Lebensmittelproduktion Regierungsberater plädieren für lascheres Gentechnik-Gesetz

Mit Genscheren veränderte Pflanzen unterliegen in Europa strengen Regeln. Nun empfehlen Experten eine Änderung des Gentechnik-Gesetzes. Deutschland verpasse sonst eine "biologische Revolution".

"Ohne Gentechnik"-Siegel
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"Ohne Gentechnik"-Siegel


Unter Gentechnik verstehen die meisten Menschen bis heute Organismen, in die fremde Gene eingebaut wurden: Mäuse, die plötzlich DNA von Schlangen in sich tragen, oder Mais, in den Gene von Bakterien eingebaut wurden. Doch mittlerweile gibt es Gentechnik, bei der artfremde Gene keine Rolle mehr spielen.

Bei Pflanzen ließe sie sich in der Züchtung einsetzen und könnte diese schneller und günstiger machen. Doch über die Veränderung von Pflanzen mit sogenannten Genscheren - das bekannteste Beispiel ist Crispr - ist ein Streit entbrannt.

Im Juli hat der Europäische Gerichtshof (EuGH) entschieden, dass die neue Technik unter das strenge Gentechnikrecht fällt. Die produzierten Pflanzen müssen somit - genauso wie Pflanzen, in die Fremd-DNA eingebaut wurde - ein langwieriges Zulassungsverfahren durchlaufen und als gentechnisch verändert gekennzeichnet werden. Das gilt auch, wenn man sie bei Gentests auf einem Feld gar nicht von Züchtungen unterscheiden könnte.

Das Wichtigste zum Crispr-Gentechnik-Urteil
Worüber wurde entschieden?
Werden Pflanzen mit moderner Gentechnik verändert, lassen sie sich nicht mehr von Züchtungen unterscheiden. Strittig war deshalb, ob diese Pflanzen unter das strenge Gentechnikrecht fallen oder - wie Züchtungen - frei angebaut und als Lebensmittel verkauft werden dürfen.

Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat nun entschieden, dass die Pflanzen, wie alle anderen gentechnisch veränderten, streng reguliert werden müssen. Das Urteil ist allerdings umstritten, weil in der Züchtung bereits andere Verfahren erlaubt sind, bei denen das Erbgut auf ähnliche Weise verändert wird. So dürfen Pflanzen etwa radioaktiv bestrahlt oder mit Chemikalien behandelt werden.
Wie unterscheidet sich die neue Technik von Züchtungen?
Ausgangspunkt ist bei beiden Verfahren ein Schnitt in der DNA. Natürlicherweise entstehen sie beispielsweise durch Sonnenstrahlen. Züchter nutzen mitunter Strahlung oder Chemikalien, um die DNA an vielen verschiedenen Stellen im Erbgut per Zufallsprinzip zu schneiden. In der neuen Gentechnik erzeugen Gen-Scheren die Schnitte gezielt.

Ist der Schnitt gesetzt, passt in Natur, Züchtung und Gentechnik exakt das gleiche: Die Zelle versucht, den Schaden zu reparieren. Das ist ein natürlicher Mechanismus, der allerdings nicht perfekt funktioniert. So kann es passieren, dass die Zelle an der Bruchstelle eine oder mehrere falsche Basen in den DNA-Strang baut. Diese Schreibfehler reichen aus, um die Funktion ganzer Gene abzuschalten oder zu verändern. Pflanzen mit neuen Eigenschaften entstehen.
Was ist der Unterschied zu alten Gentechnikverfahren?
Vor der Entwicklung neuer Gen-Scheren wie Crispr war Gentechnik mit größeren Eingriffen ins Erbgut verbunden. Ganze Gene wurden entfernt oder stillgelegt sowie zum Teil artfremde Informationen eingebaut. Der Eingriff hinterließ stets Spuren in der Zelle, sodass die Organismen eindeutig als gentechnisch verändert zu erkennen waren.

Mit den neuen Gen-Scheren ist das anders. Es ist möglich, dass die Schere das Erbgut nur schneidet. Die Zelle versucht diesen Schnitt dann zu reparieren, wobei Fehler entstehen. Solche Mutationen kommen auch natürlich in Pflanzen vor, nur dass hier keine Schere die DNA schneidet, sondern zum Beispiel Sonnenstrahlen.

Weil Gen-Scheren keine Spuren im Erbgut hinterlassen, unterscheiden sich mit ihnen behandelte Pflanzen schließlich nicht von natürlich mutierten oder gezüchteten Exemplaren. Die Kontrolle ist daher schwierig.

Zwar lassen sich mit Gen-Scheren auch fremde Gene ins Erbgut einbauen, um solche Pflanzen ging es im Urteil aber nicht.
Wie gefährlich sind die Pflanzen?
Gentechnikgegner warnen vor unvorhersehbaren Risiken und berufen sich auf das Vorsorgeprinzip, nach dem Schäden für die Umwelt im Voraus vermieden werden sollen.

Wissenschaftler argumentieren dagegen, dass nach dieser Interpretation des Vorsorgeprinzips auch Zuchtpflanzen nicht ohne Weiteres angebaut und gegessen werden dürften.

In ihnen finden durch den Einsatz von Strahlung oder Chemikalien mitunter deutlich mehr Mutationen statt, noch dazu völlig unkontrolliert. "Aus meiner Sicht haben die neuen Methoden keine anderen Risiken als herkömmliche Züchtungsmethoden", sagt etwa Goetz Hensel vom Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung in Gatersleben in Sachsen-Anhalt.
Was hat es mit den Risikowarnungen auf sich, die es zuletzt zu Crispr gab?
Anfang Juni 2018 machten Schlagzeilen die Runde, dass Crispr unsicherer sei, als bislang vermutet. Dahinter steht eine Studie an menschlichen Netzhautzellen. Forscher hatten untersucht, inwiefern es hier durch Crispr zu Mutationen im Genom kommt, die gar nicht eingeplant waren. Das ist wichtig für die Sicherheit möglicher Therapien am Menschen.

Für die Sicherheit von mit Crispr behandelten Pflanzen spielt es dagegen keine Rolle. In der Pflanzenzucht haben sich bereits Pflanzen mit deutlich mehr Mutationen als sicher erwiesen. Diese essen wir seit Jahrzehnten.
Wie schätzt Crispr-Erfinderung Charpentier die Technik ein?
In sozialen Medien kursiert das Gerücht, Emmanuelle Charpentier, eine der Erfinderinnen der Genschere Crispr, plädiere für eine strenge Regulierung der Technik. Das gilt allerdings nur im Zusammenhang mit dem Einsatz am Menschen. So rät Charpentier beispielsweise bei Genveränderungen in menschlichen Embryonen zur Vorsicht.

Beim Einsatz von Crispr in der Pflanzenzucht ist das anders. Das EuGH-Urlaub bezeichnete Charpentier im Interview mit „ZEIT ONLINE“ als „eine verpasste Gelegenheit.“ „Die Technologie ist viel genauer als bisherige Verfahren und sehr sicher“, sagte sie und verwies auf die Möglichkeit künftig Pflanzen herzustellen, die auch in sehr trockenen oder zu feuchten Gebieten wachsen.

Wissenschaftliche Fachgesellschaften hatten das Urteil kritisiert und die Politik aufgefordert, Gesetze zu ändern. Nun kommt auch ein Beratergremium der Bundesregierung zu dem Schluss, dass die Vorschriften angepasst werden sollten.

Deutschland verpasst "biologische Revolution"

Die Technologien entwickelten sich rasant, es bedürfe einer Modernisierung des Gentechnikrechts, damit Deutschland die "biologische Revolution" nicht verpasse, schreibt der Bioökonomierat in einer Mitteilung. Das Gremium soll der Bundesregierung Wege zu einer umweltfreundlicheren Wirtschaft mit trotzdem gutem Wachstum und Beschäftigung aufzeigen.


Wer sitzt im Bioökonomierat?

Der Rat hat insgesamt 17 Mitglieder, 13 davon arbeiten an Universitäten und Forschungseinrichtungen. Darunter sind beispielsweise:

  • Georg Friedrich Backhaus, Präsident des Julius Kühn-Instituts (Bundesforschungsinstituts für Kulturpflanzen),
  • Daniel Barben, Vorstand des Instituts für Technik- und Wissenschaftsforschung der Universität Klagenfurt
  • und Hannelore Daniel, Leiterin des Lehrstuhls Ernährungsphysiologie an der TU München.

Vier Vertreter stammen zudem von internationalen und mittelständischen Chemie- und Saatgutunternehmen. Darunter ist beispielsweise der internationale Saatguthersteller KWS Saat mit Sitz in Einbeck in Niedersachsen. Vorsitzende des Rates sind Joachim von Braun, Direktor des Zentrums für Entwicklungsforschung an der Universität Bonn und Christine Lang vom Biotechnologieunternehmen Organobalance.


Das EU-Gentechnikrecht werde den Chancen und Herausforderungen der neuen Technologien nicht gerecht, schreibt der Rat weiter. Bereits heute würden mithilfe der Technik widerstandsfähige Nutzpflanzen entwickelt. Wenn sich Deutschland raushalte, könne es die Regeln für den internationalen Einsatz der Technik nicht mitbestimmen.

Sämtliche Anwendungen freizugeben, sei aber auch nicht sinnvoll.

Mit den neuen Genscheren können Unternehmen und Forscher beispielsweise Pflanzen herstellen, die Trockenheit und hohen Temperaturen länger standhalten. Zudem lassen sich schneller und günstiger Pflanzen züchten, die weniger Insektenschutzmittel oder Dünger benötigen. Kritiker fürchten allerdings, dass die Technik die Profitgier von Agrarkonzernen befeuert und begrüßen die bislang strenge Regulierung (mehr zu der Technik lesen Sie hier).

Der Bioökonomierat schlägt für das neue Gesetz einen Kompromiss zwischen totaler Freigabe und strenger Regulierung jegliche Gentechnik vor. So könnten beispielsweise Risikoklassen für verschiedene Anwendungen eingeführt werden, schreiben die Experten in dem Papier.

Einfache Mutationen im Genom, wie sie auch in der Züchtung genutzt werden, würden dann in eine niedrigere Stufe fallen als beispielsweise der Einbau artfremder Gene. Bislang werden diese Anwendungen gleich stark reguliert.

Keine Kennzeichnung für Gentechnikpflanzen

Der Rat spricht sich zudem gegen eine Kennzeichnung gentechnisch veränderter Lebensmittel aus, wie sie bislang verpflichtend ist. Der Grund: Mit den neuen Methoden erzeugte Änderungen könnten oft gar nicht mehr nachgewiesen werden. Aufgrund des internationalen Handels, lasse sich somit nicht mehr prüfen, welche Lebensmittel frei von Gentechnik sind.

Statt einer Kennzeichnung für gentechnisch veränderte Lebensmittel, empfiehlt der Rat deshalb, freiwillige Kennzeichnungen gentechnikfreier Lebensmittel zu fördern, wie etwa das "Ohne Gentechnik"-Siegel.

Außerdem sei es wichtig, öffentliche Forschung in dem Bereich zu unterstützen - auch im Hinblick auf mögliche Auswirkungen auf die Artenvielfalt und gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklungen. Dabei sollten auch Biopatente ein Thema sein.

Gleichzeitig brauche es neue Dialogformate für einen konstruktiven Diskurs in der Gesellschaft.

Eine der letzten Initiativen des Bundes entpuppte sich dabei als einseitig. Das Umweltministerium hatte einen Gentechnik-kritischen Lobbyverein beauftragt, ein Informationsprojekt zur Gentechnik zu organisieren (mehr dazu lesen Sie hier).

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