Gewitteratlas Wo in Deutschland die Blitze einschlagen

Wie hoch ist das Risiko, vom Blitz getroffen zu werden? Der aktuelle Gewitteratlas zeigt, wie oft Blitze in allen Landkreisen Deutschlands einschlagen.

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Das Blitze-Zentrum der Welt liegt in Venezuela am Maracaibo-See, dort blitzt es 80 mal häufiger als im Durchschnitt in Deutschland. Doch auch hierzulande gibt es erhebliche Unterschiede, wie die neue Statistik des Blitzinformationsdienstes der Firma Siemens (Blids) zeigt.

Für das vergangene Jahr zeigen die Messungen eine Überraschung: Der Landkreis Wesel in Nordrhein-Westfalen musste 2016 die meisten Blitze über sich ergehen lassen, und auch benachbarte Gegenden lagen vorne: Borken, Recklinghausen, Kleve und Oberhausen. Heftige Unwetter im Mai und Juni brachten die ungewohnte Spitzenposition mit rund vier eingeschlagenen Blitzen pro Quadratkilometer.

Auch am Ende der Blitze-Rangliste gab es 2016 Überraschungen: Zwei Landkreise aus dem normalerweise gewitterreichen Bayern erlebten ein erstaunlich ruhiges Jahr - Fürth und Hof. Schlusslicht aber war 2016 wie meistens der nördlichste Kreis Deutschlands: Flensburg. Die Gegend liegt auch im langjährigen Vergleich hinten mit nur 0,5 Blitzen pro Quadratkilometer.

Blitzhochburg im Süden

Das bedeutet: Auf einer Fläche von 1000 mal 1000 Metern schlägt im Kreis Flensburg nur jedes zweite Jahr ein Blitz ein.

Der Spitzenreiter im zur Verfügung stehenden Messungszeitraum von 1999 bis 2016, Garmisch-Patenkirchen, erlebt im Jahr gut vier Blitze pro Quadratkilometer. Am Maracaibo-See in Venezuela sind es 233 Einschläge je Quadratkilometer und Jahr.

Blitzdichte 2016 und im langjährigen Mittel seit 1999



Der Blitze-Atlas beruht auf Messungen von 160 Antennen, die der Blitzinformationsdienst in Europa ungefähr alle 200 Kilometer aufgestellt hat. Schlägt ein Blitz ein, erreicht das Signal die Antennen zu unterschiedlichen Zeiten.

Ein Blitz erzeugt ein starkes elektromagnetisches Feld, das Hunderte Kilometer weit messbar ist. Fünf bis sechs Antennen empfangen das Signal eines Blitzes. Ort, Zeit und Stärke sind messbar.

Aus den Daten können Experten berechnen, wo ein Blitz eingeschlagen ist: Die elektromagnetischen Wellen breiten sich gleichmäßig in alle Richtungen aus, wie Wellen in einem See, wenn ein Stein ins Wasser plumpst. Am nahen Ufer branden die Wellen eher an. Indem man die Ankunftszeiten der Wellen an mehreren Uferabschnitten vergleicht, lässt sich der Ursprungsort bestimmen.

Sonderfall Metropolen

Am nahen Ufer branden die Wellen eher an. Indem man die Ankunftszeiten der Wellen an mehreren Uferabschnitten vergleicht, lässt sich der Ursprungsort bestimmen.

Die Daten zeigen: 2016 war ein blitzarmes Jahr in Deutschland. Knapp 357.000 Blitzeinschläge wurden registriert, nicht mal ein Drittel so viele wie im unwetterreichen Jahr 2007, in dem es rund 1,1 Millionen waren.

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Blitze: Faszinierende Feuerfackeln

Der Blick auf den Bundesländervergleich offenbart ein Phänomen: Metropolen sind gefährdeter als die Provinz: Hamburg, im blitzarmen Norden angesiedelt, erklomm mit 1,6 Blitzen pro Quadratkilometer 2016 den ersten Platz im Bundesländervergleich. Berlin ragt ähnlich hervor aus seinem Umland.

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Warum ist das so? Größere Hitze in Ballungsgebieten kann für mehr Blitze sorgen: Sie führt dazu, dass mehr Wasser verdunstet, mithin mehr Energie in die Luft gelangt.

Gewitter gedeihen, wenn viel feuchte Luft aufsteigt. Hagelkörner reiben sich an Eiskristallen, Aufwinde peitschen sie in die Höhe, wobei sich positive von negativen Ladungen der Eispartikeln trennen. Schweben in zehn Kilometer Höhe vor allem Teilchen mit positiven Ladungen, während die Wolke in flacheren Gefilden negativ geladen ist, entsteht Spannung von Hunderten Millionen Volt.

Wird die elektrische Spannung zu groß, löst sie sich mit einem Schlag, es blitzt: In einem 30.000 Grad heißen, zentimeterschmalen Kanal schießt ein Strom von bis zu 20.000 Ampere zwischen Himmel und Erde.

Wenn Sandkörner schmelzen

Die Hitze - sechsmal wärmer als die Oberfläche der Sonne - dehnt die Luft explosionsartig aus; es donnert. Beim Einschlag im Boden schmelzen Sandkörner. Steht ein Mensch im Umkreis von etwa 20 Metern, ist er in Lebensgefahr.

Drei Blitz-Hochburgen gibt es in Deutschland, wie die Daten von 1999 bis 2016 zeigen: das Alpenvorland, das Erzgebirge und die Schwäbische Alb.

An den Anhöhen von Erzgebirge, Schwäbischer Alb, den Alpen und Mittelgebirgen stauen sich vor allem im Sommer feuchtwarme Luftmassen. Steigen sie auf, sprießen oft mächtige ambossförmige Gewitterwolken - das perfekte Milieu für die zuckenden Starkstromfackeln.

Im Süden und Südosten der Republik ist die Gefahr von Blitzen höher als im Norden, weil es zur Hauptgewitterzeit im Sommer wärmer ist. Besonders wenig blitzt es an der Küste und im norddeutschen Flachland.



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