Meeresforschung Alte Bohrinseln werden zu Hotspots des Lebens

Bohrinseln sind eine permanente Gefahr für die Meeresökosysteme. Und doch sind sie für die Unterwasserwelt inzwischen zu einem wichtigen Lebensraum geworden. Das liegt jedoch nicht an der Ölförderung.

ANN SCARBOROUGH BULL / DPA

Beim Stichwort Ölplattformen denken wohl die wenigsten Menschen an lebendige Naturlandschaften - doch das können sie nach Ansicht von US-Forschern durchaus sein. Die komplexen Strukturen unter Wasser böten vielen Tieren einen einzigartigen Lebensraum, schreiben Ann Scarborough Bull und Milton Love von der University of California in Santa Barbaraim Fachmagazin "Ocean and Coastal Management". Aus diesem Grund würden ausgediente Plattformen vor den Küsten der USA häufig nicht demontiert, sondern der Natur überlassen.

Weltweit fördern rund 6.000 Offshore-Bohrinseln Erdöl und Erdgas, rechnen die Forscher vor. Und mehr als die Hälfte der Anlagen befinde sich im Golf von Mexiko. Es bestehe kaum Zweifel daran, dass das Erdöl dieser Plattformen die Umwelt negativ beeinflusse. Ein gewisses Risiko, etwa das einer verheerenden Ölpest, sei immer gegeben. Und trotzdem seien die Plattformen wichtig für Meereslebewesen.

In einer Studie aus dem Jahr 2014 hat ein Team um Bull bereits gezeigt, dass noch aktive Ölplattformen vor der Küste Kaliforniens geradezu paradiesische Lebensräume für Fische sind. "Sie waren, was Fische betrifft, die produktivsten Lebensräume der Welt", sagt Mitautor Love. An den riesigen Stahlkonstruktionen lagerten sich Tonnen von Meereslebewesen wie Muscheln, Schwämme, Korallen, Austern, Krabben und Garnelen an.

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Im Golf von Mexiko sei es mittlerweile Routine, alte Plattformen in künstliche Riffe umzuwandeln, schreiben die Wissenschaftler. Für viele weitere Anlagen, etwa vor Kalifornien müsse in den kommenden Jahren die entschieden werden, ob der unter der Wasseroberfläche liegende Teil stehen bleibe - oder ob die Anlage doch komplett abgebaut werden muss.

In Europa ist die Sache klar: Die Forscher beschreiben in ihrem Artikel das Beispiel der "Brent Spar"- ein Öltank des Shell-Konzerns in der Nordsee. Als die Ölfirma Mitte der 1990er Jahre versucht habe, den Tank in ein Riff zu verwandeln, sei sie am großen öffentlichen Widerstand gescheitert.

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Der Vorfall habe großen Einfluss auf das Übereinkommen zum Schutz der Meeresumwelt des Nordostatlantiks (OSPAR) gehabt, das seit 1998 völkerrechtlich in Kraft ist. Die 16 europäischen Vertragsparteien - darunter auch Deutschland - verpflichteten sich, alle Maßnahmen zu treffen, um Verschmutzungen der Meeresumwelt zu vermeiden und zu beseitigen. Ausgediente Ölplattformen müssen daher vollständig abgebaut und an Land entsorgt werden.

Die jüngste Schätzung der Kosten für den Abbau aller Plattformen vor der kalifornischen Küste beläuft sich umgerechnet auf knapp sieben Milliarden Euro, rechnet Bull vor.

Weitaus günstiger sei es, die Plattformen von Kohlenwasserstoffen und anderen gefährlichen Materialien zu befreien und sie dann in ein permanentes Riff umzuwandeln, so die Forscher.

Allerdings gibt es auch Wissenschaftler, die das anders sehen. So hatten Forscher der University of Technology im australischen Sydney bereits nach der Studie von 2014 erklärt, dass Vorsicht nötig sei, wenn über das Schicksal ausgedienter Ölplattformen diskutiert werde. Von Plattform zu Plattform seien die Bedingungen völlig unterschiedlich. Daher gebe es je nach Standort auch höchst unterschiedliche Raten bei Fischwachstum, selbst wenn sich die Anlagen jeweils in ökologisch ähnlicher Umgebung befinden.

Marina Kosmalla, dpa/chs

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