Farbanalyse Saurier legten bunte Eier

Paläontologen der Uni Bonn haben die Farbe von Dinosaurier-Eiern rekonstruiert. Hier erklären die Forscher, warum die Farbe Blau Sauriermännchen auf Trab gehalten hat.

Oviraptor: Der Name "Eierdieb" enthält ein uraltes Missverständnis - diese Theropoden betrieben Brutpflege am offenen Nest und hatten wohl Eier, die so bunt waren wie die von Vögeln
Uni Bonn/ Benjamin Gutwasser

Oviraptor: Der Name "Eierdieb" enthält ein uraltes Missverständnis - diese Theropoden betrieben Brutpflege am offenen Nest und hatten wohl Eier, die so bunt waren wie die von Vögeln

Ein Interview von


Zur Person
Jasmina Wiemann ist Chemikerin an der Rheinische Friedrich-Wilhelms Universität zu Bonn. Die Farbanalyse von Sauriereiern war ihre Bachelor-Arbeit. Inzwischen arbeitet sie an ihrer Promotion. Martin Sander ist Professor für Paläontologie. Er beschäftigt sich nicht nur mit Dinosauriern, sondern auch mit Fossilien anderer Wirbeltiere und Meeresreptilien. Beide Wissenschaftler arbeiten am Steinmann-Institut für Geologie, Mineralogie und Paläontologie der Universität Bonn.
SPIEGEL ONLINE: Frau Wiemann, wie kommt man darauf, nach der Farbe von Dinosaurier-Eiern zu suchen?

Jasmina Wiemann: Von einigen Dinosauriern wissen wir seit Langem, dass sie offene Nester bauten. Damit muss auch die Notwendigkeit entstanden sein, die Eier zu tarnen. Das lässt Rückschlüsse auf die ausgestorbenen Tiere zu.

SPIEGEL ONLINE: Was für Eier haben Sie denn untersucht?

Wiemann: Von verschiedenen Dinosauriern. Fündig geworden sind wir bei Oviraptoren, die, wie unsere Forschung zeigt, auch offene Nester bauten. Mit Unterstützung der Chemiker und Pharmazeuten hier an der Uni haben wir deren Eier mit chemischen Methoden untersucht.

SPIEGEL ONLINE: Wie macht man das?

Wiemann: Man nimmt fossile Eierschale, pulverisiert sie und extrahiert dann in diversen Schritten die Schalenpigmente. Dieses Extrakt landet dann im Massenspektrometer. Wir kennen die Massen der farbgebenden Moleküle in modernen Vogel-Eierschalen. Nach denen können wir also gezielt suchen.

SPIEGEL ONLINE: Und woher wissen Sie, nach welchen Farben Sie suchen müssen?

Jasmina Wiemann: Die Farbstudie war ihre Bachelor-Arbeit, inzwischen ist sie unterwegs in Richtung Promotion
Steinmann-Institut/ Georg Oleschinski

Jasmina Wiemann: Die Farbstudie war ihre Bachelor-Arbeit, inzwischen ist sie unterwegs in Richtung Promotion

Wiemann: Heute sind die einzigen farbigen Eier die von Vögeln. In deren Eiern gibt es ein rötliches und ein blaugrünes Farbpigment, die für den Gesamtfarbeindruck der Schale verantwortlich sind. Nach diesen Pigmenten, die zu einer sehr stabilen Molekülklasse gehören, haben wir gesucht.

SPIEGEL ONLINE: Und welche Farbe hatten Dinosaurier-Eier nun?

Wiemann: Das, was wir nach 66 Millionen Jahren von den Pigmenten noch finden, deutet darauf hin, dass die Eier ähnlich gefärbt waren wie Emu-Eier - blaugrün.

SPIEGEL ONLINE: Was lässt sich denn aus so einer Information ableiten?

Wiemann: Eine Menge, wenn man Analogien zu lebenden Vögeln zieht.

Martin Sander: Im Grunde hat das weniger mit Dinosauriern zu tun, als mit Vogelevolution! Vögel sind die überlebenden Nachfahren der Saurier.

Wiemann: Und um die Evolution der Vögel zu verstehen, muss man sich ansehen, wie sich deren Merkmale über die Zeit entwickelt haben. Es geht um die Paläobiologie der Tiere, bis hin zu ihrem Verhalten.

SPIEGEL ONLINE: Die Farbe der Eier beeinflusst das Verhalten?

Wiemann: Es gibt eine Theorie in der Ornithologie, der zufolge gerade blaue Eier mit bestimmten Verhaltensweisen korrelieren. Demnach ist für die Männchen die Intensität der Tönung der Eier ein Indikator für die Gesundheit des Weibchens und damit der Brut. Das wirke wie ein Signal auf die Männchen, die dadurch motiviert würden, besonders viel Energie in die Brutpflege zu investieren.

SPIEGEL ONLINE: Und Aufwand verlangt Ertrag.

Wiemann: Der besteht darin, dass mehr vom Nachwuchs überlebt, wenn sich die Männchen intensiver an der Brutpflege beteiligen. Das muss allerdings nicht unbedingt bedeuten, dass sie auch gebrütet haben.

Sander: Ja, das wird kontrovers diskutiert. Aber mein Gefühl sagt mir, dass ein offenes Nest primär den Nutzen hat, Brüten zu ermöglichen. Und damit einen Energietransfer vom Elterntier zum Nachwuchs, der sonst nicht möglich wäre.

Oviraptor-Gelege: Seit man mit Tomografien Embryonen im Inneren fand, konnte man die Nester klar zuordnen; dass man erwachsene Tiere in der Nähe fand, ist ein Hinweis auf Brutpflege
Uni Bonn/ Tzu-Ruei Yang

Oviraptor-Gelege: Seit man mit Tomografien Embryonen im Inneren fand, konnte man die Nester klar zuordnen; dass man erwachsene Tiere in der Nähe fand, ist ein Hinweis auf Brutpflege

SPIEGEL ONLINE: Wie sicher sind denn Aussagen, die man auf der Basis solcher Analogien trifft?

Sander: Man hat Befunde und schaut: Was bedeutet das bei modernen Tieren? Bei lebenden Vögeln korreliert die Farbigkeit der Eier mit komplexen Verhaltensweisen und verschiedenen Strategien. Wenn auch Dinosaurier solche Eier hatten, können wir daraus schließen, dass von ihnen möglicherweise auch diese Verhalten und Strategien erprobt wurden. Die Sicherheit dieser Schlüsse nimmt natürlich ab, je weiter wir ins Detail gehen.

SPIEGEL ONLINE: Paläontologie forscht aber zunehmend im Detail.

Sander: Ja, es werden wieder Fragen gestellt, die lange Zeit nicht gestellt wurden. Es gab in den Sechzigerjahren schon einmal Studien, wo zum Beispiel Proteine nachgewiesen wurden, und dann passierte da lange Zeit nichts. Warum? Jetzt sind wir wieder an dem Punkt, wo wir danach suchen, was da an Organik erhalten wurde. Liegt das nur an der Verbesserung der Instrumente? Was meinst Du, Jasmina?

Wiemann: Das korreliert mit den Trends und Methoden in der Biochemie. Als die DNA entdeckt wurde, hat man natürlich danach gesucht. Jetzt haben wir gerade einen extremen Fortschritt in der Bioanalytik. Die Auflösungen, die wir inzwischen mit Massenspektrometern erzielen, sind grandios. Das geht bis hinunter auf wenige Moleküle. Chemie und Bioanalytik bieten neue Ansätze, die großen Fragen der Paläontologie zu beantworten.

Sander: Das führt dazu, dass man jetzt überhaupt wagt, Fragen anzugehen, die so weit ins Detail gehen. Darauf, nach der Farbe von Saurier-Eiern zu fragen, wäre man vor ein paar Jahren noch nicht gekommen.

SPIEGEL ONLINE: Außer in der Illustration. Die Paleo-Art ist voller bunter Eier.

Sander: So ist es! Die Künstler brauchen Farbe, und manchmal gibt so etwas der Wissenschaft Anstöße. Den Archaeopteryx haben die immer irgendwie bunt gemalt. Und im letzten Jahr brachte "Science" dann unsere Theorie zur Farbe seiner Federn. Wir zeigten: Federn wurden nicht zum Fliegen "erfunden", sondern um mit bunten Farben zu prahlen!

SPIEGEL ONLINE: Mit Farbe als Code der Kommunikation...

Sander: Farbigkeit ist im Tierreich immer ein Sender-Empfänger-System. Das gilt für alle Wesen, die visuell orientiert sind und Farben sehen können, also auch für uns. Wenn wir solche Sachen erforschen und verstehen, verstehen wir uns auch selbst viel besser.

Professor Martin Sander ist ein international renommierter Paläontologe und lehrt am Steinmann-Institut der Universität Bonn
Steinmann-Institut/ Georg Oleschinski

Professor Martin Sander ist ein international renommierter Paläontologe und lehrt am Steinmann-Institut der Universität Bonn

SPIEGEL ONLINE: Warum ist man darauf nicht eher gekommen?

Sander: Die Vorstellung vom einheitsgrauen Dinosaurier war auch unserem relativ schwachen Farbsinn geschuldet. Uns fällt es schwer, uns in die Sinneswahrnehmung von Vögeln hineinzuversetzen, die ja auch noch ein viel größeres Farbspektrum sehen als wir. Noch einmal: Vögel sind die überlebenden Nachfahren der Saurier. Mich freuen solche Studien, die endlich den Aspekt ihrer Farbigkeit angehen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Sander, Paläontologie ist in Deutschland mehr als in den USA oder Asien eine Nischenwissenschaft. Woran liegt das?

Sander: Hier ist der Arbeitsmarkt sehr klein. In den USA arbeiten viele Paläontologen in der Lehre für menschliche Anatomie. Das ist ideal, weil es ein wichtiges Lehrgebiet ist, aber kein ergiebiges Forschungsfeld. Also forschen diese Akademiker in der Entwicklungsbiologie oder Paläontologie. Wenn so etwas auch hier möglich wäre, gäbe es auch mehr paläontologische Forschung.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind ein Freund fachübergreifender Ansätze.

Sander: Ja, auch die Eierschalenstudie von Frau Wiemann war nur möglich, weil sie eben auch Chemikerin ist.

SPIEGEL ONLINE: Die Paläontologie hat sich hierzulande aber auch lange neuen Trends verweigert.

Sander: Da verändert sich jetzt vieles. Frau Wiemanns Studie haben wir als Preprint veröffentlicht, also vor dem Peer-Review, der Begutachtung durch Kollegen. Einfach, weil wir sicherstellen wollten, dass man wahrnimmt: Hier, wir waren die ersten, die das herausgefunden haben! So etwas ist neu in der Paläontologie. Jetzt folgt der Peer Review. Aber die moderne Strömung in der Wissenschaft ist ja eher die, dass man seine Ergebnisse offenlegt, und dann ist es die Fach-Community, die ihr Urteil über die Qualität abgibt. Die Relevanz ergibt sich daraus, wie so eine Studie wissenschaftlich rezipiert wird, und nicht daraus, ob sie ein Redakteur bei einer wissenschaftlichen Zeitschrift besonders spannend findet.



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