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Bizarres Urtier: Wale stammen von Schwimm-Hirsch ab

Schon lange fahnden Biologen nach dem Verbindungsglied zwischen Walen und Landsäugetieren. US-Forscher glauben nun, den Urahn der mächtigen Meeressäuger gefunden zu haben: eine Art Miniatur-Hirsch ohne Geweih, der vor 48 Millionen Jahren in Asien lebte.

Schon seit Charles Darwin, dem Begründer der Evolutionstheorie, sind sich Wissenschaftler einig, dass Wale von Landsäugern abstammen, die zurück ins Wasser gingen. Oft wurde in diesem Zusammenhang ein fleischfressender Säuger vermutet, der seine Nahrung auf Meeresfische ausweitete. Eine ganze Reihe von Fossilien belegte bereits die Zwischenschritte auf dem Weg vom Land ins Wasser, allerdings war bisher die Identität des Landvorfahrens unbekannt.

Wissenschafter um Hans Thewissen von den Northeastern Ohio Universities Colleges of Medicine in Rootstown berichten nun, den nächsten vierbeinigen Verwandten der Wale gefunden zu haben: ein Paarhufer namens Indohyus, der vor 48 Millionen Jahren in Indien lebte. Er hatte etwa die Größe eines Fuchses, ähnelte jedoch in der Gestalt heutigen Hirschen, schreiben die Forscher im Fachmagazin "Nature" (Bd. 450, S. 1190). Die in Indien entdeckten Fossilien von Indohyus wiesen wichtige Schlüsselmerkmale im Schädel und am Ohr auf, mit denen die Forscher ihn als nächsten Verwandten der Wale identifizieren konnten.

Eine genauere Untersuchung der Knochenstruktur lieferte weitere wichtige Hinweise. So war die äußerste Schicht der Knochen stark verdickt - ein Phänomen, das Osteosklerose genannt wird und durch zusätzliches Gewicht das Gehen auf dem Boden erleichtert. Solche Strukturen sind auch bei anderen watenden Tieren wie dem heute lebenden Flusspferd oder anderen Meeressäugern bekannt. Dieses Tier muss sich also schon teilweise im Wasser aufgehalten und nicht eine rein terrestrische Lebensweise gehabt haben, wie bislang angenommen wurde. Das bestätigen auch Zahnanalysen des Fossils, die Ähnlichkeiten zu teilweise im Wasser lebenden Tieren zeigen.

"Die frühesten Wale sahen überhaupt nicht wie Wale aus", sagte Thewissen, sondern vielmehr wie eine Kreuzung aus Schwein und Hund. Sie hätten ihre Beine und die Fähigkeit, auf Land zu gehen, vor etwa 40 Millionen Jahren verloren. Indohyus sei dem afrikanischen Hirschferkel (Tragulidae) am ähnlichsten, einer kleinen Hirschart mit rattenartiger Schnauze. "Wenn Gefahr droht, springt er ins Wasser und versteckt sich", sagte Thewissen.

Lange Zeit galten Flusspferde als die nächsten lebenden Verwandten der Wale. Skepsis erwuchs aber aus der Tatsache, dass sie in einem anderen Teil der Welt lebten und zu spät auf der Bildfläche erschienen, um die Übergangsform vom Land- zum Meerleben gewesen sein zu können. Die frühen Wale lebten in der Region des heutigen Indien und Pakistan, was zum Fundort der Indohyus-Knochen passt. Die frühen Flusspferde hätten dagegen in Afrika gelebt, sagte Thewissen.

hda/ddp/AP

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