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Bob Geldof: "Klimawandel bringt Äthiopien sozialen Zerfall"

25 Jahre nach der großen Hungersnot in Äthiopien wird das Land von einer neuen Katastrophe bedroht: dem Klimawandel. In einem Appell auf SPIEGEL ONLINE ruft der "Live 8"-Aktivist Bob Geldof die Industrienationen dazu auf, in Landwirtschaft und Klimaschutz des Landes zu investieren.

Entwicklungshilfe: Klimaschutz in Äthiopien: Eine Chance für Europa? Fotos
ONE / John Maguire

25 Jahre sind seit der großen äthiopischen Hungersnot in den achtziger Jahren vergangen, beispiellose Großzügigkeit hat Europa gegenüber seinen Mitmenschen vom anderen Kontinent gezeigt. Natürlich werde ich immer wieder gefragt, ob sich all die Bemühungen überhaupt gelohnt haben. Was haben sie in Äthiopien und in Afrika als Ganzes überhaupt verändert? Meine Antwort: eine ganze Menge - mit allen Vor- und Nachteilen.

Erst vor kurzem war ich wieder in Äthiopien, wo Veränderung in beiden Richtungen offenkundig sind. Auf der positiven Seite steht das Wirtschaftswachstum, das einen Boom erlebt hat: Äthiopiens Wirtschaft ist eine der fünf am schnellsten wachsenden weltweit. Doppelt so viele Kinder gehen inzwischen zur Schule, die Sterberaten durch Malaria haben sich halbiert, die Zahl der HIV/AIDS-Erkrankungen sinkt. Immer mehr Leute besitzen ein Mobiltelefon (es wären noch mehr, wenn der Mobilfunk privatisiert würde). Immer mehr Straßen verbinden abgelegene Gemeinden mit Märkten und Gesundheits- und Bildungseinrichtungen.

Vor allem aber haben bessere Verteilungs- und Frühwarnsysteme dazu beigetragen, dass in diesem Jahr, wie in den 18 Jahren zuvor, eine Hungersnot abgewendet werden konnte - auch wenn viele Menschen noch auf Hilfe angewiesen sind. Zweifelsohne könnte die Regierung mehr Transparenz an den Tag legen, aber im Großen und Ganzen ist Äthiopien ein Land, das Fortschritte macht - ebenso wie der gesamte Kontinent.

Aber es zeichnen sich auch negative Veränderungen ab: das Klima. Viele Dorfbewohner, denen ich begegnet bin, sehen Mitte der achtziger Jahre als den Zeitpunkt an, ab dem sich das Wettergeschehen zu verändern begann. Seither sei der Regen immer mehr zu einer unbeständigen Komponente geworden, die sie dazu zwinge, ihre Landwirtschaftsmethoden grundlegend zu ändern.

Der soziale Zerfall hat schon begonnen

Die Dorfgemeinden, die wir in der nordäthiopischen Provinz Tigray besucht hatten, mussten die Monate des Jahres umbenennen, weil sich diese von den Jahreszeiten her ableiten. Inzwischen haben sie das aufgegeben, weil sich die Jahreszeiten so schnell verändert haben. Die Menschen erzählten uns, wie ihre Einnahmen durch die Landwirtschaft gesunken sind, weil sich die Niederschlagsmengen verringerten. Das wiederum belastete das gesellschaftliche Gefüge: Diebstähle wurden alltäglich, Kinder zur Arbeit gezwungen.

Wenn wir den sozialen Zerfall, den wir derzeit in Äthiopien beobachten, weiterhin zulassen, dann erwartet uns eine düstere Zukunft. Extreme Armut und der Klimawandel sind die treibende Kraft eines Teufelskreises, der die Dörfer und Gemeinden für extremistische Politikformen angreifbar macht. Doch eine Spur der Armut und Labilität, die sich von der Sahelzone bis in die Sahara zieht, würde einem Europa, das nur unweit im Norden liegt, schlecht zu Gesicht stehen. Diese Spur lässt sich vermeiden.

Die Spannungen zwischen den positiven und negativen Veränderungen in Äthiopien sind spürbar. Welche die Oberhand behält, hängt zum Teil davon ab, welche Entscheidungen die Äthiopier treffen. Zum Teil hängt es aber auch von uns ab. Es geht nicht darum, dass wir Opfer bringen. Vielmehr bieten sich uns neue Möglichkeiten. Man mag an den wissenschaftlichen Konsens über den Klimawandel glauben oder nicht - es ist unumgänglich, dass sich unsere Wirtschaft daran anpasst. Und es gehört zu unseren wirtschaftlichen Grundprinzipien, in den Wandel zu investieren.

Grüne Jobs auf dem Vormarsch

Die Ineffizienz der fossilen Brennstoffindustrie wird durch saubere und günstige erneuerbare Energiequellen ersetzt. Emissionshandel wird ein bedeutender Industriezweig der nahen Zukunft sein. China investiert in erneuerbare Energiequellen, Deutschland hat es bereits getan - dort sind die grünen Jobs auf dem Vormarsch und der am schnellsten wachsende Berufszweig. Anstatt diese unaufhaltsamen Prozesse zu ignorieren, sollte Europa seine Chance wahrnehmen, um nicht zurückzufallen.

Vom Emissionshandel etwa könnten Deutschland und Äthiopien gemeinsam profitieren: So könnten beispielsweise Baumschulen zum Einfangen von CO2 eine neue Geldquelle für Afrikas Landwirte werden - sofern die richtigen Rahmenbedingungen in Kopenhagen verhandelt werden.

In die afrikanische Landwirtschaft zu investieren, sowohl durch private als auch durch staatliche Förderung, ist kritisch - es kann sich aber auch als höchst profitabel erweisen. Von all unseren unerfüllten Versprechungen, sind die Versprechungen reicher Länder für die Landwirtschaft besonders entscheidend.

Der Premierminister Äthiopiens, Meles Zenawi, Afrikas führender Verhandlungspartner beim Klimagipfel in Kopenhagen, sagte mir resigniert, er sei skeptisch was die "Blüten" und die "doppelte Buchführung" der internationalen Staatengemeinschaft angehe. Wir sprachen über die Zusagen führender Nationen über neue Finanzhilfen für die Landwirtschaft, die die Staaten beim vergangenen G-8-Gipfel in Italien abgegeben hatten - Geld, das dazu gedacht war, die globale Hungerkrise zu bekämpfen, und was sich drastisch auf die Lebensmittelpreise auswirken wird. Wir sprachen über die möglichen finanziellen Zusicherungen, die der Klimagipfel in Kopenhagen hervorbringen könnte, um arme Länder dabei zu unterstützen, sich an den Klimawandel anzupassen. Doch Zenawi fürchtet, dass die führenden Nationen einen Etikettenschwindel betreiben und das Geld für den Klimawandel aus den Töpfen für den Klimaschutz entnehmen.

Angela Merkel weiß, was für einen fairen Kompromiss nötig ist

Bedauerlicherweise wurden Zenawis Befürchtungen bestätigt. Die Bundesregierung hat zusätzliche finanzielle Hilfen für Klimaschutz und Anpassung abgelehnt, die über die bereits versprochenen Entwicklungshilfe hinausgehen.* Angela Merkel will, dass Kopenhagen ein Erfolg wird. Ich bin mir sicher, sie weiß, was für einen fairen Kompromiss für die ärmsten Länder der Welt von Nöten ist.

Vor 25 Jahren handelte die Geschichte von einem hungernden Afrika. Jetzt, trotz andauernder Lebensmittelknappheit in manchen Regionen, gibt es eine neue Geschichte. Sie wird getragen von trockenen Statistiken und handelt von einem aufsteigenden Afrika, dem letzten Kontinent, der sich noch entwickeln muss. Mit einer aufkeimenden Mittelschicht und 900 Millionen Herstellern und Konsumenten wird Afrika enorme Erlöse in den kommenden Jahrzehnten einbringen.

Wir müssen mit den Menschen dieses Kontinents zusammenarbeiten, so wie wir es versprochen haben, um der globalen Wirtschaft und des globalen Klimas willen, und weil wir sie in den nächsten 25 Jahren vielleicht einmal mehr brauchen werden als sie uns.

*Anmerkung der Redaktion: Inzwischen hat die Bundesregierung ihre Zusagen zur Klimahilfe nachgebessert .

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1. Hopenhagen führt am Ende nur dazu, ...
Sapientia, 15.12.2009
Zitat von sysop25 Jahre nach der großen Hungersnot in Äthiopien wird das Land von einer neuen Katastrophe bedroht: dem Klimawandel. In einem Appell auf SPIEGEL ONLINE ruft der "Live 8"-Aktivist Bob Geldof die Industrienationen dazu auf, in Landwirtschaft und Klimaschutz des Landes zu investieren. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,666971,00.html
dass die Umweltverdrecker darüber entscheiden, wie weit sie weiterhin gehen dürfen und sich dafür eine rechtliche Grundlage schaffen. Die Opfer und die bisherigen Wirkungen für die dritte Welt, somit zB auch Äthiopien, liegt nicht im Focus der Betrachtung. Also lasst ruhig weiter alte, abgassündige Schlorren mit car-carriern nach West-Afrika verschiffen, damit die Abwrack-Prämie hier zwar den früheren Verfall der deutschen Automobil-Industrie bremste, aber in Afrika kann die "Sauerei" ruhig weitergehen. Dort ist ja eine andere Welt und wir merken es nicht.
2. Geldof
Ditmar 15.12.2009
Sicher muß mehr Geld fließen, um den Ländern dort und nicht nur Äthiopien zu helfen, aber man sollte tunlichst darauf achten, das es sich nicht wie schon oft geschehen in die Taschen diverser Bonzen vor Ort wandert. Einfach nur Geld bereit zu stellen halte ich jedenfalls für den falschen Weg, hier muß der Gelsfluß streng kontrolliert werden, und bei Mißbrauch auch sofort gestoppt werden. Und was diese Gutmensch B. Geldof sagt ist nmir pers. ziemlich gleich, seine Kommentare halte ich für eine Masche, nur um mal wieder in den Medien zu erscheinen. Dies ist meine ganz pers. Meinung.
3. Hilfe für Afrika
waelder 15.12.2009
Mehr Geld für Afrika wäre zunächst mal mehr Geld für die Entwicklungsindustrie in Europa und für die städtischen Eliten in Afrika. Was davon übrig bleibt wirkt zumeist nur auf engem lokalen Bereich da wo das jeweilige Projekt durchgeführt wird und diese Wirkung ist häufig mit dem Ende der Hilfe ebenfalls beendet - Nachhaltigkeit ist ein knappes Gut. Stattdessen sollte das Agrardumping aus Europa aufhören und dafür der Agrarexport aus Afrika in die Europäische Gemeinschaft nach den Gesetzen des freien Marktes ermöglicht werden. Denn wir können den europäischen Bauern Subventionen zahlen, nicht für Überproduktion, sondern für den Erhalt einer Mindestversorgung, Landschaftspflege, Trink- und Hochwasserschutz und ähnlichen Aufgaben. Afrika kann seinen Bauern so etwas nich bieten. Was die Nahrungsmittelproduktion in Äthiopien angeht: ersetzt den Teff durch Kartoffeln, dann gibt es einen höheren Ertrag in Menge und Qualität von der gleichen Fläche. Passende Hochlandsorten als Pflanzgut könnten anfänglich aus Peru und Bolivien importiert werden. Wenn vor 250 Jahren eine Nahrungsumstellung in Europa möglich war, dann sollte es auch in Afrika möglich sein.
4. Bob Geldof: "Klimawandel bringt Äthiopien sozialen Zerfall"
Lupol 16.12.2009
Vielleicht bringt der Anstieg der Bevoelkerung in den letzten 25 Jahren von 44 auf 80 Millionen den sozialen Verfall...
5. Rendite
Silverhair, 16.12.2009
Zitat von waelderMehr Geld für Afrika wäre zunächst mal mehr Geld für die Entwicklungsindustrie in Europa und für die städtischen Eliten in Afrika. Was davon übrig bleibt wirkt zumeist nur auf engem lokalen Bereich da wo das jeweilige Projekt durchgeführt wird und diese Wirkung ist häufig mit dem Ende der Hilfe ebenfalls beendet - Nachhaltigkeit ist ein knappes Gut. Stattdessen sollte das Agrardumping aus Europa aufhören und dafür der Agrarexport aus Afrika in die Europäische Gemeinschaft nach den Gesetzen des freien Marktes ermöglicht werden. Denn wir können den europäischen Bauern Subventionen zahlen, nicht für Überproduktion, sondern für den Erhalt einer Mindestversorgung, Landschaftspflege, Trink- und Hochwasserschutz und ähnlichen Aufgaben. Afrika kann seinen Bauern so etwas nich bieten. Was die Nahrungsmittelproduktion in Äthiopien angeht: ersetzt den Teff durch Kartoffeln, dann gibt es einen höheren Ertrag in Menge und Qualität von der gleichen Fläche. Passende Hochlandsorten als Pflanzgut könnten anfänglich aus Peru und Bolivien importiert werden. Wenn vor 250 Jahren eine Nahrungsumstellung in Europa möglich war, dann sollte es auch in Afrika möglich sein.
Ich bin wahrlich kein Bauer - aber soooo einfach ist das keineswegs. Jegliche Pflanze wächst nur auf dem passenden Boden, ansonsten sind jahrzehnte lange Züchtungen angesagt. Und die "Kartoffel" dümpelte auch in Europa lange vor sich hin bis die Stickstoff/Nitrid - Düngung aufkam, aber die kostet Geld, viel Geld, geht nur mit viel Wasser - und das alles ist letztlich Mangelware in Afrika. Hinzu kommen exorbitante Lizenzgebühren für "Saatgut" inzwischen, und eine vollkommen andere Bodenbeschaffenheit. Und gerade das Wasser, was in diesen Ländern sowiso nur begrenzt zur Verfügung steht geht weltweit immer mehr aus, ist verseucht oder unbrauchbar. Die Kosten, das durch Menschlichen Eingriff zu verändern sind gigantisch, und solange die "Rendite einer Investition" ein vorherschendes Wirtschaftsystem bestimmt ist schlichtweg dort Ackerbau ein "unrentables Unterfangen". Zu ändern wäre das leicht - wenn eben der Egoismus des einzelnen durch Kooperation - oder Marktwirtschaftlich durch Kompensationsgewinne ersetzt würden, aber dagegen sprich schlichtweg die Betriebsform "Kapitalismus". Es mag zwar langfristig rentabler sein 1 Bio € in Agrarwirtschaft zu stecken, auch wenn die Rendite im negativ bereich ist um viele viele Konsumenten in 20 Jahren zu haben, aber ... wer will das den Banken und Investoren wirklich erzählen - nicht in einer Wirtschaft die auf Wöchentliche Rendite Berichte des "Kapitals" zugeschnitten ist. Da läßt man lieber gut 1 Mrd. Menschen verhungern, nur damit die Renditen jeden Monat die 25% Illusionen von Ackermann nicht unterschreiten.
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Zur Person
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Bob Geldof, 57, ist Rockmusiker und engagiert sich seit über zwei Jahrzehnten für Afrika. Geldof organisierte unter anderem die "Live 8"-Konzerte, er kämpft mit dem Sänger Bono für den Schuldenerlass für Entwicklungsländer und gründete die Nichtregierungsorganisation ONE. Vor dem G-8-Gipfel übernahm der vierfache Vater einen Tag lang den Chefredakteursposten bei der Zeitung "La Stampa". Geldof wuchs in der Nähe von Dublin auf. Seine Mutter starb früh, seine Jugend verbrachte der Rockmusiker deshalb in einem katholischen Internat. Bevor er mit der Musik sein Geld verdiente, arbeitete Geldof unter anderem als Journalist. Der Durchbruch kam mit den Boomtown Rats, deren größter Hit der Song "Don't like mondays" war.

Multimedia-Special
Weltklimaverhandlungen
Wichtige Punkte
Die G-8-Staaten haben sich grundsätzlich zu dem Ziel bekannt, den globalen Temperaturanstieg im Vergleich zum Beginn des Industriezeitalters auf zwei Grad Celsius zu begrenzen. Auch die Schwellenländer haben sich dem jetzt angeschlossen. Doch konkrete Vorgaben und Zusagen zur Finanzierung fehlen noch - deshalb könnte es beim bloßen Lippenbekenntnis bleiben.
Worum geht es?
Die internationale Staatengemeinschaft will sich vom 7. bis 18. Dezember in Kopenhagen auf ein neues Weltklimaabkommen einigen. Es wird das Kyoto-Protokoll ersetzen, das 2012 ausläuft. Es schrieb vor, dass die Industrieländer die Emissionen der wichtigsten Treibhausgase zwischen 2008 bis 2012 um durchschnittlich 5,2 Prozent unter das Niveau von 1990 senken. Doch die USA, bis vor kurzem der größte Kohlendioxid (CO2)-Emittent, haben das Abkommen nie ratifiziert. Und China, heute größter Luftverschmutzer, bekam überhaupt keine verbindlichen Reduktionsziele vorgeschrieben, weil es damals noch als reines Entwicklungsland eingestuft wurde.
Wer sind die wichtigsten Akteure?
Außer den USA und China sollen diesmal auch die anderen Schwellenländer wie Indien, Mexiko oder Brasilien ins Boot geholt werden. Insgesamt werden 192 Staaten nach Kopenhagen reisen. Doch auch die Entwicklungsländer sollen Verantwortung übernehmen und Wege festlegen, wie sie klimaschonendes Wirtschaftswachstum erreichen wollen. Der Westen ist dafür auch zu Finanz- und Technologietransfers bereit.
Wie ist der Stand in Europa?
Europa - vor allem Deutschland - sieht sich gerne als Vorreiter im globalen Kampf gegen die Erderwärmung. In den globalen Verhandlungen tritt das Bündnis gemeinsam auf, vertreten von der EU-Kommission und der EU-Ratspräsidentschaft, derzeit Schweden. Die 27 EU-Staaten haben im Dezember in ihrem "EU-Klimapaket" beschlossen, bis 2020 den CO2-Ausstoß um ein Fünftel gegenüber 1990 zu senken. Jetzt fordert die EU von den anderen großen Verschmutzern ähnliche Bekenntnisse.

Doch während in der EU, aber auch in Russland, der CO2-Ausstoß von 1990 bis 2005 wegen des Zusammenbruchs der Ostblock-Schwerindustrien sowieso sank, stieg er im gleichen Zeitraum in den USA, Japan und anderen großen Industrienationen. Gemessen am derzeitigen Niveau müsste die EU ihren Ausstoß nur noch um zwölf Prozent senken. Besonders Japan fordert deshalb 2005 als Basisjahr und hat ein Reduktionsziel von 15 Prozent angeboten. Die USA wollen ihre Treibhausgase im gleichen Zeitraum um 17 Prozent reduzieren. Der Weltklimarat (IPCC) fordert Minderungen um 25 bis 40 Prozent bis 2020 gegenüber 1990.
Was sind die Knackpunkte der Verhandlungen?
Es geht um Geld, Bezugsjahre und Prozente. Der Streit um das Basisjahr steht symptomatisch für das globale Ringen um die Lastenteilung. Die Entwicklungs- und Schwellenländer beharren auf der Schuld des Westens am Klimawandel und fordern ihre Rechte auf Wohlstand und Wirtschaftswachstum. Die Industrienationen sind bereit, der Dritten Welt zu helfen, in Kopenhagen kursiert die Zahl von hundert Milliarden Dollar, die bis 2020 pro Jahr gezahlt werden sollen. Experten Umstritten ist auch der Schlüssel, mit dem die Gelder auf die einzelnen Länder umgerechnet werden sollen.

Experten streiten zudem darüber, ob Technologien wie die CO2-Abscheidung und -Lagerung oder klimafreundliche Projekte in Entwicklungsländern angerechnet werden können oder ob sie nicht vielmehr das Problem nur aufschieben und deshalb abzulehnen sind.
Was, wenn die Verhandlungen scheitern?
Gibt es in Kopenhagen keine Einigung, ist nicht alles verloren, aber es wird zeitlich eng: Bis 2012 muss eine neue Konvention ratifiziert sein, da dann das Kyoto-Protokoll ausläuft. Und sollte die Weltgemeinschaft nicht zusammenstehen, dürfte die Erderwärmung ungebremst weitergehen. Experten warnen, dass die Temperaturen noch in diesem Jahrhundert um mehr als sechs Grad steigen würden. Es drohen katastrophale Überschwemmungen wegen der Eisschmelze, Dürren, Stürme, Artensterben und Millionen "Klimaflüchtlinge". ssu/dpa

Der lange Weg zum Klimaschutz
1988
Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (Unep) und die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) gründen den Weltklimarat (IPCC). Der IPCC selbst betreibt keine Wissenschaft, er sammelt stattdessen Daten zum Klimawandel und entwickelt Strategien zur Anpassung. Das Gremium hat bisher vier sogenannte Sachstandsberichte verfasst, der nächste ist für 2014 geplant. Der IPCC ist nicht direkt in das Klimasystem der Uno eingebunden, liefert aber den wissenschaftlichen Hintergrund für die Verhandlungen.
1992
Auf der Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung in Rio vereinbaren die Staaten, den Ausstoß der Treibhausgase so zu begrenzen, dass "sich die Ökosysteme auf natürliche Weise den Klimaänderungen anpassen können" und "die Nahrungsmittelerzeugung nicht bedroht wird". Nach Meinung vieler Forscher kann dieses Ziel erreicht werden, wenn die globale Temperatur nicht stärker als zwei Grad Celsius über den Wert vor der Industrialisierung im 19. Jahrhundert steigt. Eines der Ergebnisse des Gipfels von Rio sind die Unterschriften fast aller Staaten unter die Klimarahmenkonvention (UNFCCC), die zuvor in New York ausgehandelt worden war.
1994
Die Klimarahmenkonvention tritt in Kraft. Rund 190 Staaten haben sie mittlerweile ratifiziert, die USA ist auch dabei.
1997
Das Kyoto-Protokoll wird auf einem Gipfel in der japanischen Stadt verabschiedet. Es gilt als erster konkreter Schritt, um die Ziele der Klimarahmenkonvention umzusetzen. Die Industriestaaten verpflichten sich, den Ausstoß der wichtigsten Treibhausgase bis 2012 im Schnitt um mindestens fünf Prozent im Vergleich zu 1990 zu senken. Die Entwicklungsländer erhalten keine Auflagen. Inzwischen haben mehr als 180 Staaten Kyoto ratifiziert - nicht jedoch die USA.
2005
Das Kyoto-Protokoll tritt in Kraft, nachdem zuvor auch Russland den Vertrag gebilligt hat und so die Zahl der nötigen Ratifikationen erreicht ist. Das Abkommen läuft 2012 aus. Um seinen Nachfolger geht es beim Klimagipfel in Kopenhagen.
2007
Der Klimagipfel auf der indonesischen Insel Bali vereinbart einen Fahrplan für ein Nachfolgeabkommen zum Kyoto-Protokoll. Dieser Fahrplan sieht vor, die Verhandlungen innerhalb von zwei Jahren zu beenden - bis zur Klimakonferenz in Kopenhagen. Gelungen ist das allerdings nicht, auch nach Kopenhagen werden die internationalen Gespräche weitergehen müssen.
2009
Auf dem Klimagipfel in Kopenhagen wollen sich die Staaten auf ein politisches, aber bindendes Abkommen einigen. Die Kernpunkte sind klar, wie viel von ihnen sich tatsächlich im Text finden wird, werden erst die Verhandlungen zeigen. Die Industriestaaten sollen ihren Treibhausgasausstoß reduzieren und Geld für die Anpassung von Entwicklungsländern an den Klimawandel geben. Die ärmeren Staaten sollen im Gegenzug bestimmte Zusagen geben. In dem Vertrag könnte auch der Schutz der Tropenwälder besonders hervorgehoben werden.


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