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09. Februar 2013, 17:22 Uhr

Schneesturm "Nemo"

Wetter-Bombe trifft Amerika

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Ein Meter Schnee, Orkanböen, trübe Sicht: Schneesturm "Nemo" legt den Nordosten der USA lahm. Angefacht wurde der Blizzard vom Zusammenprall zweier Luftpakete - und einem besonderen Zufall. Ein renommierter Meteorologe spricht von einer Wetter-Bombe.

Hamburg - "Der Wind heult so laut, er dröhnt durch Wälder, rüttelt Türen und Fenster." Geradezu poetisch klingen Zeugen des Schneesturms "Nemo" in manchen Twitter-Botschaften.

Die Folgen des Blizzards aber sind schlimm: Orkanstarker Wind hat mehr als 650.000 Haushalte vom Strom abgeschnitten, in wenigen Stunden türmte sich bis zu ein Meter Schnee an der Ostküste der USA. Autofahren und Fliegen wurde bei Strafe verboten; Ortschaften in den Bundesstaaten New York, Connecticut, Massachusetts, Maine und Rhode Island gleichen Geisterstädten. Der Sturm habe in den USA und in Kanada mindestens sechs Menschen das Leben gekostet, berichten lokale Medien am Samstag. Ein angesehener Meteorologe schreibt in der sonst so nüchternen "Washington Post" von einer "Wetter-Bombe".

Sturm mit schlechter Sicht wegen heftigen Schneefalls - bei solchem Wetter sprechen Amerikaner vom Blizzard. "Nemo" ist von historischer Stärke, der Zusammenprall zweier energiereicher Luftmassen hat den Sturm geboren: Am Mittwoch hatte sich Südwestwind über dem lauwarmen Golf von Mexiko mit Massen an Feuchtigkeit vollgesogen. Das subtropische Meer ist derzeit wärmer als gewöhnlich zu dieser Jahreszeit, weshalb mehr Wasserdampf als sonst aufstieg. Das verdunstete Meerwasser strömte als breiter Fluss am Himmel nach Nordosten - und fiel drei Tage später im Nordosten als Schnee zu Boden.

Kritische Temperatur

Dass es so schlimm kommen konnte, lag an einer Hunderte Kilometer breiten Masse frostiger Luft, die von Nordwesten kommend mit der südlichen Warmluft zusammenprallte. Die schwere Kaltluft schob sich wie ein Keil unter die Meeresluft, die folglich kilometerhoch aufstieg. Mit der Höhe kühlte sie ab, weshalb sie den vielen Wasserdampf nicht mehr halten konnte. Es bildeten sich Abermillionen Tropfen, die zu mächtigen Wolken heranwuchsen. Die "Wetter-Bombe" war geboren - bald sollten sich die mächtigen Wolken entleeren.

Ein besonderer Zufall verschärfte den Schneefall: Die Temperatur in Bodennähe im Nordosten der USA stand nur knapp unter Null - beste Bedingung für besonders viele weiße Flocken. Kleine Schneenadeln, die aus der Höhe fallen, wachsen umso mehr, je wärmer die Luft in flacheren Gefilden ist - denn wärmere Luft hält mehr Feuchtigkeit. Deutlich unter null bleiben Schneefälle dürr. Über null Grad hingegen regnet es.

Die zweite Zutat für einen Blizzard neben heftigem Niederschlag sind starke Winde: "Nemo" drehte auf, weil die Luft über dem Nordosten der USA eingezwängt wurde zwischen einem Hochdruck-Gebiet im Norden und einem Tiefdruck im Süden. Der große Unterschied des Luftdrucks entfachte den Sturm: So als ob eine Tür aufgerissen würde, drängte die Luft von der Hochdruck-Region an die Nordostküste, wo niedriger Druck am Boden herrschte.

"Kaffee und Donuts für alle"

Am Samstag soll "Nemo" den Höhepunkt seiner Stärke überschreiten, im Laufe des Tages abflauen. Die Betroffenen kämpfen mit den Folgen. Manche finden überraschend Hilfe: Ein Supermarkt-Manager hat Dutzenden Autofahrern Zuflucht in seinem Laden gegeben, die in Middle Island im US-Bundesstaat New York im Schnee feststeckten. Die Stimmung sei gut, sagte der Supermarkt-Manager Jerry Greek: "Wir haben Kaffee und Donuts für alle."

Eine Frage aber, die in Internetforen zuhauf gestellt wurde, werden die Meteorologen wohl noch beantworten müssen: Warum bekommen ausgerechnet die schlimmsten Stürme die niedlichsten Namen? Eigentlich sollen die Namen der Stürme auf die Gefährlichkeit des Wetters hinweisen. Doch auf Hurrikan "Sandy" im Oktober folgt nun "Nemo" - so hieß der berühmte Fisch im gleichnamigen Trickfilm.

Man hätte bei der Benennung des Blizzards eigentlich an Kapitän Nemo aus Jule Vernes Geschichte "20.000 Meilen unter dem Meer" gedacht, sagte ein Meteorologe des "Weather Channels" der "New York Times". Und der sei ein "harter böser Kerl" gewesen. So wie der Schneesturm.

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