Bilanz von "Xaver" Triumph der Katastrophenbändiger

Großer Sturm, begrenzter Schaden: Nach ersten Berechnungen hat Orkan "Xaver" glimpfliche Folgen gehabt. Wurde zu Unrecht gewarnt? Wie sollte man sich vor Sturm schützen?

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Hamburg - Schuld am Kummer des Spießbürgers haben seiner Meinung nach gewöhnlich andere, vor allem Behörden, Politiker und Industrie. "Xaver" lehrt, dass auch Umgekehrtes gilt: Helfen die oft Beschuldigten, Unglücke zu vermeiden, können sie sich ebenfalls des Unmuts der Stammtische sicher sein, die sich mittlerweile vor allem in sozialen Netzwerken im Internet zusammentun. Wurde wirklich zu Unrecht gewarnt, wie dort behauptet wird?

Das Sturmtief geht als Erfolg des Katastrophenschutzes in die Geschichte ein. Orkane hatten auch in Deutschland immer wieder Katastrophen verursacht. Diesmal hatten Meteorologen zwei Tage im Voraus die Gefahr des Tiefdruckgebiets vorhergesagt, als es gerade erst geboren wurde. Sogar die Flut wurde prognostiziert, deren Höhe von vielen Einflüssen wie etwa Windrichtung, Sturmdauer und Gezeiten abhängt. Und vor allem: Mächtige Deiche und Schutzwälle haben ihre Funktion erfüllt.

Behörden haben die Warnung der Meteorlogen verbreitet und Konsequenzen gezogen, etwa Polizei und Feuerwehr verstärkt oder Schulen und Weihnachtsmärkte geschlossen. Auch Verkehrsbetriebe haben Vorsicht walten lassen und Flugzeuge und Züge gestoppt. Bürger waren gewarnt und blieben zu Hause.

"Selbstzerstörende Prophezeiung"

"Die Medien haben sich mit ihrer sehr ausführlichen Berichterstattung absolut richtig verhalten", sagt Frank Roselieb vom Kieler Institut für Krisenforschung. So hätten sich die Norddeutschen entsprechend auf den Orkan vorbereiten können. "Man spricht deshalb von einer selbstzerstörenden Prophezeiung. Die Krise war zwar tatsächlich da, aber die Folgen sind nicht so schwer."

Aufgrund der frühzeitigen Warnungen habe es weniger Verkehr und damit auch weniger Unfälle auf den Straßen gegeben, meint auch Lothar Gahrmann vom Landespolizeiamt Schleswig-Holstein. "Das ist Fakt. Wir waren nach den Erfahrungen mit Orkan 'Christian' sehr sensibel."

Der Wind wehte an den meisten Orten aber nicht ganz so heftig wie Orkan "Christian" vor sechs Wochen. In manchen Regionen etwa im mittleren Niedersachsen blieben die Windböen unter den vorhergesagten, räumt der Deutsche Wetterdienst ein; Wind lässt sich nur grob prognostizieren. Dafür dauerte "Xaver" vielerorts dreimal so lang wie "Christian", zwei Tage peitschte der Sturm über Norddeutschland - und schwächte Bäume und Aufbauten umso mehr.

Was passierte wirklich?

Orkan "Xaver" war gefährlich: Er schob ein besonders breites Windfeld vor sich her und bewegte sich nur langsam, so dass sich seine Gewalt so lange entfalten konnte - und sich extremes Hochwasser an den Küsten auftürmte. Hamburg erlebte die zweithöchste Flut seiner Geschichte. Extremböen mit weit mehr als 120 km/h schossen übers küstennahe Land und über Anhöhen.

Im gesamten Nordeuropa waren die Folgen gravierend: Mindestens zehn Menschen starben durch den Sturm. Hunderttausende waren ohne Strom, vor allem traf es die Polen. In Großbritannien verbrachten viele Bürger die Nacht zum Freitag in Notunterkünften. Schnee und Sturm behinderten den Verkehr; es gab Tausende Unfälle. Unzählige Bäume kippten auf Straßen und Schienen, brachten den Verkehr zum Erliegen. "Xaver" deckte Dächer ab und drückte Fensterscheiben ein.

Gleichwohl hätte es schlimmer kommen können. "Wir haben mit Stand Freitagmittag im Vergleich zu Orkantief "Christian" nur ein Zehntel so viele Schadensfälle", sagte ein Sprecher von der Versicherung Provinzial Nord Brandkasse.

Danke, danke, danke

"Mein Dank geht an all die Programmierer der Wetter-Computermodelle, die diese genaue und frühzeitige Vorhersage ermöglicht haben", lobt der Wetterexperte Jörg Kachelmann, Gründer des Wetterdienstes "Meteomedia". Die lang währende Kritik von ihm und anderen am Unwettermanagement in Deutschland scheint zu fruchten, wie die Vorsorgemaßnahmen bei "Xaver" zeigen. Der Sturm hat zudem bewiesen, dass private Wetterdienste einen wichtigen Beitrag leisten können, damit die Prognosen von Unwettern mehr Beachtung finden.

Größte Gefahr herrschte an den Küsten. "Heute Nacht hat Deutschland den Atem angehalten und auf unsere Deiche geschaut - sie haben standgehalten", sagte Schleswig-Holsteins Umweltminister Robert Habeck. Auf den Inseln habe des Wasser zwar viel Sand weggespült, berichtet der Direktor des Landesbetriebs Küstenschutz in Schleswig-Holstein, Joahnnes Oelerich. Auch an Deichen seien Schäden entstanden. Doch die Wälle hielten.

"Unser Dank gilt allen, die seit der Sturmflut von 1962 die richtigen Entscheidungen getroffen und unsere Küsten sicherer gemacht haben", ergänzte Ministerpräsident Torsten Albig. "Wir dürfen nie vergessen, welche Kraft und Gewalt die Nordsee hat", sagte Habeck. "Dass wir so gut durch diese Nacht gekommen sind, ist den Frauen und Männern zu danken, die unsere Küsten schützen."

Deichbau ist hohe Ingenieurskunst, in der jahrhundertelange Erfahrungen der Küstenbewohner und moderne Technologie verschmelzen. Die komplizierte Gewinnung von Marschland hat den Anlauf des Meeres vergrößert, die ausgefeilte Statik der Deiche hält mittlerweile selbst immensem Druck tagelanger Fluten stand, wie die "Xaver"-Flut beweist. Die Deiche wurden weich - aber sie hielten.

"Nicht den Blödtod sterben"

Die hohen Investitionen in den Deichbau machen sich also bezahlt. Früher drangen in Norddeutschland schon weitaus niedrigere Wasserstände weit ins Land und ließen Tausende ertrinken. Bund und Länder stecken jährlich weitaus mehr als 100 Millionen Euro in den Küstenschutz.

Fünf Millionen Menschen in Norddeutschland würden ohne Deiche schon vom normalen Gezeitenhochwasser nasse Füße bekommen - zweimal täglich. Beim Versagen der Deiche wäre beispielsweise ein Viertel Schleswig-Holsteins von Überflutung bedroht. Auch in Niedersachsen bietet eine weite Tiefebene der Nordsee im Katastrophenfall viel Platz.

Auch in Hamburg wurde aus der Hochwasser-Katastrophe von 1962 gelernt, als 340 Menschen starben. Die "Xaver"-Flut lief sogar fast einen halben Meter höher auf - doch sie bedrohte keine Menschen, sie waren alle in Sicherheit. Die Küstenschutz-Planung der Behörden war also ein großer Erfolg.

Doch letztlich dürfe nicht vergessen werden, betont Kachelmann, dass bei Sturm jeder für sich selbst verantwortlich sei, um nicht von Gegenständen erschlagen zu werden: "Bitte sterben Sie nicht den Blödtod."

Mit Material von dpa

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