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Bohrkern-Analyse: Westantarktis war in Warmzeiten eisfrei

Das Eis der Westantarktis ist offenbar vor drei bis fünf Millionen Jahren mehrmals komplett geschmolzen. Das folgern Forscher aus einer Bohrkern-Analyse. Für die Zukunft haben sie düstere Prognosen: Die große Schmelze könnte in vergleichsweise kurzer Zeit wieder auftreten.

Washington - Wie eine Art großes Indianerzelt stand der seltsam verhüllte Turm in der eisigen Weite des Schelfeises, umgeben von rund einem Dutzend blauer Container. Der Bohrkopf fräste sich immer weiter in den Untergrund: Nach 80 Metern Eis waren zunächst rund 900 Meter Wasser gefolgt, dann ging es noch einmal für 1200 Meter ins Sediment am Meeresgrund unter dem Eis.

In der Nähe der US-amerikanische McMurdo-Station an der Südspitze der Ross-Insel hat sich beim "Andrill"-Projekt ein internationales Forscherteam sozusagen in die Geschichte der Antarktis gebohrt. Das Ziel dabei: Die Wissenschaftler wollten Erkenntnisse über die wechselvolle Klimageschichte im Westen des eisigen Kontinents sammeln - und damit auch bessere Prognosen für dessen Zukunft ermöglichen. Klar scheint bereits jetzt: Die Antarktis erwärmt sich bereits seit 50 Jahren, und zwar in allen Bereichen.

Neue Erkenntnisse zu möglichen Folgen stellen die "Andrill"-Forscher in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins "Nature" vor. Die Analyse der ersten 600 Meter des Bohrkerns ANDRILL AND-1B zeigt, dass der Eispanzer der Westantarktis offenbar fragiler als gedacht ist. Vor fünf Millionen und dann noch einmal vor drei Millionen Jahren sei er komplett kollabiert, erklären die Forscher. Damals sei der Meeresspiegel weltweit um etwa fünf Meter angestiegen, was sich mit Geländeproben und Computermodellen belegen lasse.

Diese Abschmelzphasen, so die Forscher, seien durch Änderungen in der Neigung der Erdachse und durch Phasen erhöhter CO2-Konzentration in der Atmosphäre ausgelöst worden. Im Bohrkern finden sich immer wieder Mikroorganismen, die darauf hindeuten, dass die Wassertemperaturen im antarktischen Sommer zeitweise deutlich über dem Gefrierpunkt lagen. Auf solche Warmphasen folgten allerdings immer wieder Kälteperioden. Dann reichte das Schelfeis bis zum Meeresboden der Ross-Bucht. Nach rund 40.000 Jahren wurde es dann wieder warm, das Eis schmolz.

Das Eis habe sich zu Zeiten zurückgezogen, als es auf der Erde nur drei Grad wärmer gewesen sei als heute. Derzeit zeichne sich eine ähnliche Entwicklung ab wie in den analysierten Phasen der Vergangenheit, erklärte Tim Naish vom Antarktis-Forschungszentrum der neuseeländischen Victoria-Universität. Man hoffe allerdings, dass die westliche Eisschicht nicht ganz so schnell abschmelze wie damals. Demnach könnte sich der Prozess eventuell bis zu 1.000 Jahre hinziehen.

Doch Forscher Kuhn erklärt: "Bei der zu erwartenden Erwärmung der Erde um bis zu drei Grad Celsius bis zum Ende dieses Jahrhunderts müssen wir die Ergebnisse aus der Antarktis als Warnung werten, dass sich die Eiskappe in der Westantarktis mit den vorgelagerten Schelfeisen in den folgenden Jahrhunderten instabil verhalten könnte."

Das Horrorszenario sieht so aus: Wenn das Schelfeis großflächig abbricht und schmilzt, könnten Eismassen aus dem Inneren des antarktischen Kontinents ins Rutschen kommen und schnell nachfließen - und dann ihrerseits abbrechen und tauen. Der Meeresspiegel würde weltweit massiv ansteigen. Bereits jetzt gibt es immer wieder Berichte über Auflösungstendenzen in vielen Schelfeisbereichen der Antarktis, zum Beispiel am Wilkins Schild in der Westantarktis. Zuvor hatten waren auch die Schelfbereiche Larsen A und B zerbrochen und geschmolzen.

Für ein totales Abschmelzen des Westantarktischen Eisschildes, so Schätzen die Forscher, müsste sich die Erde um etwa fünf Grad Celsius erwärmen. Allerdings halten einige Wissenschaftler selbst solch einen Temperaturanstieg schon bis zum Jahr 2100 für möglich.

chs/AP/AFP

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Bohrprojekt: Mit "Andrill" in die antarktische Geschichte

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Antarktis-Eis: Die schmelzende Pracht

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