Organismen Ein Drittel weniger Lebewesen auf der Erde als gedacht

Auf der Erde leben deutlich weniger Organismen als angenommen: Bohrungen zufolge ist die Biomasse 30 Prozent kleiner. Messungen in der Karibik hatten die Angaben grob verzerrt.

Nährstoffe im Ozean: Blau = wenig; Gelb = viel; gelbe Punkte = Bohrungen
dapd / GFZ / Jens Kallmeyer

Nährstoffe im Ozean: Blau = wenig; Gelb = viel; gelbe Punkte = Bohrungen


Hamburg/Potsdam - William Whitmann von der University of Georiga begründete 1998 einen Mythos: Alle unter dem Meeresboden lebenden Einzeller machten etwa 30 Prozent der weltweiten Biomasse aus, das hatten seine Berechnungen ergeben. Seitdem gelten die Prokaryoten, also Baketerien und andere Lebewesen ohne Zellkern, als die "ungesehene Mehrheit".

Wissenschaftler um Jens Kallmeyer vom Deutschen Geoforschungszentrums GFZ in Potsdam haben nun nachgemessen und eine neuerliche Schätzung der Einzeller in Sedimenten unter dem Meeresboden erstellt. Ihr Ergebnis reduziert die Menge der auf der Erde lebenden Organismen um ein Drittel.

Offenbar wurde die Anzahl der im Meeresboden lebenden Mikroben bisher gravierend überschätzt, sagt Kallmeyer, der gemeinsam mit Geoforschern aus den USA neuer Daten aus Sedimentbohrkernen ermittelt hat. Bisher ging man davon aus, dass die einzelligen Bewohner der Ozeanböden etwa 30 Prozent der gesamten lebenden Biomasse unseres Planeten ausmachen. Die neuen Daten deuten aber darauf hin, dass im Meeresgrund zwischen 70 und 92 Prozent weniger Zellen als bisher angenommen leben. Damit sinke ihr Anteil an der gesamten lebenden Biomasse der Erde drastisch und betrage nur noch 0,6 Prozent.

Veröffentlich haben die Forscher ihre Ergebnisse im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Science". Insgesamt sei die Menge der Mikroorganismen und auch der Biomasse weltweit dadurch deutlich niedriger als bisher angenommen.

Die Ursache für die frühere Fehlschätzung liegt nach Angaben der Forscher in der extrem ungleichmäßigen Verteilung der Organismen im Meeresboden. Zuvor seien vor allem Sedimentbohrkerne ausgewertet worden, die in der Nähe der Küsten und in sehr nährstoffreichen Gebieten der Ozeane genommen worden waren. Dort ist der Boden mit relativ vielen Mikroben durchsetzt. Etwa die Hälfte der Weltmeere sei aber extrem nährstoffarm.

Sedimentproben fernab der Küsten

"Daher wurde schon seit etwa zehn Jahren vermutet, dass die Biomasse im Meeresboden stark überschätzt wird", erklärt Erstautor Kallmeyer. Allerdings habe es bisher keine Daten zur Bestätigung dieses Verdachts gegeben. Als Biomasse bezeichnen die Forscher die Menge der lebenden Organismen - Tiere, Pflanzen, Pilze und Mikroben - und des in ihren Zellen gespeicherten Kohlenstoffs.

Für ihre Studie sammelten Kallmeyer und seine Kollegen Proben aus Sedimentbohrkernen fernab von Küsten und Inseln, unter anderem aus der Mitte des Nord- und Südpazifiks. In diesen Meeresgebieten, die aufgrund ihrer Nährstoffarmut auch Wüsten der Meere genannt werden, fanden sie bis zu hunderttausend Mal weniger Zellen als in vergleichbaren Bohrkernen aus Küstennähe. Diese neuen Daten kombinierten die Wissenschaftler mit den bereits vorhandenen aus nährstoffreicheren Meeresgebieten und berechneten daraus die Biomasse in den marinen Sedimenten neu.

Die Forscher ermittelten, dass in den Meeresböden weltweit knapp 300 Quadrilliarden Zellen existieren - das entspricht einer Drei mit 29 Nullen. Diese Menge erscheint zwar gewaltig, sie ist aber deutlich geringer als die bisher geschätzten 3.550 Quadrilliarden, wie Kallmeyer und seine Kollegen erklären.

Statt etwa 300 Milliarden Tonnen Kohlenstoff wie bisher angenommen seien demnach auch nur etwa 4 Milliarden Tonnen in den Mikroorganismen des Meeresbodens gespeichert. Ihrer Schätzung nach sei daher auch die Gesamtmenge der lebenden Biomasse auf der Erde um rund ein Drittel niedriger als gedacht, schreiben die Wissenschaftler.

nik/boj/dapd



insgesamt 7 Beiträge
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derdingens 28.08.2012
1. zwischen 70 und 92 Prozent weniger ... nur noch 0,6 Prozent
nach meiner rechnung ergibt sich daraus ein anteil von 11,4 bis 3,3% an der gesamten biomasse. woher kommt die reduktion auf 0,6% - sie würde einer senkung um mehr als 98% entsrechen ...
muellerthomas 28.08.2012
2.
Zitat von derdingensnach meiner rechnung ergibt sich daraus ein anteil von 11,4 bis 3,3% an der gesamten biomasse. woher kommt die reduktion auf 0,6% - sie würde einer senkung um mehr als 98% entsrechen ...
Ja, auch m.E. sind die Zahlen widersprüchlich. Wäre schön, wenn SpOn hier genauer berichten könnte.
morelia 28.08.2012
3. Eukaryoten
Prokaryoten sind keine Einzeller.....da werden Begriffe vermischt...
vyger 28.08.2012
4. Prokaryoten / Einzeller
Zitat von moreliaProkaryoten sind keine Einzeller.....da werden Begriffe vermischt...
Das ist nicht ganz korrekt. Nicht alle Einzeller sind Prokaryoten - aber alle Prokaryoten sind Einzeller.
butsu 28.08.2012
5.
Zitat von moreliaProkaryoten sind keine Einzeller.....da werden Begriffe vermischt...
Das ist falsch. Alle Prokaryoten sind Einzeller, aber nicht alle Einzeller sind Prokaryoten...
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