Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Brasilien: Die Gier nach Soja frisst den Regenwald

Von Scott Wallace

Holzfäller und Viehbarone galten lange als die Bösen im Wilden Westen Brasiliens: Rücksichtslos rodeten sie den Regenwald. Die globale Nachfrage nach billigem Soja hat diese Dynamik noch beschleunigt. Holzdiebe, Soja-Barone und korrupte Politiker schrecken selbst vor Mord nicht zurück.

Die Dynamik der Globalisierung hat den Amazonas erreicht. Sie beschleunigt die Waldrodungen und lässt selbst den engagiertesten Umweltaktivisten kaum eine Chance. Mehrere hundert Menschen starben in den letzten drei Jahrzehnten bei den Kämpfen um das Land im Amazonasgebiet. Unzählige andere leben in Angst, denn ihr Leben wird von denen bedroht, die von Holz- und Landdiebstahl profitieren. In diesem von Gewehren, Kettensägen und Bulldozern beherrschten "Wilden Westen" Brasiliens sind Regierungsvertreter oft bestechlich oder machtlos. Außer Holzfällern und Viehbaronen beteiligen sich neuerdings auch Produzenten von Sojabohnen am Landraub. Die Zerstörung des brasilianischen Regenwalds wird somit auch durch sie noch beschleunigt.

Fast 20 Prozent des Amazonasregenwalds sind in den letzten 40 Jahren gefällt worden. Das ist mehr als in den gesamten 450 Jahren seit Beginn der Kolonialisierung durch die Europäer. Möglicherweise liegt der Prozentsatz noch weitaus höher, denn in dieser Zahl ist der selektive Holzeinschlag nicht mitgerechnet, der erhebliche Schäden verursacht, aber weniger leicht festzustellen ist als Rodungen. Forscher befürchten den Verlust weiterer 20 Prozent des Regenwalds in den nächsten zwei Jahrzehnten. Sollte es tatsächlich dazu kommen, wird die Ökologie der Region aus den Fugen geraten. Durch die Feuchtigkeit, die das Amazonasgebiet in die Atmosphäre abgibt, produziert es die Hälfte der dortigen Niederschläge. Verhindert die Abholzung ausreichende Regenfälle, werden die restlichen Bäume eingehen. Wo der globale Klimawandel die Austrocknung verschlimmert, kommt es zu extremen Dürren, durch die verheerende Waldbrände drohen. 2005 erlebte das Amazonasgebiet bereits eine solche Dürre. Flusspegel sanken um bis zu zwölf Meter. Mehrere hundert Gemeinden waren betroffen. Da in den Grenzstaaten Pará, Mato Grosso, Acre und Rondônia weiterhin brandgerodet wird, ist Brasilien mittlerweile zu einem der größten Verursacher von Treibhausgasen geworden. Die Gefahrenzeichen sind unübersehbar.

Alles beginnt mit den Straßen. Bis auf wenige Bundes- und Landstraßen - darunter die von Ost nach West verlaufende Transamazônica und die umstrittene, 1770 Kilometer lange "Sojastraße" BR-163, die von Nord nach Süd mitten durch das Herz des Amazonasgebiets schneidet - ist fast jede Straße in dieser Gegend illegal. Die meisten wurden von Holzfällern angelegt, um an Mahagoni und anderes Hartholz für den lukrativen Export zu kommen. Zusammmen ergeben all diese widerrechtlich gebauten Straßen eine Länge von 168.980 Kilometern.

Die Folgen der Abholzung sind meist schlimmer als die Abholzung selbst. Wenn die Bäume gefällt und die Holzarbeiter weitergezogen sind, zieht eine gefährliche Mischung aus illegalen Siedlern, bewaffneten Wachen und Landspekulanten nach. Die sogenannten "Landhaie" folgen den Straßen tief in den zuvor unzugänglichen Wald hinein. Sie zerstören ganze Gebiete, damit es den ursprünglichen Eigentümern schwerfällt, ihr Land wiederzuerkennen und ihr Besitzrecht nachzuweisen. Zum Landraub gehören auch Bestechung und gefälschte Papiere. Das Verfahren ist so weit verbreitet, dass die Brasilianer eine eigene Bezeichnung dafür haben: grilagem, abgeleitet von dem portugiesischen Wort grilo (Grille).Von den sogenannten grileiros ist bekannt, dass sie gefälschte Besitzurkunden schon mal in eine Schublade voller hungriger Heuschrecken legen, um sie künstlich älter erscheinen zu lassen. Als das Instituto Nacional de Colonização e Reforma Agrária, die Landreformbehörde, in den vergangenen drei Jahren solche Besitzurkunden überprüfte, erklärte es mehr als 62.000 Ansprüche wegen des Verdachts auf Fälschung für ungültig.

In der 32.000 Einwohner zählenden Stadt Guarantã do Norte am nördlichsten Ende des asphaltierten Abschnitts der BR-163 unterhält die Umweltschutzbehörde Instituto Brasileiro do Meio Ambiente e dos Recursos Naturais Renováveis (IBAMA) eine Niederlassung. Ihrem überlasteten Leiter Márcio da Costa stehen nur eine Hand voll Inspektoren zur Verfügung. Sie müssen ein Gebiet von mehreren tausend Quadratkilometern überwachen. Ich treffe da Costa in einem Behelfsbüro hinter den verkohlten Überresten der ehemaligen Zentrale. Sie wurde 2004 von einer aufgebrachten Menge niedergebrannt, nachdem Mitarbeiter der IBAMA und die Polizei einen Holzschmugglerring gesprengt hatten. Mehrere illegale Sägewerke waren geschlossen worden und gegen Holzarbeiter im nahe gelegenen Alta Floresta wurden Geldstrafen in Millionenhöhe verhängt. Kein einziger Tatverdächtiger konnte nach dem Brand überführt werden. Trotz der Klimaanlage scheint die feuchte Luft in da Costas Büro stillzustehen. Er zeigt mir eine Abholzungsgenehmigung aus dem Jahr 2004, zusammen mit einem Durchschlag. Die von einem 2414 Kilometer entfernten Exportinspektor in Südbrasilien unterzeichnete Kopie listet mehrere tausend Kubikmeter Holz auf, die nirgendwo auf dem Original zu finden sind - alles Schmuggelware.

Nachdem ein von grileiros angeheuerter Trupp im Jahr 2005 die amerikanische Nonne und Umweltaktivistin Dorothy Stang ermordet hatte, verschärfte die brasilianische Regierung ihre Politik. Im ganzen Amazonasgebiet wurden Abholzungsgenehmigungen ausgesetzt - die meisten waren für den Holzschmuggel gefälscht worden. Bundespolizei und IBAMA intensivierten ihre Ermittlungen, Soldaten wurden nach Mato Grosso und Pará entsandt und beschlagnahmten dort unzählige Lkw-Ladungen Schmuggelholz. Von den mehr als 300 verhafteten Umweltverbrechern entpuppten sich etwa 100 als IBAMA-Beamte, die in ein weitreichendes Komplott zum Verkauf von Millionen Kubikmeter gefährdeter Harthölzer in die USA, nach Europa und nach Asien verwickelt waren.

Brasilien wird demnächst elektronische Abholzungsgenehmigungen ausstellen, um dem Betrug vorzubeugen. Schon heute setzen Regierungsbeamte, die das riesige Amazonasgebiet überwachen, Satellitentechnik und Fernerkundung ein, um den grileiros auf die Spur zu kommen. Doch selbst wenn sie ein illegal gerodetes Areal entdecken, ist ihr Handlungsspielraum auf Grund des Personal und Ausrüstungsmangels gering.

Auch der Rancher José Rosa aus der 32 Kilometer südlich von Guarantã do Norte gelegenen Grenzstadt Matupá bekam das zu spüren. Ihm war aufgefallen, dass grileiros auf seinem Land Bäume fällten. Im Prinzip hatte er nichts gegen die Rodung - er wollte sowieso im nächsten Jahr 1000 Hektar neu bepflanzen. Ihn störte es aber gewaltig, dass jemand dreist sein Land stehlen wollte. Doch trotz Zusagen des Bundes, mehr Mittel zur Bekämpfung der Holzmafia zur Verfügung zu stellen, konnte Rosa nur einen winzigen Trupp aus zwei IBAMA-Beamten und einem Polizisten zusammenstellen. Sie verfügten über eine Pistole und eine Pumpgun - nicht besonders beeindruckend für schwerbewaffnete grileiros. Das Benzin für ihren Pickup mussten die IBAMA-Mitarbeiter auch noch aus eigener Tasche bezahlen.

Der 42-jährige Evanoir Tibaldi ist der Anführer dieses Stegreifkommandos. Seit 15 Jahren arbeitet er im nördlichen Mato Grosso für die IBAMA. Als ich ihn nach dem Satellitensystem frage, das Luftbildaufnahmen zur direkten Überführung der grileiros liefern soll, antwortet er: "Was für ein Witz, wir haben im Büro ja nicht mal einen Internetanschluss."

In seinem schmutzigen Sporthemd und mit dem zerknautschten Hut wirkt Rosa so gar nicht wie ein wohlhabender Plantagenbesitzer. Ihm gehören immerhin 7284 Hektar Land und 3500 Mastochsen. Um zu seinem Besitz zu gelangen, fährt man von der Stadt aus Richtung Osten. Der Weg führt eine Schotterstraße hinunter über flache Ebenen und gewellte Hügel. "Dieses Land eignet sich perfekt für den Sojaanbau", sagt Rosa.

Auf seiner Plantage fahren wir über eingezäunte Weiden bergauf und erreichen den Regenwald auf einem von grileiros geschlagenen Feldweg. Wir überqueren einen klaren Bach und halten, um Wasser zu trinken. Über mir erhebt sich eine grüne Kathedrale aus Bäumen, ein schillernder Blauer Morphofalter segelt vorbei. Wenn ich an die trüben Bäche im Süden denke, wo der Wald schon von der Landwirtschaft verdrängt ist, frage ich mich, wie viele Monate dieses Stück Regenwald wohl überleben wird.

Unter tief hängenden Zweigen holpern wir über ausgewaschene Reifenspuren und kommen plötzlich auf eine breitere, frisch planierte Straße. "Das riecht nach Geld, das waren Landdiebe", sagt Rosa. "Wenn sie mich hier draußen erwischen, werden sie mich einfach abknallen."

Die Eindringlinge waren so dreist, quer über die Straße eine Absperrung zu errichten. Wir gehen zu Fuß weiter. Tibaldi ermahnt uns, leise zu sein, und nimmt die Beretta 38 aus seiner Tasche. Kurz darauf erreichen wir eine Lichtung mit einer eilig zusammengezimmerten Behausung, in der etwa ein Dutzend Menschen Platz finden. Tibaldi greift unter einen Tisch und zieht eine Kiste mit Vorräten hervor: Zucker, Mehl, Kaffee, Küchenutensilien. "Sie sind abgehauen", sagt er. Bis auf die Schreie eines Tukanpaars in den Wipfeln ist es still.

Offenbar hat jemand den grileiros einen Tipp gegeben. Rosa ist wütend. Nächstes Mal will er versuchen, Bundespolizisten zu gewinnen - Männer von außerhalb. "Nur so wissen sie vorher nichts", zischt er und funkelt den Lokalpolizisten an. "Aber das darf man ja nicht sagen.Um in Brasilien zu überleben, muss man sich blöd stellen."

Der Ansturm auf das Land am Amazonas geht auf die siebziger Jahre zurück, als die brasilianische Militärdiktatur die Politik des "integrar para não entregar" verfolgte, was so viel heißt wie "Vereinnahmen, um nicht zu verlieren". Unzählige Familien zogen auf diese Parole hin in den Dschungel, um der Armut im übervölkerten Süden und Nordosten zu entkommen. Viele starben oder gaben auf. Doch andere überlebten, nahmen das harte Leben auf sich und betrieben Landwirtschaft per Brandrodung.

Die ärmsten Siedler erhielten selten Besitzurkunden für das Land, das sie bestellten. Nur wer Beziehungen hatte, bekam von der Regierung Konzessionen für bis zu 2 994 Hektar große Grundstücke, durch die Holzeinschlag, Viehzucht und andere Erschließungsprojekte gefördert werden sollten. Falls die Empfänger solcher Privilegien - zumeist abwesende Grundherren - das Land nicht innerhalb von fünf Jahren produktiv nutzten, verfiel das Anrecht auf dauernde Eigentümerschaft. Tatsächlich unternahmen die meisten Pächter nichts, betrachteten sich aber dennoch als rechtmäßige Eigentümer. Und während die Regierung versäumte, die Besitzverhältnisse dieser Grundstücke zu klären, hatten benachbarte Bauern längst begonnen, diese Ländereien illegal mitzubewirtschaften. Es kam zu blutigen Auseinandersetzungen. Bis heute kämpfen weit entfernt lebende Grundbesitzer, die den Wald für ihre Agrarwirtschaft kahlschlagen wollen, gegen Bauernfamilien, die zwar kleine Flächen für den Ackerbau roden, aber zum Überleben auf den umliegenden intakten Wald angewiesen sind.

"In Amazonien stoßen heute zwei Erschließungsmodelle aufeinander", sagt Felício Pontes. Er gehört zu einer neuen Generation von Regierungsanwälten, die es als ihre Pflicht ansehen, Bestechung, Landraub und Umweltverbrechen im Amazonasgebiet zu ahnden. Am ersten Jahrestag der Ermordung von Dorothy Stang stehen wir auf einem symbolischen Friedhofsgelände, auf dem 820 Kreuze für die 820 Toten stehen, die der Landkrieg in Pará bisher gekostet hat. "Das erste Modell wurde während der Militärdiktatur eingeführt und basiert auf Holzabbau und Viehwirtschaft. Es vernichtet den Wald unwiederbringlich." Das von Stang propagierte Alternativmodell bezeichnet Pontes als "sozialen Umweltschutz". Während das eine Modell den Reichtum akkumuliert, fordert das andere dessen Verteilung durch eine Bewirtschaftung in kleinen Waldfeldbaukollektiven.

Die in Ohio geborene und aufgewachsene Nonne Dorothy Stang gehörte dem Schwesternorden Notre Dame de Namur an. Ihr Engagement für das Ideal der Kleinbauern, die ihr Auskommen in Harmonie mit dem Wald finden, brachte ihr viel Zuspruch ein. Von ihrem Büro in der Grenzstadt Anapu aus arbeitete sie unermüdlich daran, aus den Siedlern im Amazonasgebiet umweltbewusste und solidarische Gemeinschaften zu machen, die sich den gewalttätigen Spekulantencliquen widersetzen können. Für Schwester Dorothy waren Menschenrechte und Naturschutz untrennbar miteinander verbunden. Obwohl auch die armen Siedler den Wald schädigen, war sie davon überzeugt, dass die Bauern die nachhaltige Nutzung ihres Landes zum Selbsterhalt lernen würden. "Das Ende des Waldes ist das Ende unseres Lebens", mahnte sie ihre Anhänger.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Regenwald-Abholzung: Brasiliens Schande

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: