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Vorsitzender der Päpstlichen Akademie: "Die Kirche glaubt an Wissenschaft"

Ein Interview von

Bischof Marcelo Sánchez Sorondo: Vorsitzender der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften Zur Großansicht
AFP

Bischof Marcelo Sánchez Sorondo: Vorsitzender der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften

Der Papst will in die Uno-Klimaverhandlungen eingreifen - das sagt Bischof Sánchez Sorondo, der Vorsitzende der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften, im Interview. Seine Begründung: Die Kirche glaube an Wissenschaft - insbesondere an Galileo Galilei.

Hamburg - Es hat alles nichts genutzt. 20-mal hat sich die Staatengemeinschaft seit 1992 zu pompösen Klimakonferenzen getroffen - doch ein Vertrag, um den Ausstoß von Treibhausgasen wirksam zu begrenzen, ist nicht zustande gekommen.

Jetzt greift eine neue Kraft ein: Der Papst will Einfluss nehmen auf die entscheidende Weltklimakonferenz im Dezember in Paris.

SPIEGEL ONLINE fragte den Vorsitzenden der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften, Bischof Marcelo Sánchez Sorondo, nach den Plänen der Kirche in Sachen Klima - und seiner Haltung zu Geburtenkontrolle und Aids.

SPIEGEL ONLINE: Bischof Sánchez Sorondo, wird Papst Franziskus an der Klimakonferenz in Paris Ende des Jahres teilnehmen?

Bischof Marcelo Sánchez Sorondo: Das glaube ich eher nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wie will der Papst denn Einfluss nehmen auf die Klimaverhandlungen?

Sánchez Sorondo: Er wird eine Umwelt-Enzyklika publizieren, im Juni oder im Juli.

SPIEGEL ONLINE: Was wird drin stehen?

Sánchez Sorondo: Wir werden sehen…

SPIEGEL ONLINE: Warum das Werk?

Sánchez Sorondo: Es soll ein Impuls sein für die Uno-Klimaverhandlungen in Paris. Die letzten Klimaverhandlungen von Peru haben den Papst enttäuscht.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Sánchez Sorondo: Es fehlte an Mut, die Teilnehmer haben am entscheidenden Punkt aufgehört.

SPIEGEL ONLINE: Was erwartet die Kirche denn von den Klimaverhandlungen?

Sánchez Sorondo: Die Menschheit, nach dem Bilde Gottes geschaffen, soll die Hüterin der Schöpfung sein. Doch der Klimawandel hat nachteilige Wirkungen auf die ärmsten zwei Drittel der Menschheit, die keinen Zugang zu fossilen Energien haben, aber die Konsequenzen des Verbrauchs tragen müssen. Bartholomeos I., der Patriarch von Konstantinopel, hat den Klimawandel auf der Konferenz der Religionsführer im Dezember mit moderner Sklaverei verglichen.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass es einen Weltklimavertrag geben wird?

Sánchez Sorondo: Ja, die Tatsache, dass in der Bevölkerung und unter Religionsführern die Wahrnehmung des Problems gestiegen ist, lässt hoffen, dass die Regierungen ihnen zuhören und das Gemeingut über alle anderen Interessen stellen werden.

SPIEGEL ONLINE: Warum engagiert sich die Kirche auf einmal so stark für die Umwelt?

Sánchez Sorondo: Weil sie an die Wissenschaft glaubt.

SPIEGEL ONLINE: Die Kirche glaubt an die Wissenschaft?

Sánchez Sorondo: Ja, sicher. Der beste Beweis ist, dass die Kirche seit 1603 eine eigene Akademie der Wissenschaft betreibt, der immer bedeutende Forscher angehörten, etwa Max Planck oder Galileo Galilei.

SPIEGEL ONLINE: Als Galilei aber mit seinen Entdeckungen vor 400 Jahren in der Astronomie die Deutungshoheit der Kirche infrage stellte, wurde er von der Kirche bestraft und erst 1992 rehabilitiert. Widerspricht dieses Vorgehen nicht der Wissenschaftlichkeit der kirchlichen Akademie?

Sánchez Sorondo: Die Kirche hat Galileo nie verdammt. Er wurde auf die Probe gestellt, weil seine wissenschaftlichen Beweise nicht überzeugend waren. Unserer Akademie gilt er heute als Leitfigur.

SPIEGEL ONLINE: Schriften Galileos wurden von der Kirche verboten, oder konnten nur in zensierten Versionen erscheinen. Er durfte sich nicht mehr nach Belieben über seine Theorien äußern. Er musste vor Gericht bekennen, an das zu glauben, was die katholische Kirche für wahr hält und wurde dennoch mit Arrest bestraft. Und seinem Kollegen Giordano Bruno erging es noch schlimmer: Weil er seine astronomischen Theorien gegenüber der Kirche nicht widerrufen wollte, wurde er hingerichtet.

Sánchez Sorondo: Das war allerdings großes Unrecht, und das hat die Kirche ja auch bekannt.

SPIEGEL ONLINE: Naja, 400 Jahre nach der Hinrichtung. Auch bei aktuellen wissenschaftlichen Themen stellt sich die Kirche oft gegen die Expertise von Forschern, glaubt sie also wirklich an die Ergebnisse?

Sánchez Sorondo: An die Wissenschaft zu glauben bedeutet ja nicht, dass die Kirche keine moralischen Urteile fällen könnte.

SPIEGEL ONLINE: Widersprüche zur wissenschaftlichen Expertise, etwa bei den Themen Geburtenkontrolle, Aids, Klonen oder der Suche nach Außerirdischem Leben, sind moralische Urteile?

Sánchez Sorondo: Die Kirche ist gegen Geburtenkontrolle, weil sie sie für einen Widerspruch zu den Naturgesetzen hält. Die Kirche ist gegen die Nutzung embryonaler Stammzellen, weil sie auch Embryos im frühesten Stadium für Menschen hält. Zum Klonen haben wir noch keine offizielle Haltung. Aber bei der Suche nach Außerirdischen ist die Kirche sehr offen. Die Kirche hat ja auch immer an Engel geglaubt, hat also keine Probleme damit, sich anderes Leben vorzustellen, das ebenfalls mit Verstand ausgestattet wurde. Aber wir müssen es eben noch finden!

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 123 Beiträge
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1. lol
schokomuffin 27.01.2015
ja sicher. Die Kirche (= größte Sekte der Welt) und ihre Bibel (= längstes Märchen der Welt) werden die Wissenschaft nie akzeptieren, da sie dem Märchenbuch widerspricht. Die Erde ist halt nicht ein paar tausend Jahre alt, sondern ein paar Milliarden. Um nur ein Beispiel zu nennen...
2.
Thagdal 27.01.2015
Das soll er mal machen. Dann sollte es keine katholischen Klimafaktenleugner mehr geben. Genauso, wie es keine katholischen Evolutionsgegner mehr gibt. Wenn sie es trotzdem weiter leugnen, werden sie automatisch zu Protestanten :)
3.
Zitrone! 27.01.2015
Widersprüche zur wissenschaftlichen Expertise, etwa bei den Themen Jungfrauengeburt, übers Wasser gehen oder gar die Welt in 6 Tagen erschaffen, wären die nicht interessanter?
4. Wenn die Kirche das Ernst meint
micromiller 27.01.2015
wird sie ihren Gläubigen endlich das Joch, der ungewollten Schwangerschaft abnehmen und begreifen, dass ihre hinterwäldlerischen Doktrin weltweit Armut und Elend verursacht. Nur eine verantwortliche, planvolle Vermehrung der Menschheit sichert das Ünerleben unseres Habitats.
5. Galileo Galilei?
whocaresbutyou 27.01.2015
ich glaube auch an die Informatik... Vor allem an meinen C64. Der war immer virenfrei obwohl er nicht mal ein Passwort hatte! Vielen Dank für diese Gespräch...
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