Blindes Muskelpaket Milbe stellt neuen Kraftrekord auf

Sie sind nicht einmal einen Millimeter lang, aber in Bezug auf ihre Körpergröße kräftiger als alle bislang untersuchten Tiere. Hornmilben können mehr als das Tausendfache ihrer eigenen Masse halten - und deklassieren so Ameisen, die bislang als Kraftweltmeister im Tierreich galten.


Wenn jemand mal ebenso den existierenden Weltrekord im Gewichtheben um das Doppelte übertrifft, dann ist heutzutage schnell von Doping die Rede. Im Fall der aus Puerto Rico stammenden Hornmilbenart Archegozetes longisetosus wäre dieser Verdacht jedoch gänzlich unberechtigt. Der Weltrekord, den die Tiere nach Messungen von Tübinger Biologen aufgestellt haben, kam ganz ohne Schummeln zustande. Vielmehr war der Wissenschaftlergemeinde einfach nicht bekannt, welch potente Kraftpakete sich da durch die Erde Puerto Ricos wühlen.

Michael Heethoff und sein Kollege Lars Körner hatten die Tiere im Labor mit Mikrokraftmessern untersucht. Die Forscher befestigten dazu sogenannte Insektennadeln an den Milben und setzten sie auf raue Oberflächen. Das Messgerät zeigte an, mit welcher Kraft sich die Tiere dank ihrer acht Beinen, an denen jeweils eine Kralle sitzt, festklammerten.

Hornmilben können demnach fast das 1200-fache ihres Körpergewichts halten - ein neuer Rekord im Tierreich, schreiben die Forscher im Fachblatt "Journal of Experimental Biology" (Bd. 210, S. 3036-3042). Ameisen, bislang bekannt als die Weltmeister im Gewichtheben, könnten lediglich das 50-fache ihres Gewichtes in den Mundwerkzeugen halten, sagte Heethoff.

Schnappkieferameisen brächten beim Sprung sogar Kräfte auf, die dem 300-fachen ihres Körpergewichts entsprächen. Die relativen Kräfte der Hornmilben seien aber mit Abstand die größten bislang bekannten. "Es gibt keine höheren Werte in der Literatur", sagte Heethoff im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, betonte jedoch, dass natürlich längst nicht alle Tierarten untersucht worden seien.

Die Ergebnisse der Tübinger Forscher sind etwa fünf Mal so groß wie der Wert, der sich aus der Kalkulation eines Biologen von der University of Leeds ergibt. McNeill Alexander hatte bereits 1985 eine Art Universalformel für das Verhältnis von ausgeübter Kraft und eigenem Gewicht aufgestellt, die für alle Tiere vom Insekt bis zum Affen gelten soll. Demnach soll die Kraft proportional zur dritten Wurzel aus der Körpermasse sein. Alexander gab jedoch außer der eigentlichen Formel noch zusätzlich einen Schwankungsbereich nach oben und unten an - und der umfasst sogar noch die Hornmilben.

Aber warum sind die blinden Tiere, die nur 0,8 Millimeter groß werden, überhaupt solche Kraftpakete? Sie führen schließlich ein eher unscheinbares Leben unter Tage. Der Tübinger Forscher hat zwei Hypothesen dafür: "In dem engen Lückensystem des Bodens ist es offenbar notwendig, kleinere Brocken zur Seite zu schieben." Dabei könnten die gewaltigen Kräfte helfen. Oder aber, die Kräfte der Milben verhinderten, dass sie von anderen Tieren gefressen werden könnten. "Sie klammern sich so fest, dass ein Räuber sie nicht abbekommt." Räuber wie Käfer, Amphibien oder andere Milben hätten so keine Chance.

Zwar lebt die im Labor untersuchte Hornmilbenart nicht in Deutschland. Heethoff geht jedoch davon aus, dass auch einheimische Vertreter ähnlich starke Muskeln im Vergleich zu ihrer Körpergröße haben. Allerdings müssen sich die Hornmilben einer anderen Tierart geschlagen geben, wenn man statt des Verhältnisses von Kraft zu Masse die Kraft pro Muskelfläche betrachtet. Da liegen nach Heehoffs Angaben Hummer unangefochten auf dem ersten Platz. Ihre Scherenmuskeln seien die stärksten bekannten.

hda



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