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Alternative zu Kohle: Billiges Erdgas aus Fracking verschärft den Klimawandel

Fracking: Technische Überlegenheit im Vergleich zur Kohle Zur Großansicht
REUTERS

Fracking: Technische Überlegenheit im Vergleich zur Kohle

Wer statt Kohle Erdgas verbrennt, schont das Klima - so die Hoffnung. Doch die Rechnung geht offenbar nicht auf. Denn die verstärkte Förderung von Erdgas durch Fracking macht das Gas immer billiger und somit zum Klimakiller.

Allein die Erhöhung der weltweiten Erdgasproduktion durch neue Fördermethoden wie das Fracking würde im Kampf gegen den Klimawandel nicht helfen, berichten Forscher. Wenn Erdgas reichlich verfügbar und somit preiswerter werde, habe dies letztlich auch einen insgesamt höheren Energieverbrauch zur Folge - dabei aber würde die schmutzige Kohle nur zum Teil durch Gas ersetzt, erklärte das an der Untersuchung beteiligte Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK).

Leider erweise sich die Hoffnung als "irrig", dass Erdgas wegen seiner technischen Überlegenheit im Vergleich zur Kohle absehbar zu einer Verringerung der Erderwärmung beitragen könne. Erdgas enthält Kohlenstoff und Wasserstoff. Bei seiner Verbrennung wird deshalb weniger CO2 freigesetzt als beim Verfeuern von Kohle, die nur aus Kohlenstoff besteht. "Das stark erhöhte Angebot von Erdgas führt zu einem Preisverfall und einer Ausweitung der gesamten Energie-Versorgung", erläuterte Nico Bauer vom PIK, einer der Ko-Autoren der Studie.

Die in der neuen Ausgabe der Fachzeitschrift "Nature" veröffentlichte Untersuchung ergab, dass ein starker Anstieg des weltweiten Erdgasverbrauchs den Ausstoß des klimaschädlichen Kohlendioxid bis zur Mitte dieses Jahrhunderts sogar um zehn Prozent steigern könnte, anstatt ihn wie erhofft zu senken. Deswegen reiche die bloße Steigerung der Erdgasförderung nicht aus, begleitende politische Maßnahmen seien notwendig.

Konkret nannte PIK-Chefökonom Ottmar Edenhofer verbindliche Vereinbarungen und internationale Zusammenarbeit zur "Bepreisung von Emissionen".

Sparsamkeit ist entscheidend

Die PIK-Experten hatten zusammen mit vier weiteren Teams aus den USA, Österreich, Italien und Australien mit Computerprogrammen die komplexen Auswirkungen eines steigenden Erdgas-Angebots und eines damit einhergehenden Preisverfalls auf das globale Energiesystem der kommenden Jahrzehnte simuliert. Demnach würde sich nach Angaben des PIK zwar der Anteil von Erdgas am globalen Energiemix erhöhen, zeitgleich aber wegen der gesunkenen Preise insgesamt auch mehr Energie verbraucht.

Nach Angaben des PIK-Forschers Bauer wäre außerdem damit zu rechnen, dass das billige Erdgas lediglich eine "sehr begrenzte Menge" der schmutzigeren Kohle ersetzen würde, während es auch erneuerbaren Energien und Atomkraft Konkurrenz machen könnte.

Die Studie war unter Federführung des Pacific Northwest National Laboratory (PNNL) entstanden, einer Einrichtung des US-Energieministeriums. Hintergrund ist der in den vergangenen Jahren in Nordamerika zu verzeichnende Boom bei der Gas-Förderung aus sogenannten unkonventionellen Lagerstätten. Der Vorgang ist auch als Fracking bekannt. Entsprechende Erdgas-Vorkommen gibt es auch in anderen Ländern, allerdings ist die Förderung unter anderem wegen möglicher Risiken für Mensch und Umwelt umstritten.

Nach Angaben von Studien-Leitautor Hawon McJeon vom PNNL könnte der globale Einsatz der neuen Fördertechniken die weltweite Erdgasproduktion bis zum Jahr 2050 verdoppeln oder sogar verdreifachen. Laut PIK ist die Abschätzung der künftig verfügbaren Gasmengen allerdings mit großen Unsicherheiten behaftet. Insgesamt beurteilen Experten die Aussichten für einen Erdgasboom durch Fracking nicht einheitlich.

Fracking
Was ist Fracking?
Fracking ist eine Kurzform für Hydraulic Fracturing. Deutsche Experten sprechen auch von hydraulischer Lagerstättenstimulation. Dabei wird ein Mix aus Wasser, Sand und Chemikalien mit Hochdruck durch Bohrlöcher in den Untergrund gepresst, um Erdgasvorräte freizusetzen, die in bis zu 2500 Metern Tiefe im Schiefer ruhen und sonst nicht erreichbar sind. Die Flüssigkeit bricht die Gesteinsschichten auf, der Sand füllt die Zwischenräume, das Gas kann dadurch entströmen. Über horizontale Bohrungen kann eine einzige Förderstelle, wie ein Rad mit Speichen, weite Flächen erreichen.
Warum ist Fracking umstritten?
Die Rohre werden mit unterirdischen Explosionen perforiert, um das Gas aufnehmen zu können. Kritiker fürchten, dass Fracking Erdbeben auslösen könnte. Auch ist die genaue Zusammensetzung der Bohrmischung unklar. Energiefirmen nennen bis zu 750 Additive, Umweltschützer haben unter anderem Chlorwasserstoffsäure und Metanol identifiziert. Studien zufolge kann Fracking das Trinkwasser kontaminieren, durch giftige Abwässer, Chemikalien und radioaktive Stoffe. Es könne zu Explosionen, Methangas-Emissionen und langfristigen Gesundheitsschäden führen.
Warum ist Fracking gefragt?
Erdgas hat ein neues, globales Rohstofffieber ausgelöst. Die USA befürworten die Gasförderung durch Fracking als eine Chance, sich vom Öl-Knebel des Nahen Osten zu lösen. Sie hoffen dabei auf enorme unterirdische und bisher unergründete Schiefergasbecken. Das größte davon ist das Marcellus-Becken, das sich unter den Appallachen von New York im Norden bis nach Ohio im Osten und Virginia im Süden erstreckt. Die einzelnen Bundesstaaten sind jedoch unschlüssig, ob und wie sie Fracking genehmigen sollen. In Deutschland finden sich die meisten Schiefergasvorkommen in der Nordhälfte des Landes sowie in Bayern.

jme/AFP

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1. Seit wann
altmannn 16.10.2014
hängt die CO2 Emission vom Preis des Gases ab? Früher dachte ich immer, es käme auf den Kohlenstoffgehalt an.
2. Der Artikel erweckt den Eindruck,
spmc-129372683232763 16.10.2014
als sei das ganze Problem über die Energiekosten zu lösen! Wenn das zutreffen sollte :Nur zu!! Hoch mit den Energiesteuern!Aber bitte für alle Länder in geichem Maße!
3. Nach dem Motto,
pace335 16.10.2014
man muß die Energie nur ordentlich teuer machen oder halten, dann wird automatisch gespart, was für eine Lachnummer.
4. Interessiert das die Amis
somasemapsyches 16.10.2014
oder die Befürworter dieses Teufelszeugs??!!
5. So, jetzt reicht's
Suk-ram 16.10.2014
nach dieser absurden Argumentation kann auch ich das PIK nicht mehr ernst nehmen. In den USA, Herr Bauer, verdrängt Gas zuvörderst Kohle- die dann u. a. im Energiewendeland Deutschland verbrannt wird.
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Unkonventionelle Gasförderung
In Deutschland gibt es einen Run auf neue Erdgasquellen. Durch spezielle Bohrmethoden lässt sich der wertvolle Rohstoff selbst dann bergen, wenn er in kleinen, abgeschotteten Zwischenräumen verstreut ist. SPIEGEL ONLINE zeigt Chancen und Risiken des Booms im Überblick.
Weltweite Vorräte
Die Internationale Energieagentur schätzt, dass weltweit rund 921 Billionen Kubikmeter unkonventionellen Gases im Erdreich verborgen sind - fünfmal so viel wie in konventionellen Vorkommen. Andere Expertern gehen von noch größeren Mengen aus. Bislang gibt es für viele Länder aber nur Schätzungen über prinzipiell vorhandene Mengen (in-situ Mengen). Wie viel davon tatsächlich technisch (Ressourcen) und wirtschaftlich (Reserven) gefördert werden kann, ist noch nicht bekannt.
Die Reservoirs
Im Gegensatz zu konventionellen Vorkommen befindet sich unkonventionelle nicht in durchlässigen Gesteinsschichten, sondern in kleinsten Poren und Bruchzonen im Gestein. Die größten Vorkommen sind in Schiefergestein eingeschlossen. Aber auch in Tonschichten und Tundraböden finden sich Vorräte.
Die Fördermethode
Steuerbare Bohrer dringen nicht nur tief ins Erdreich vor, sondern wühlen sich auch horizontal ins Gestein. So kann die gashaltige Gesteinsschicht über eine Strecke von mehreren Kilometern durchbohrt werden. Damit das Gas entweichen kann, wird das Gestein durch eine Mischung aus Wasser, Chemikalien und Quarzkügelchen in Tausende Stückchen gesprengt. Die Sprengungen bezeichnet man als "hydraulic fracturing" oder "fracing" (sprich: "Fräcking"). Fracing wird sehr selten auch bei konventionellen Bohrungen eingesetzt - bei unkonventionellen ist es Standard.
Die Chemikalien
Der Anteil der eingesetzten Chemikalien an der Gesamtflüssigkeit beträgt nach Angaben der Industrie gut ein Prozent. Angesichts der Tatsache, dass beim Fracing einer Bohrung teils mehrere Millionen Liter Wasser eingesetzt werden, ist das allerdings immer noch eine Menge. Über die genaue Zusammensetzung der Chemikalien gibt die Industrie nur sehr zögernd Auskunft.
Folgen der Technologie
In den USA hat der Abbau von unkonventionellem Erdgas bereits in großem Stil begonnen und den Energiemarkt so umgekrempelt, dass der Rohstoffexperte und Pulitzerpreis-Gewinner Daniel Yergin von einer "American Gas Revolution" spricht.
Folgen für die Umwelt
In den USA gibt es Beschwerden von Anwohnern, die sagen, ihre Lebensbedingungen hätten sich verschlechtert - unmittelbar, nachdem in Nähe ihrer Wohnungen Fracing-Bohrungen vorgenommen wurden. US-Behörden haben zudem Luft- und Grundwasserverschmutzungen nachgewiesen. Inwieweit es sich um Einzelfälle handelt oder um ein flächendeckendes Problem - und inwieweit all die aufgetretenen Umweltschäden tatsächlich mit der unkonventionellen Gasförderung zusammenhängen, ist kaum untersucht. Die US-Regierung hat es bislang versäumt, die Umweltrisiken genau zu untersuchen.ssu


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