Biodiversität in Europa: Artensterben vollzieht sich mit Zeitverzögerung

Artensterben: Europas Vielfalt in Gefahr Fotos
Wolfgang Rabitsch

Das Artensterben ist bedrohlich genug, doch laut einer neuen Studie sieht es noch düsterer aus: Die Effekte von Zersiedlung und Umweltverschmutzung schlagen sich bei vielen Spezies erst Jahrzehnte später nieder. Die Zahl der bedrohten Arten müsste deutlich nach oben korrigiert werden.

In der Erdgeschichte gab es mehrere große Artensterben; sie wurden etwa durch Meteoriten oder Vulkanismus ausgelöst. Angesichts des derzeitigen rapiden Artenschwunds sprechen viele Experten vom sechsten Massenaussterben. Bedroht sind Tiere und Pflanzen derzeit allerdings durch menschliche Aktivitäten: in erster Linie Umweltverschmutzung, die Umwandlung natürlicher Lebensräume in landwirtschaftliche Flächen sowie das Verbreiten invasiver Spezies.

Um das Artensterben besser zu verstehen, haben Forscher die wirtschaftliche Entwicklung von 22 europäischen Staaten sowie der Artenvielfalt in diesen Ländern in Bezug gesetzt. Laut ihrer im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences" veröffentlichten Studie könnte sich das Artensterben in den kommenden Jahrzehnten deutlich zuspitzen. Zwischen 20 und 40 Prozent der erfassten Spezies gelten in den untersuchten Staaten, zu denen auch Deutschland zählte, derzeit als bedroht

Die Forscher um Stefan Dullinger von der Universität Wien verglichen die aktuellen Nationalen Roten Listen der gefährdeten Arten mit der wirtschaftlichen Entwicklung am Anfang, in der Mitte und gegen Ende des 20. Jahrhunderts. Dabei beachteten sie Bevölkerungsdichte, Intensität der Landnutzung und Bruttoinlandsprodukt pro Kopf.

Bei Pflanzen, Libellen und Heuschrecken erklärte der Entwicklungsstand des Landes um das Jahr 1900 den derzeitigen Bedrohungsstatus am besten. Bei Säugetieren und Reptilien waren die Daten von 1900 und 1950 ähnlich aussagekräftig. Nur der Status der Fischbestände ließ sich am besten von aktuellen Daten ableiten. Die Forscher vermuten, dass Eingriffe in Gewässer durch Verschmutzung oder Dämme direkt den gesamten Lebensraum von Fischen so deutlich verändern, dass ihre Bestände sich sofort verändern.

Gefährdete Wiesenpflanzen

Als Beispiel dafür, dass Bestände erst Jahrzehnte später deutlich zurückgehen können, nennt Dullinger etwa typische Wiesenpflanzen wie die Kuckucks-Lichtnelke (Lychnis flos-cuculi) oder den Teufelsabbiss (Succisa pratensis). "Diese früher sehr verbreiteten Arten gehen heute stark zurück, obwohl die dafür verantwortlichen Veränderungen wie starker Düngereinsatz oder Drainage schon vor Jahrzehnten einsetzten", sagt der Wissenschaftler.

Die Forscher betonen, dass sich die schädlichen Einflüsse anscheinend auch bei kurzlebigen Spezies wie Libellen und Grashüpfern erst Jahrzehnte später bemerkbar machen. Die Gefährdungssituationen, die wir jetzt wahrnehmen, tragen deutliche Spuren dessen, was sich in der Wirtschaftsentwicklung vor hundert Jahren getan hat", sagt Dullinger. "Die jetzigen, stärkeren Eingriffe in die Natur werden sich erst in einigen Jahrzehnten auswirken." Sein Fazit: "Die Zahl der gefährdeten Arten wird wohl deutlich unterschätzt."

wbr/dpa

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1.
tolate 16.04.2013
Und die Art, die das Artensterben sowohl voranbringt, als auch unterschätzt, hat sich womöglich selbst auf die Liste gesetzt, ohne es zu bemerken. Aber Verdrängen von Risiken gehört nun mal zu einem guten Leben. Das war auch zutreffend, solange die Anzahl derer, die verdrängen, klein genug war. Es könnte sein, dass gerade diese Veränderung nicht bemerkt wird, bis sie sich dann unübersehbar bemerkbar macht. Und bis dahin gilt sicher die Devise, es hat noch immer jut jegange.
2. nun...
Layer_8 16.04.2013
Zitat von sysopWolfgang RabitschDas Artensterben ist bedrohlich genug, doch laut einer neuen Studie sieht es noch düsterer aus: Die Effekte von Zersiedlung und Umweltverschmutzung schlagen sich bei vielen Spezies erst Jahrzehnte später nieder. Die Zahl der bedrohten Arten müsste deutlich nach oben korrigiert werden. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/biodiversitaet-in-europa-artensterben-geschieht-mit-zeitverzoegerung-a-894478.html
...was sollen wir jetzt machen? Rigorose menschliche Vermehrungskontrolle weltweit? So ähnlich wie in China? Es scheint nun mal so zu sein, dass der Mensch ein essentieller Stressfaktor für das Ökosystem geworden ist. Und es scheint damit auch zu sein, dass ein vermehrtes Aussterben anderer Arten mit unserer Existenz einhergehen muss. Das einzige, was wir dagegen tun können ist wohl, unseren über allen anderen Arten "herausragenden" Verstand auch dazu zu verwenden, "negative" Folgen unserer Existenz für andere Arten möglichst zu minimieren, "Verantwortungsbewusstsein". Jedoch denke ich nicht, dass alles wieder auf einen Garten Eden zurückschraubbar sein wird. Wir sind zufällig nunmal da, und andere Arten können daher ihr Nachsehen haben. So läufts halt mit der Evolution. Da gibt es nichts zu klagen, so ist halt die Natur.
3.
Pless1 16.04.2013
Zitat von sysopWolfgang RabitschDas Artensterben ist bedrohlich genug, doch laut einer neuen Studie sieht es noch düsterer aus: Die Effekte von Zersiedlung und Umweltverschmutzung schlagen sich bei vielen Spezies erst Jahrzehnte später nieder. Die Zahl der bedrohten Arten müsste deutlich nach oben korrigiert werden. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/biodiversitaet-in-europa-artensterben-geschieht-mit-zeitverzoegerung-a-894478.html
Man kann natürlich eine breit angelegte Studie nicht anhand eines knappen Artikels kritisieren. Zumindest dieser Artikel aber deutet eher darauf hin, dass man einen Kausalzusammenhang als gegeben angenommen hat und dann solange in der Historie zurück gegangen ist, bis man eine plausible Erklärung dazu gefunden hat. So geht wissenschaftliches Arbeiten natürlich nicht und ich denke auch nicht, dass die Wissenschaftler so vorgegangen sind - nur ist dann eben der Artikel nicht gut, weil er diesen - ich hoffe einmal falschen - Eindruck erweckt und nicht darlegt, wie es zu diesem Zeitverzug kommt (etwa durch langsamere Lebensraumveränderungen, die dann später auf kurzlebige Arten "durchschlagen").
4.
semanino 16.04.2013
Zitat von Layer_8...was sollen wir jetzt machen? Rigorose menschliche Vermehrungskontrolle weltweit? So ähnlich wie in China? Es scheint nun mal so zu sein, dass der Mensch ein essentieller Stressfaktor für das Ökosystem geworden ist. Und es scheint damit auch zu sein, dass ein vermehrtes Aussterben anderer Arten mit unserer Existenz einhergehen muss. Das einzige, was wir dagegen tun können ist wohl, unseren über allen anderen Arten "herausragenden" Verstand auch dazu zu verwenden, "negative" Folgen unserer Existenz für andere Arten möglichst zu minimieren, "Verantwortungsbewusstsein". Jedoch denke ich nicht, dass alles wieder auf einen Garten Eden zurückschraubbar sein wird. Wir sind zufällig nunmal da, und andere Arten können daher ihr Nachsehen haben. So läufts halt mit der Evolution. Da gibt es nichts zu klagen, so ist halt die Natur.
Haben Sie schon mal etwas von Permakultur gehört? Existiert schon seit 40 Jahren, interessiert aber wohl nicht "die Masse". Für Länder, in denen die Mehrheit am Existenzminimum lebt, mag Ihre Meinung ja vertretbar sein, aber in einem reichen Land wie Deutschland ist sie mehr als zynisch. Sie blenden völlig aus, dass die negativen Wirkungen unserer "Zivilisation" auf die Umwelt fast ausschließlich durch einen Faktor motiviert sind: maximalen Luxus für minimales Geld. Richtig, es gibt auch bei uns Menschen, die von so wenig Geld leben müssen, dass sie sich z.B. Bio-Lebensmittel schlicht nicht leisten können (aber haben wir nicht ein durchschnittliches Pro-Kopf-Einkommen von 30.000 EUR? Wo ist denn die ganze Kohle?). Wir könnten viel für unsere Umwelt tun - aber wir wollen nicht. Kaum einer der Landwirte will, und jeder der schön sein Baumarkt-Style-Gärtchen hegt und pflegt, will es auch nicht, weil er/sie keine Ahnung von Natur hat. Schauen Sie sich als Denkanstoß doch mal den Film "Avatar" an - der beleuchtet diese Thematik ganz gut. Und dann reflektieren Sie bitte, zu welcher der Seiten im Film Sie sich zählen würden. Viel Spaß!
5. Jäger zu Wildhütern umschulen
lupomir 16.04.2013
Tiere brauchen mehr Lebensraum, und am Ende wird die Ausrottung unzähliger Tiere brutal auf den Menschen selbst zurück fallen. Doch nach wie vor werden die Tiere in Wald und Flur von Hobby-Jägern erschossen, womit das Chaos noch vergrößert wird. Dabei ist längst nachgewiesen, dass sich eine Natur ohne Jagd mit einer umweltfreundlichen Landwirtschaft in Einklang bringen lässt. Die Jäger könnten, wenn eine entsprechende Bereitschaft bei ihnen da wäre und sie mit ihrem Jägerlatein aufhören würden, zu Wildhütern umgeschult werden, die nie wieder gesunde Tiere töten. Und anstatt dass die Politiker Milliardensubventionen für Tiervernichtungsanstalten zum Fleischkonsum ausgeben, könnte man mit dem Geld die Landwirte enstprechend unterstützen, die anerkennen, dass auch ein Tier in freier Natur Hunger hat und ein Recht auf einen Lebensraum hat und deswegen noch lange kein Schädling ist, der erschossen werden muss.
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