Aus Teluk Meranti berichtet Jürgen Kremb
Damals lag in Folge von Schwelbränden in trockengelegten Sumpfgebieten mehrere Wochen dichter Rauch über ganz Südostasien, der die Sicht in Riau und Borneo, aber auch in Malaysias Hauptstadt Kuala Lumpur auf weniger als 20 Meter reduzierte. Um ein solches Schreckenszenario zu verhindern, hat Greenpeace seit Beginn dieser Woche ein Camp am Rand des Urwalds aufgebaut. Mit Messstationen und durch die Präsenz der Umweltschützer soll verhindert werden, dass einer der letzten großen Urwälder Sumatras einer Palmölplantage weichen muss.
Das Camp aus einfachen Holzhütten thront auf einer Anhöhe gegenüber dem Dörfchen Teluk Meranti, zu Füßen fließt der lehmfarbene Kampar-Strom dahin, wegen seiner majestätischen Breite auch der Amazonas Südostasiens genannt. Im Kampar gibt es noch Flussdelphine, und der WWF zählt die undurchdringlichen Wälder an seinen Rändern zu den artenreichsten der Welt.
Doch ob Greenpeace das alles bewahren kann, ist fraglich. Trotz vollmundiger Versprechen der indonesischen Regierung, die Wälder des Landes zu schützen, sind in den letzten beiden Jahrzehnten allein in Riau, einer Provinz von der Größe der Schweiz, 75 Prozent des Urwalds verschwunden.
Zwar holzt Brasilien noch immer den meisten Wald ab, aber in keinem Land geht der Raubbau schneller voran als im Inselarchipel Indonesien. 355 Quadratkilometer Wald - mehr als die Fläche Münchens - fallen jede Woche der Kettensägen zum Opfer. Weil bei der Zerstörung von Wäldern große Mengen an Kohlendioxid freigesetzt werden, ist das Entwicklungsland Indonesien nach den USA und China schon jetzt der drittgrößte Klimasünder der Welt.
14,6 Gigatonnen Kohlenstoff im Torfboden gespeichert
Eigentlich dürfte auch gemäß indonesischen Gesetzen kein Torfmoor, das dicker als drei Meter ist, trockengelegt werden. Und darauf achtet Professor Jonontoro.
Der kahlköpfige Geologe stapft schon seit drei Wochen mit Gummistiefeln und primitiven Bohrgestänge durch die sumpfigen Tigerwälder von Riau. Was er und seine Studenten herausgefunden haben, scheint ihn zu elektrisieren: "Die Torfschicht ist hier bis zu 25 Meter stark", ruft der Professor auf einer improvisierten Pressekonferenz den ausländischen Reportern so aufgeregt zu, als habe er gerade Jurassic Park gefunden. "Die verbleibenden Torfböden in Riau speichern 14,6 Gigatonnen Kohlenstoff."
Dumm nur, dass sich hier draußen nicht nur die Holzkonzerne kaum um Gesetze und Umweltschutzregeln scheren, für die Lokalpolitiker gilt dasselbe. Der Distriktvorsteher von Teluk Meranti etwa sitzt wegen illegalen Holzeinschlags im Gefängnis, und gegen den Gouverneur der Provinz ermittelt die Polizei wegen eines ähnlichen Vergehens.
Aber es wäre zu einfach, den Naturraubau im fernen Asien allein korrupten Politiker und der geldgierigen Holzmafia in die Schuhe zu schieben. Denn indirekt fördern die Konsumenten in Europa den Kahlschlag. Seit Biokraftstoffe dort als Beimischung zum Dieselbenzin als umweltschonend gepriesen werden, rentiert sich der Anbau des billigen Palmöls erst richtig. Auch findet sich der Naturstoff Palmöl in immer mehr Nahrungsmitteln, vom Schokoriegel über Margarine bis hin zum Fast Food.
Greenpeace: Palmöl nicht mehr als Biosprit verkaufen
Die Umweltschützer von Greenpeace fordern deshalb nicht nur, dass europäische Verbraucher weniger Waren konsumieren, die Palmöl enthalten. Auch müsse Schluss damit sein, dass Palmöl als vermeintlicher Biosprit in Europas Zapfsäulen angeboten werde. Beim Kopenhagener Klimagipfel seien ferner 30 Milliarden US-Dollar notwendig, um Indonesiens Regierung mit Geldern aus dem CO2-Handel zu einem Moratorium für den Schutz der Urwalds zu bewegen.
Doch was auf dem diplomatischen Parkett in Kopenhagen schon schwer genug zu erzielen sein wird, kann im Urwald lebensgefährlich werden. Während ein paar Greenpeace-Aktivisten noch die letzten Bretter aus dem Holz des lokalen Meranti-Baums an ihre Beobachtungsstation nageln, knattert mehrmals täglich ein Hubschrauber des Papierkonzerns April bedrohlich nahe über ihre Köpfe hinweg.
Konzerne wie April fühlen sich als uneingeschränkte Herrscher im Urwald. Ihre Konzessionen, mit denen sie den Urwald roden dürfen, stammen häufig noch aus den Jahren des Suharto-Regimes. Die demokratische gewählte Regierung von Präsident Susilo Bambang Yudhoyono hat das zwar per Gesetz eingeschränkt: Jetzt müssen die Konzerne der lokalen Bevölkerung die Nutzungsrechte am "Wald ihrer Ahnen" abkaufen. Doch das ist oft nur blanke Theorie.
Im Bengkalis-Distrikt im Süden der Provinz Riau etwa wurden im vergangenen Dezember 700 Häuser von Urwaldbewohnern, die ihren Wald nicht verkaufen wollten, von einem Hubschrauber aus mit Flammenwerfern abgebrannt. Die Leichen von drei Umweltaktivisten, die im Rokan-Hulu-Distrikt den Kampf gegen die Entwaldung in Riau aufgenommen hatten, fand die Lokalbevölkerung eines Morgens erschlagen in einem Teich auf.
So sind die Bewohner in Teluk Meranti auch wenig optimistisch, dass sie ihre Natur noch retten können. "Die meisten hier wollen natürlich nicht, dass der Wald abgeholzt wird", sagt der arbeitslose Iras, 29. Man brauche ihn schließlich zum Bootsbau und wegen der köstlichen Krabben, die man in den Seitenarmen des Kampar-Stroms fangen könne. Doch solange Jakarta den Holzkonzernen nicht ihre Konzession wegnimmt, fühlt er sich machtlos - und versucht, das Beste aus der Situation zu machen. "Wenn wir in den entstehenden Palmölplantagen einen Job bekämen, dann würde ich mir dafür eben ein Moped und einen Fernseher kaufen."
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