imker an und klagen über ein massives Bienensterben entlang der Rheinlinie. Der plötzliche millionenfache Tod in den Bienenstöcken setzte in den vergangenen Tagen unvermittelt mit der Mais-Aussaat ein. Viele der Samenkörner waren zur Insektenbekämpfung mit dem Nervengift Clothianidin gebeizt, das in einem Produkt der Firma BayerCropscience enthalten ist. Das könnte der Killer sein, vermuten die Imker.

Bienenstock: Verursacht ein Insektizid das massenhafte Sterben der Insekten?
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Bienenstock: Verursacht ein Insektizid das massenhafte Sterben der Insekten?

Der Imkerverband spricht vom schlimmsten Bienensterben in der Region "seit 30 Jahren". Den Verdacht gegen das Nervengift aus dem Bayer-Konzern begründet der stellvertretende Verbandsvorsitzende Manfred Raff mit ähnlichen Erfahrungen italienischer Imker, bei denen die Mais-Aussaat schon vor einigen Wochen erfolgte. Dort fand sich in verendeten Bienen das Clothianidin. Es ist dem Verband zufolge Bestandteil des Agrargiftes Poncho Pro, welches für das Beizen des Mais-Saatgutes verwendet wird. Die Imker vermuten nun, dass die von den Saatmaschinen aufgewirbelten Stäube auf blühende Rapsfelder und Blumenwiesen wehten, wo das Gift von den Bienen aufgenommen wurde.

"Wir arbeiten mit den Behörden und Bienenwissenschaftlern an der Aufklärung der Angelegenheit", sagt Utz Klages von BayerCropscience. Bisher gebe es aber noch keine Erkenntnisse. Nach einem Brief der badischen Imker an den Stuttgarter Agrarminister Peter Hauk (CDU) lassen die Regierungspräsidien Freiburg und Karlsruhe tote Bienen auf Giftrückstände im Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen in Braunschweig untersuchen. Imker Raff befürchtet das Schlimmste. "Ich habe einige meiner Bienen als Erster untersuchen lassen: Die Todesursache war zu 80 Prozent Nervengift", sagt er.

Nach der Varroa-Milbe, die jeden Winter in den Stöcken der Honigsammlerinnen wütet, droht der Biene durch aggressive Agro-Gifte nun bundesweit eine womöglich weit größere Gefahr: Der Deutsche Berufs- und Erwerbsimkerbund weist darauf hin, dass Clothianidin in Deutschland mittlerweile zugelassen wurde für Kartoffeln, Mais, Zucker- und Futterrüben, Getreide und Raps. Internationalen Studien zufolge baue sich das Gift aber kaum ab. Es könne sich deshalb im Boden jedes Jahr trotz Fruchtfolge immer stärker ansammeln und wegen seiner guten Wasserlöslichkeit etwa in Bodensenken noch höher konzentriert sein.

Wie gefährlich Clothianidin eingeschätzt wird, zeigt auch eine Warnung der französischen Veterinärämter zu Frühjahrsbeginn: Darin rieten sie den Imkern eindringlich, mit ihren Bienenvölkern die Gebiete, in welchen das Gift eingesetzt wurde, für Jahre zu meiden. Im Elsass demonstrierten bereits Imker für ein Verbot von Clothianidin.

Eine Ausweisung großräumiger "No-Go-Gebiete" für Imker und ihre Bienen würde hierzulande auf die Landwirte mit voller Wucht zurückschlagen: 80 Prozent aller Nutzpflanzen werden von Bienen bestäubt. Dieser Nutzwert wird mit etwa vier Milliarden Euro beziffert. Besonders betroffen von Flugverbot oder massenhaftem Bienentod wären vor allem die Rapsbauern in Schleswig-Holstein. Dort ist Raps nicht nur die wirtschaftliche Grundlage für die 2500 Imker und ihre rund 25.000 Bienenvölker. Die Bienen sorgen mit dem Bestäuben der Ölpflanze zu Ertragssteigerungen von immerhin bis zu 30 Prozent.

In Süddeutschland ist dagegen Mais die am häufigsten angeflogene Pflanze der Bienen. Laut der Bayerischen Landesanstalt für Bienenkunde enthält ein Drittel des bayerischen Honigs inzwischen Maispollen. Dort wird der Mais allerdings ebenso wie in Baden-Württemberg vom Mais-Wurzelbohrer bedroht - und Saatgut deshalb mit Clothianidin behandelt. Raff räumt allerdings ein, dass ihm noch unklar sei, welches Gift seine Bienen getötet habe. "Das kann auch von einem Feld mit Energiepflanzen für Biosprit kommen. Die dürfen dort noch härtere Gifte einsetzen als bei Pflanzen für den menschlichen Verzehr", sagt er.

Jürgen Oeder, AFP



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