Brandrodung auf Sumatra: Ursünde im Urwald

Aus Teluk Meranti berichtet Jürgen Kremb

In den Sümpfen der Insel Sumatra sollen riesige Wälder gerodet werden. Kurz vor der Kopenhagener Klimakonferenz würde damit einer der größten Kohlenstoff-Speicher Südostasiens in Flammen aufgehen. Umweltschützer kampieren im Urwald, um den Raubbau zu stoppen - ein aussichtsloser Kampf.

Raubbau: Die Lunge Südostasiens wird brennen Fotos
Jürgen Kremb

Das fünfsitzige Boot von Amir, 48, gleitet jetzt fast lautlos über die rostbraunen Flussläufe in den Sümpfen Riaus. Der Seitenarm des Kampar ist hier nur noch hüfttief, und manchmal setzt die Schraube des Außenbordmotors auf einer Sandbank auf. Dann greift der drahtige Bootsführer zu einem Paddel oder steigt in die sumpfige Brühe, um das Boot vorwärts zu schieben. Das ist nicht ungefährlich - wegen der Krokodile.

Vor zweieinhalb Stunden ist Amir, der wie die meisten Indonesier nur einen Namen benutzt, mit einer Gruppe von Journalisten und Greenpeace-Aktivisten im Fischernest Teluk Meranti aufgebrochen. Hinter einer Flussbiegung liegt das Ziel ihrer Reise.

Mit einem Damm aus Schlamm, Baumresten und Rattan haben ein paar mutige Dorfbewohner über Nacht den Entwässerungskanal des Holzkonzerns April (Asia Pacific Resources International Limited) unpassierbar gemacht. Die Greenpeace-Leute wollen das als ihren ersten Sieg gegen die Waldzerstörung in den Sümpfen Riaus werten. "Jetzt kann die Firma vorerst zumindest nicht mehr den Sumpf trockenlegen", sagt Martin Baker, 48, Direktor des Jakarta-Büros der Umweltschützer.

Dem Urwald droht das Todesurteil

Wenige Wochen vor der Kopenhagener Klimakonferenz steht in dem einsamen Feuchtgebiet, 45 Flugminuten westlich von Singapur gelegen, eine Menge auf dem Spiel. Der indonesische Holzkonzern April, einer der weltgrößten Papierhersteller und Teil des mächtigen indonesischen Holzkonzerns Sinar Mas, möchte hier bald mit großflächiger Rodung beginnen. Das wäre das Todesurteil für eines der letzten noch nicht unter Naturschutz stehenden Urwaldgebiete, in dem noch Sumatra-Tiger und andere seltene Tierarten zu finden sind.

Seit Monaten werden gigantische Entwässerungskanäle durch den Sumpf gezogen. Bald schon sollen Spezialteams aus Holzfällern über diese künstlichen Wasserstraßen das Edelholz der Baumriesen zur Küste bringen. Danach wird der Sumpf trockengelegt. Auf einem Areal, das mit 700 Quadratkilometern in etwa so groß ist wie Singapur, soll eine riesige Palmölplantage entstehen.

Vollkommen beseitigen lässt sich der Wald nur mit Hilfe der Brandrodung. "Für das Klima in der Region hätte das dramatische Folgen", sagt Paul Winn, 48, ein Greenpeace-Experte für tropische Feuchtgebiete aus Neuseeland. Denn die Wälder stehen alle auf Torf, und das ist einer der größten Kohlendioxid-Speicher, den die Natur besitzt. "Die Lunge Südostasiens wird in Flammen stehen", meint Winn. Aber das wäre nur Teil des Desasters. Was passiert, wenn entwässerte Torfwälder erst einmal brennen, hat sich schon Ende der neunziger Jahre gezeigt.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 24 Beiträge
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1. Wir sind dabei
edv3000 02.11.2009
Aber natürlich sind wir dafür auch für die Rohstoff-Plünderungen dieser Welt verantwortlich. Wir kapitalistischen Konsumenten. Und wenn wir nicht langsam von unserem hohen Ross runterkommen, dann werden uns auch bald Bomben auf den Kopf fallen. Die anderen sind vielleicht nicht mehr lange so doof, um sich alles (aber auch alles) gefallen zu lassen.
2. Wieviel?
Arthi 02.11.2009
Zitat von sysopIn den Sümpfen der Insel Sumatra sollen riesige Wälder gerodet werden. Kurz vor der Kopenhagener Klimakonferenz würde damit einer der größten Kohlenstoff-Speicher Südostasiens in Flammen aufgehen. Umweltschützer kampieren im Urwald, um den Raubbau zu stoppen - ein aussichtsloser Kampf. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,658179,00.html
Wieviel wären denn die teilnehmenden Staaten bereit an Indonesien zu zahlen, um die Rodung zu stoppen? Da könnte doch ein schöner jährlicher Betrag verhandelbar sein und mehr rausspringen als bei der Rodung. Aber es wird niemand zahlen wollen. ;)
3. Die Natur hat keine Lobby.
lpino 02.11.2009
Im Prinzip ist es doch kommerziell gesehen vollkommen uninteressant, ob es ein paar Millionen Hektar Regenwald mehr oder weniger gibt. Dann lieber weniger, da lässt sich wenigstens ein Geschät damit machen. Ansonsten bleibt einem, mit Ausnahme einer allfälligen Betroffenheit, kaum mehr als die Kenntnisnahme der Sachlage übrig.
4. Beitrag
Schakutinga 02.11.2009
Es war ja von vorneherein vorauszusehen, dass mit dem 'Bio'-Sprit das ganz grosse Abholzen erst richtig losgehen würde. Mich packt jedesmal die kalte Wut, wenn irgend ein Dummkopf von der Umweltfreundlichkeit pflanzlichen Treibstoffs quatscht. Es ist ja klar: da man nicht einfach die bestehenden Agrarflächen umfunktionieren kann, müssen neue Anbauflächen her. Und deshalb muss früher oder später der Primärwald dran glauben. Aber für manche ist ja jede Ansammlung von Gewächsen mit hölzernem Stamm und Grünzeug oben drauf ein 'Wald' und damit 'Natur', auch wenn es sich um eine Palmenplantage handelt.
5. Gute Idee...
Schakutinga 02.11.2009
Zitat von ArthiWieviel wären denn die teilnehmenden Staaten bereit an Indonesien zu zahlen, um die Rodung zu stoppen? Da könnte doch ein schöner jährlicher Betrag verhandelbar sein und mehr rausspringen als bei der Rodung. Aber es wird niemand zahlen wollen. ;)
Die ecuadorianische Regierung hat etwas ähnliches versucht: da sich im dortigen Regenwald große Erdölvorräte befinden, wollte Ecuador finanzielle Unterstützung von der Weltgemeinschaft, um den Regenwald zu erhalten und nicht an die Erdölgesellschaften ausliefern zu müssen. Sie dürfen raten, was dabei herausgekommen ist...
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