ThemaEvolutionRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
 

Biologie Wie das Leben auf die Erde kam

Junger Planet: Wie das Leben auf der Erde entstand
Fotos
REUTERS

5. Teil: Teile dich und herrsche

Einen zweiten Ansatz, der auf der Konkurrenz zwischen Protozellen beruht, untersuchte Irene Chen, damals Doktorandin in unserem Labor. Modellprotozellen, die RNA oder ähnliche Moleküle enthielten, schwollen an, weil durch Osmose Wasser in die Zelle strömte. Die dadurch gedehnten Membranen wuchsen, indem sie den entspannten Membranen der Nachbarvesikel Fettsäuren stahlen - wodurch diese schrumpften.

Im Jahr 2008 beobachtete Ting Zhu, ebenfalls Doktorand in unserem Labor, das Wachstum der Modellprotozellen, nachdem er sie mit frischen Fettsäuren gefüttert hatte. Zu unserem Erstaunen streckten die anfangs kugelförmigen Bläschen zunächst ein dünnes Filament aus, das im Lauf einer halben Stunde länger und dicker wurde, wodurch sich das ganze Vesikel allmählich in eine lange, dünne Röhre verwandelte. Diese Struktur war sehr zerbrechlich. Schon durch leichtes Schütteln - wie durch die Wellen, die der Wind auf einem Tümpel erzeugt - zerfiel sie in kleinere, kugelförmige Tochterprotozellen, die dann selbst wuchsen und den Zyklus wiederholten.

Teile dich und herrsche

Wenn die richtigen Bausteine vorhanden sind, erscheint demnach die Bildung von Protozellen nicht allzu schwierig: Membranen fügen sich selbst zusammen, genetische Polymere ebenfalls, und die beiden Komponenten können auf vielfältige Weise zusammenfinden - beispielsweise, indem die Membranen um bereits existierende Polymere herum entstehen. Diese mit Wasser und RNA gefüllten Säckchen wachsen, absorbieren neue Moleküle, konkurrieren um Nährstoffe und teilen sich. Um wirklich zu leben, müssen sie sich jedoch reproduzieren und weiterentwickeln. Insbesondere müssen sie ihre RNA-Doppelstränge trennen, damit jeder Einzelstrang als Vorlage für einen neuen Doppelstrang dienen kann, der an eine Tochterzelle weitergegeben wird.

Dieser Vorgang kam nicht ganz von selbst in Gang, sondern brauchte ein wenig Hilfe. Stellen wir uns zum Beispiel eine Vulkangegend auf der ansonsten kalten Früherde vor; damals schien die Sonne mit nur 70 Prozent ihrer heutigen Kraft. Vermutlich gab es Kaltwassertümpel, die teilweise von Eis bedeckt, aber von heißem Gestein flüssig gehalten wurden. Die Temperaturunterschiede riefen Konvektionsströme hervor, und dadurch wurden die Protozellen im Wasser höheren Temperaturen ausgesetzt, wenn sie die heißen Steine passierten, aber fast augenblicklich vom kalten Wasser wieder abgekühlt. Die plötzliche Erwärmung spaltete die Doppelhelix in Einzelstränge, und bei der Rückkehr in die Kälte konnten sich nach diesen Vorlagen neue Doppelstränge bilden - getreue Kopien des Originals.

Sobald die Umwelt die Protozellen zur Reproduktion anregte, setzte auch die Evolution ein. Insbesondere mutierten einige RNA-Sequenzen irgendwann zu Ribozymen, die das Kopieren der RNA beschleunigten - ein klarer Wettbewerbsvorteil. Schließlich begannen Ribozyme die RNA ohne Hilfe von außen zu kopieren.

Es ist leicht vorstellbar, wie RNA-Protozellen sich dann weiterentwickelt haben. Der Stoffwechsel entstand allmählich, indem neuartige Ribozyme den Zellen ermöglichten, in ihrem Inneren Nährstoffe aus einfacheren und häufiger vorkommenden Ausgangsmaterialien selbst herzustellen. Als Nächstes erweiterten die Organismen ihre chemische Trickkiste um die Proteinsynthese.

Mit ihrer erstaunlichen Vielseitigkeit haben die Proteine dann die Rolle der RNA beim Kopieren der Erbinformation und im Stoffwechsel übernommen. Später lernten die Organismen, DNA herzustellen, und kamen dadurch in den Besitz eines robusteren Trägers der Erbinformation. Erst an diesem Punkt wurde die RNA-Welt zur DNA-Welt - und das Leben, wie wir es kennen, begann.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
alles aus der Rubrik Natur
alles zum Thema Evolution

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Gefunden in ...
Spektrum der Wissenschaft
März 2010

Inhaltsverzeichnis

Heft bestellen

www.spektrum.de


Leben neu erschaffen
Um den Ursprung des Lebens zu enträtseln, versuchen einige Wissenschaftler, aus künstlichen Materialien einen selbstreplizierenden Organismus zu fabrizieren. Am schwierigsten ist es, ein genetisches Molekül zu finden, das sich selbst autonom zu replizieren vermag. Die Autoren entwerfen und synthetisieren zu diesem Zweck chemisch modifizierte Versionen von RNA und DNA. Die RNA selbst löst das Problem wahrscheinlich nicht, denn ihre Doppelstränge trennen sich nur schwer in Einzelstränge für die Replikation.
Zur Person
Massachussetts General Hospital
Alonso Ricardo, geboren in Cali (Kolumbien), ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Howard Hughes Medical Institute der Harvard University. Derzeit forscht er über selbstreplizierende chemische Systeme.

Reuters
Jack W. Szostak ist Professor für Genetik an der Harvard Medical School und am Massachusetts General Hospital. Er konstruiert biologische Strukturen im Labor, um auf diese Weise Lebensvorgänge besser zu verstehen. 2009 erhielt Szostak den Medizin-Nobelpreis.

Weiterführende Literatur
Gesteland, R. F. et al. (Hg.): The RNA World. Cold Spring Harbor Laboratory Press, 3. Auflage 2006.

Hazen, R. M.: Genesis: The Scientific Quest for Life’s Origins. Joseph Henry Press, Washington 2005.

Nielsen, P. E.: Ein neues Molekül des Lebens? In: Spektrum der Wissenschaft 10/2009, S. 42 – 49.

Shapiro, R.: Ein einfacher Ursprung des Lebens. In: Spektrum der Wissenschaft 11/2007, S. 64 – 72.

Szostak, J. et al.: Synthesizing Life. In: Nature 409, S. 387 – 390, 2001.

Was ist Leben?

Wissenschaftler bemühen sich seit Langem, den Begriff "Leben" so weit zu fassen, dass er auch noch unentdeckte Lebensformen einschließt. Hier sind nur einige der vielen vorgeschlagenen Definitionen aufgeführt:

1. Der Physiker Erwin Schrödinger postulierte als grundlegende Eigenschaft lebender Systeme, dass sie sich entgegen der natürlichen Tendenz zu wachsender Entropie – oder Unordnung – selbst organisieren.

2. Nach der von der NASA übernommenen Arbeitsdefinition des Chemikers Gerald Joyce ist Leben "ein chemisches System mit der Fähigkeit zur Selbsterhaltung und zur darwinschen Evolution".

3. Gemäß der "kybernetischen Definition" von Bernard Korzeniewski ist Leben ein Netzwerk von Rückkopplungsmechanismen.


Was entsteht Leben?

PNA zuerst
Peptid-Nukleinsäure ist ein Molekül, bei dem die Nukleinbasen auf einem proteinähnlichen Rückgrat sitzen. PNA ist einfacher aufgebaut als RNA und auch chemisch stabiler. Daher glauben einige Forscher, dass dieses Polymer in den ersten Lebensformen die Erbinformationen trug.

Stoffwechsel zuerst
Da es schwierig ist, die Entstehung von RNA aus unbelebter Materie zu erklären, bevorzugen manche Forscher die Annahme, das Leben sei in Form von vernetzten Katalysatoren entstanden, die gemeinsam Energie verarbeiteten.

Panspermie
Weil zwischen der Entstehung der Erde und dem Auftreten erster Lebensformen "nur" ein paar hundert Millionen Jahre liegen, meinen einige Wissenschaftler, die allerersten Organismen seien aus dem Weltall auf die Erde gelangt.

In Kürze
Forscher haben vorgeführt, wie das Erbmolekül RNA aus Chemikalien entstehen konnte, die auf der unbelebten Früherde vorhanden waren.

Lexikon
Die DNA (chemisch: Desoxyribonukleinsäure) ist ein in allen Lebewesen und DNA-Viren vorkommendes Biomolekül und Trägerin der Erbinformation. Sie enthält unter anderem die Gene, die für RNA (Ribonukleinsäuren) und Proteine kodieren, welche für die biologische Entwicklung eines Organismus und den Stoffwechsel in der Zelle notwendig sind. Vom Aufbau her ist die RNA der DNA ähnlich, beide bestehen aus verketteten Grundbausteinen, den Nukleotiden. RNA-Moleküle sind – im Gegensatz zur doppelsträngigen DNA – in der Regel einzelsträngig.


TOP



TOP