Blutiges Gemetzel: Kanada lässt Hunderttausende Robben schlachten

Internationale Proteste blieben wirkungslos: Kanada hat die größte Robbenjagd seit Jahrzehnten eröffnet. Bis zu 350.000 Tiere sollen allein in diesem Jahr getötet werden. Europäische Politiker fordern Handelssanktionen, US-Tierschützer rufen zum Tourismus-Boykott auf.



Jagd auf Robben: "Die fühlen nichts"
AFP/ IFAW

Jagd auf Robben: "Die fühlen nichts"

Der Blick aus den schwarzen Knopfaugen einer Sattelrobbe lässt die meisten Menschen vor Entzücken erschauern - nicht jedoch kanadische Jäger. Diese versetzen den Meeressäugern mit dem weißen Fell zurzeit zu Tausenden tödliche Schläge mit dem Hakapik, einer Mischung aus Keule und Bootshaken. Vergangenes Jahr gab Kanada den Plan bekannt, innerhalb von drei Jahren eine Million Robben zu töten, davon allein 350.000 in diesem Jahr. Zuvor stand die Quote Jahrzehnte lang bei maximal 15.000 Tieren pro Jahr.

Die Regierung in Ottawa macht nun trotz internationaler Proteste ernst: Wie die britische BBC berichtet, sollen allein bis zum Ende des heutigen Dienstags 140.000 Robben geschlachtet werden.

Die Robbenjagd sei nicht nur ein gutes Geschäft, sondern auch nötig zur Erholung der kanadischen Kabeljaubestände, erklärt Roger Simon, zuständiger Regionaldirektor des Fischereiministeriums. Karl-Hermann Kock von der Bundesforschungsanstalt für Fischerei in Hamburg hält diese Begründung allerdings für unschlüssig: "Die mangelnde Erholung des Kabeljaubestandes allein den Robben zuzuschreiben ist eine ziemlich gewagte Theorie. Der Niedergang des Bestandes ist vor allem fischereibedingt."

Eine junge Sattelrobbe: 350.000 von ihnen sollen dieses Jahr in Kanada sterben
AFP/ IFAW

Eine junge Sattelrobbe: 350.000 von ihnen sollen dieses Jahr in Kanada sterben

Die Proteste von Tierschützern angesichts der Qualen der Robben hält Simon für übertrieben: "Die fühlen nichts", sagte er. "Ein Schlag mit dem Hakapik zerschmettert den Schädel. Die Fischer prüfen die Augenreflexe, um sicher zu sein, dass die Tiere tot sind."

Die Bilder sprechen eine andere Sprache: Reporter der Nachrichtenagentur Reuters und Aktivisten des IFAW (International Fund for Animal Welfare) beobachteten und filmten, wie noch nicht schwimmfähigen Robben bei lebendigem Leib das Fell abgezogen wurde. Die IFAW berichtet von 660 auf Video dokumentierten Verstößen gegen die Regeln des Fischereiministeriums im vergangenen Jahr. 2003 waren 300.000 Robben getötet worden. "Unsinn" nennt Simon dagegen die Vorwürfe. 98 Prozent der Robben würden nach humanen Maßstäben getötet.

"Das ist eine Schande", sagt Jean-Marie Dedecker, Abgeordneter im belgischen Parlament. Er hat das Schlachten vor Ort beobachtet. Für ihn gibt es nur einen Schluss: "Wir brauchen einen Boykott in der ganzen EU." Belgiens Regierung hat auf die blutigen Bilder bereits reagiert und angekündigt, den Import von kanadischen Robbenfellen zu verbieten. Der US-Tierschutzbund forderte in ganzseitigen Zeitungsanzeigen zum Reiseboykott Kanadas auf. Motto: "Wie man ein Robbenbaby und Kanadas Ruf auf einen Schlag vernichtet."

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Natur
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback