Evolution Biologen lösen Neunaugen-Rätsel

Als Larven sind sie nicht zu unterscheiden, als erwachsene Tiere gehen sie komplett getrennte Wege: Lange haben Biologen gerätselt, ob Bachneunaugen und Flussneunaugen dieselbe Art sind oder zwei verschiedene. Nun brachte ein Erbgutvergleich die Lösung.

Von

B.R.Quintella

Neunaugen verbringen einen Teil ihres Lebens als Parasiten: Sie saugen sich an Fischen fest, beißen in ihre Opfer hinein, futtern Fleisch und schlürfen Blut. Dieses Verhalten legen etwa erwachsene Flussneunaugen (Lampetra fluviatilis) und auch Meeresneunaugen an den Tag. Doch nicht alle Neunaugen pflegen diesen rabiaten Lebensstil. Beispielsweise hat das Bachneunauge (Lampetra planeri) das Problem der Ernährung im Erwachsenenalter anders gelöst: Es hört einfach mit dem Essen auf. Das Maul ist zwar da, aber die Zähne darin stumpf. Wenn diese Tiere geschlechtsreif sind, eilen sie zur Paarung - und sterben bald darauf.

Erst einmal leben Fluss- und Bachneunaugen allerdings mehrere Jahre als blinde und zahnlose Larven im Flussbett, wo sie sich von pflanzlichem Material und Kleinstlebewesen ernähren. Und in diesem Stadium kann man Fluss- und Bachneunaugen nicht auseinanderhalten. Erst als erwachsene Tiere gehen sie getrennte Wege: Die parasitären Flussneunaugen wandern ins Meer und die sesshaften Bachneunaugen bloß ein Stückchen flussaufwärts.

Biologen haben sich deshalb schon vor vielen Jahrzehnten gefragt, ob es sich um dieselbe Art handelt oder um zwei verschiedene. Die Tiere laichen in Flussläufen sogar zum Teil an denselben Stellen: Das stärkte die Vermutung, dass es sich um eine Art handelt, die sich nur sehr unterschiedlich entwickeln kann. Bach- und Flussneunauge lassen sich zudem im Aquarium kreuzen. "Aber das ist bei vielen Arten möglich, die sich in der Natur aus dem Weg gehen", sagt Walter Salzburger von der Universität Basel.

Er berichtet zusammen mit Kollegen im Fachmagazin "Current Biology" von der Lösung des alten Biologie-Rätsels: Beim Erbgutvergleich entpuppten sich die Neunaugen klar als zwei verschiedene Spezies, die sich in der Natur nicht miteinander paaren. Die Forscher betrachteten Unterschiede im Erbgut von 17 Fluss- und 18 Bachneunaugen.

Anpassung an Süß- und Salzwasser

Das Genom eines nahen Verwandten, des Meeresneunauges, ist seit kurzem entschlüsselt. Die Wissenschaftler konnten von diesem ausgehend feststellen, in welchen Bereichen das Erbgut von Bach- und Flussneunauge deutlich voneinander abweicht. Tatsächlich entdeckten sie Unterschiede in mehreren Genen - darunter das Vasotocin-Gen, das die Anpassung an Süß- oder Salzwasser mitsteuert. "Alle Differenzen ergaben sofort Sinn", sagt Salzburger

Außerdem ermöglichte die Analyse, eine Theorie zu untermauern: Unter dem Vorbehalt, dass es tatsächlich zwei Arten sind, müssten die sesshaften Bachneunaugen von den wandernden Flussneunaugen abstammen, hatten Biologen bislang vermutet. Schließlich konnten die Wanderer neue Flussläufe besiedeln, was den sesshaften Tieren kaum gelingen konnte. Die Annahme stimmt tatsächlich gut mit den Daten überein.

Das Neunaugen-Rätsel wäre damit gelöst. "Unsere Studie zeigt einmal mehr, wie mit Hilfe moderner Genomforschung alte Fragestellungen aus der Biologie aufgeklärt werden können", freut sich Walter Salzburger.

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insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
coopms 07.08.2013
1.
Zitat von sysopB.R.QuintellaAls Larven sind sie nicht zu unterscheiden, als erwachsene Tiere gehen sie komplett getrennte Wege: Lange haben Biologen gerätselt, ob Bachneunaugen und Flussneunaugen dieselbe Art sind oder zwei verschiedene. Nun brachte ein Erbgut-Vergleich die Lösung. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/biologen-loesen-neunaugen-raetsel-a-913754.html
Und auf die Idee sind die jetzt gekommen?
analyse 07.08.2013
2. da haben Sie aber nochmal Glück gehabt,daß Sie
Genomforschung formuliert haben und nicht Gentechnik sonst hätten ihnen die Grünen sofort die Forschungslizenz entzogen !
DrStrang3love 07.08.2013
3.
Zitat von coopmsUnd auf die Idee sind die jetzt gekommen?
Ich sag's mal so: es gibt ein bedeutend mehr Arten von Lebewesen, deren Erbgut man sequenzieren könnte, als Forscher, die das machen können. Es ist also weniger das Problem, erst mal auf die Idee zu kommen, als dazu die Gelegenheit zu finden. Zumal Neunaugen nicht unbedingt die allerhöchste Priorität haben dürften...
dr.schnabel 07.08.2013
4. optional
Das heisst, es gibt Unterschiede im Erbgut? Donnerwetter!
total_perspective_vortex 07.08.2013
5.
Zitat von analyseGenomforschung formuliert haben und nicht Gentechnik sonst hätten ihnen die Grünen sofort die Forschungslizenz entzogen !
Gentechnik ist ja auch was anderes als Genomforschung.
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