Bizarrer Mull Schneller fressen dank Zottelnase

Wer glaubt, in der Mittagspause schnell zu essen, hat noch nie einen Sternmull bei der Mahlzeit gesehen. Dank fleischiger Zotteln an der Nasenspitze kann das bizarre Tier seine Beute aufspüren, untersuchen und fressen - schneller, als das menschliche Auge folgen kann.


Sternmull: Der wahrscheinlich schnellste Esser im Tierreich
DDP/ Catania

Sternmull: Der wahrscheinlich schnellste Esser im Tierreich

Ken Catania hat eine Schwäche für das Groteske. Seine Studienobjekte gehören zu den seltsamsten Geschöpfen der Erde: der Nacktmull etwa, der nicht ganz zu Unrecht als hässlichstes Tier der Welt gilt. Oder aber der Sternmull.

Letzterer steht in Hässlichkeit dem Nacktmull kaum nach, auch wenn er über der blassrosa Nacktheit noch einen dichten Pelz trägt. Darüber hinaus aber dürfte der Sternmull einer der schnellsten, wenn nicht der schnellste Esser im Tierreich sein - dank der unappetitlichen Fleischzotteln, die seine Nase wie einen Stern aus zuckenden Tentakeln aussehen lassen und ihm seinen Namen (zu englisch: "star-nosed mole") beschert haben.

Zähne des Sternmulls: Gebiss wie eine Pinzette
Ken Catania

Zähne des Sternmulls: Gebiss wie eine Pinzette

Die Tastzipfel lassen den blinden Maulwurf zum Star unter den Fleischfressern werden, denn niemand nimmt seine Mahlzeiten so schnell zu sich wie er. "Ein Autofahrer braucht ungefähr 650 Millisekunden, um auf die Bremse zu treten, nachdem er eine rote Ampel gesehen hat", sagt Catania. "In der Hälfte dieser Zeit hat der Sternmull in der Finsternis seines Hügels einen Wurm entdeckt, als Leckerbissen erkannt und verschlungen." Die Fressattacke ist so schnell, dass Menschen sie nur mit Hilfe von Hochgeschwindigkeitskameras beobachten können.

Schneller Mull im Glastunnel

Catania, Neurowissenschaftler an der Vanderbilt University in den USA, und seine Kollegin Fiona Remple steckten Sternmulle in gläserne Tunnel und konnten so erstmals ihr Jagdverhalten beobachten. Die Kamerabilder zeigten Erstaunliches. Mit den 22 fleischigen Fortsätzen an der Nase kann der Sternmull bis zu 13 potenzielle Beutetiere pro Sekunde berühren und untersuchen. Damit ist er 14-mal schneller als seine Verwandten ohne Spezialnase, schreiben Catania und Remple im Fachblatt "Nature" (Bd. 433, S. 519). Zwischen dem Berühren der Beute und ihrem Verspeisen vergingen nur 230 Millisekunden.

Sternmull: Kuriose Theorien über Nasententakel
Ken Catania

Sternmull: Kuriose Theorien über Nasententakel

"Einzelne Fischarten sind meines Wissens das einzige, was dem auch nur nahe kommt", sagt Catania. "Die meisten Raubtiere brauchen Sekunden oder Minuten, um mit ihrer Beute fertig zu werden." Die winzigen Schneidezähne des Sternmulls, der in Sumpf- und Feuchtgebieten Kanadas und Nordamerikas haust, sind angeordnet wie eine Pinzette, damit sie auch kleine Beutetiere schnell und exakt greifen können.

Die Schnelligkeit ist überlebenswichtig für die Tiere, schreiben die Forscher. In ihrem Lebensraum sind die meisten Beutetiere - Raupen, Larven und Ähnliches - klein und nicht sehr nahrhaft. Je mehr Beute ein Räuber pro Minute fangen kann, desto mehr Zeit bleibt ihm für andere wichtige Aufgaben - wie etwa graben, schlafen oder, last but not least, sich zu vermehren.

Bunte Theorien über Sinn der Zipfel

Die Sternmulle haben die Fast-Food-Kultur so weit auf die Spitze getrieben, dass ihr Nervensystem und ihr Gehirn an Grenzen stoßen. Das zeige sich beispielsweise dann, wenn die Tiere vor lauter Hast in die falsche Richtung laufen und ihren Fehler erst nach einiger Zeit bemerken.

Über die Fortsätze an der Nasenspitze kursierten lange Zeit die unterschiedlichsten Theorien. Manche Forscher glaubten, es handele sich um ein supersensibles Riechorgan, das dem blinden Mull die Augen ersetzt. Andere meinten, die Nase sei so etwas wie eine dritte Hand, die im Dunkeln nach Beutetieren und Steinchen grabscht. Eine weitere These besagte, die Fleischzipfel könnten elektrische Felder wahrnehmen, wenn der Mull durch schlammiges Wasser schwimmt. Erst 1995 kam Catania hinter die wirkliche Funktion der Fleischzotteln.

Ursprünglich sei er dem Studium bizarrer Tiere eher abgeneigt gewesen, erklärt Catania. "Aber dann wurde mir klar, dass ihre extreme Spezialisierung der Grund für ihr seltsames Äußeres ist. Und deshalb können wir eine Menge von ihnen lernen."

Markus Becker

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.