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Biologie: Akazienbäume treiben Ameisen in die Abhängigkeit

Von Annick Eimer

Erzwungene Symbiose: Der Herr der Ameisen Fotos
Martin Heil

Die Ameisen verteidigen den Baum gegen Feinde, dafür bietet die Akazie ihnen Nahrung und ein Heim. Was freundlich klingt, hat jedoch eine perfide Basis, wie Wissenschaftler berichten. Denn die Pflanze sorgt dafür, dass ihre Soldaten ohne sie zugrunde gehen.

Manchmal ist es gut, Verbündete zu haben. Man muss sie nicht unbedingt mögen, solange sie einem nützen. Etwa um neue Nahrungsquellen zu erschließen, die sonst nicht zugänglich wären. Oder um sich gegen Feinde zu schützen, die man alleine nicht besiegen könnte. In der Natur findet sich diese Art der Zusammenarbeit oft. Biene und Blume sind der Klassiker. Ein weiteres Beispiel sind Vögel, die auf den Rücken von Nashörnern sitzen, wo sie den Dickhäutern die Parasiten aus den Hautfalten picken. Was fürs Nashorn Gesundheitsvorsorge ist, ist für den sogenannten Madenhacker eine willkommene Mahlzeit.

Symbiose oder Mutualismus nennen Wissenschaftler diese Art der Kooperation. Allerdings stellen sie immer wieder fest, dass die Beziehungen häufig nicht so einfach sind, wie sie auf den ersten Blick erscheinen. Meist ist es eher ein Dulden als ein harmonisches Miteinander, und so manches Mal erscheint die Beziehung alles andere als gleichberechtigt. So stehen die Madenhacker zum Beispiel im Verdacht, den Nashörnern ernsthaft Schmerzen zuzufügen, indem sie in Wunden herumhacken oder sich den Ohrenschmalz der Dickhäuter schmecken lassen.

Engagierte Wächter

Von einer besonders perfiden Beziehung berichtet ein deutsch-mexikanisches Forscherteam in der Fachzeitschrift "Ecology Letters". Die Forscher um den deutschen Botaniker Martin Heil vom Centro de Investigación y de Estudios Aamvanzados del Instituto Politécnico Nacional, einer staatlichen Forschungseinrichtung in Mexiko, untersuchten die Symbiose einer Ameisenart mit Akazien-Bäumen. Riesige Ameisenkolonien bewohnen und bewachen die Bäume. Sie sorgen dafür, dass andere Tiere nicht an den Blättern nagen und entfernen Schlingpflanzen, die versuchen, am Wirtsbaum Fuß zu fassen. Ohne den Schutz wären die Akazien-Bäume arm dran, wie jene ruinierten Exemplare beweisen, die von ihren Hütern verlassen wurden. Vor allem Grashüpfer und Zikaden machen ihnen schwer zu schaffen. Diesen Insekten gegenüber zeigen sich die Ameisen-Armeen in der Regel besonders aggressiv. Um den Baum zu verteidigen, verbeißen sie sich in den ungeschützten Gelenken der Eindringlinge oder greifen gezielt deren Augen an. Danach wird der verletzte Gegner vom Baum geschubst.

Für diese Aufopferung bietet der Baum seinen Ameisen Heim und Nahrung. In hohlen Dornen finden sie Schutz für sich und den Nachwuchs. Sie fressen ausschließlich den süßen Nektar, den der Baum an den Blattstielen für sie bereitstellt. Lange glaubten die Forscher, dass der Baum besonders fürsorglich sei. Denn die Ameisen leiden an einer Art Nahrungsunverträglichkeit. Weil ihnen das nötige Enzym fehlt, können sie Saccharose, den wir als Haushaltszucker kennen, nicht abbauen. Genau dieser Zucker, der in der Natur fast allgegenwärtig ist, fehlt im Nektar der Akazie völlig.

"Hat schon was von einem Science-Fiction-Film"

Schonkost für empfindliche Ameisen-Mägen als Dank dafür, dass die Insekten jeden Tag harte Kämpfe ausfechten? So ganz passte den Forschern die Erklärung nicht. "Wieso sollten die Ameisen ihr Leben aufs Spiel setzen? Wäre es nicht viel schlauer, sich ganz eigennützig einfach nur am Nektar zu bedienen?", sagt Heil.

Im Labor zogen sie Larven der Ameisen heran und setzten sie auf verschiedene Diäten. Eine Gruppe erhielt den Akazien-Nektar, die andere Nahrungsmittel mit Saccharose. Und siehe da: Die im Labor geschlüpften Ameisen waren durchaus in der Lage, den Zucker zu verwerten. Dass den Ameisen durch einen genetischen Defekt die Fähigkeit abhandengekommen war, den Zucker zu verdauen, konnten die Forscher damit ausschließen.

Die Wissenschaftler lenkten ihren Blick auf den Wirt und fanden heraus, dass der Nektar ein Enzym enthält, welches das Verdauungsenzym der Ameisen hemmt. Wenn eine neugeschlüpfte Arbeiterin erstmals den Nektar frisst, den ihr Wirtsbaum in so reichlicher Menge bereitstellt, verliert sie die Fähigkeit, Saccharose zu verdauen. Ihr bleibt nichts anderes übrig, als weiter den Nektar zu fressen, den nur ihr Wirtsbaum produziert.

"Das hat schon was von einem Science-Fiction-Film" sagt Forscher Heil. "Soldaten, die in die Abhängigkeit getrieben werden und ihrer Verteidigungspflicht nachkommen, um nicht zu verhungern. Das ist wirklich perfide."

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insgesamt 6 Beiträge
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1. fast...
español 06.11.2013
..wie im richtigen Leben... der Menschen. Da kommt man ebenso "jungfräulich" auf die Welt, bis man dann irgendwann einmal von jemanden Geld erhält.... ...und dann irgendwann einmal, kann man ohne Geld nicht mehr leben.
2. Genial!
salomon173 06.11.2013
Es gibt keine faszinierendere Wissenschaft als Biologie. Schade, dass uns so viele Arten verloren gehen, ohne dass wir sie erforschen können.
3. Kundenbindung
thawn 07.11.2013
Derart effiziente gute Kundenbindung ist doch der feuchte Traum eines jeden Marketing Managers sowas kennen bei uns Menschen nur Drogendealer... Aber mal im Ernst. Wenn auch vielleicht nicht ganz uneigennützig, die Ameisen haben doch trotzdem auch einiges davon. Mich würde auch interessieren, ob es bei der Symbiose zwischen Ameisen und Blattläusen ähnliche Mechanismen gibt. Manche Ameisenarten halten sich Blattläuse ja quasi als Nutztiere und verteidigen diese auch.
4. Wäre doch ein gutes Diätmittel
peanut_e 08.11.2013
Das wäre doch totall interresant als Diätmittel. Keine Verwertung von Zucker. Wobei man natürlich die Nebenwirkung sich anschauen muss.
5. Perfide?!
contasha 08.11.2013
Ich kann mich mit der Charakterisierung einer Pflanze nicht anfreunden. Denn dann müssten Pflanzen einen Willen haben, um perfide zu handeln. Sonst könnte man das Verhältnis auch exklusiv nennen. Denn dieser Nektar wird wohl auch von keinem andrerem Insekt konsumiert. Es ist meiner Meinung nach eine win win Situation für beide Seiten.
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