Europas größtes Schutzzentrum Bären im Märchenwald

Wie viel Platz braucht ein Braunbär? Zoos und Tierschützer streiten heftig über diese Frage. In Westeuropas größtem Schutzzentrum finden die sensiblen Tiere viel Freiraum - reicht das?

Eine Multimediareportage von Katja Döhne und

Vier Pfoten

Hanna tapst durchs Eingewöhnungsgehege, ihre Bewegungen sind fahrig, ein Zeichen von Stress. Da ist diese Allergie, eitriger Ausfluss läuft aus ihrer Nase. Und da ist das Gras unter den Tatzen, an das sie sich erst gewöhnen muss. Denn Hanna kennt nur Beton und Stein. Noch ist sie misstrauisch.

18 ihrer 22 Lebensjahre hat Hanna als "Hannes" im Tierpark Wolgast verbracht: In einem Gehege mit wenig Grünzeug. Eine Haltung, die womöglich auch Ursache für Hannas Allergie ist. Und eigentlich ist "Hannes" ein Weibchen.

"Das Gehege entsprach den Normen. Und bei uns arbeiten Tierpfleger mit Leib und Seele. Aber uns fehlt Geld, um ein Gehege zu bauen, das heutigen Vorstellungen entspricht."
(Rainer Jarling vom Tierpark Wolgast)
"Hannes" war Publikumsliebling und Wappentier - aber als die Allergie hinzukam, war der Umzug beschlossene Sache, und der Park gab die Braunbärin freiwillig ab.

So wurde Hanna in den Bärenwald Müritz verlegt. Das Schutzzentrum ist so etwas wie ein Fünf-Sterne-Kurhotel, in dem Braunbären ihren Lebensabend verbringen können. Betreiber des Parks ist die international tätige Tierschutzstiftung "Vier Pfoten". Für viele Bären sind solche Schutzzentren die letzte Rettung.

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Tierquälerei: Das Leid der Tanzbären
Nicht artgerechte Haltung oder bewusste Tierquälerei können gesundheitliche Schäden und Verhaltensstörungen bei den sensiblen Braunbären hervorrufen. Über die Regeln für eine angemessene Haltung streiten Zoos und Tierschützer seit Jahren. Im Kern geht es um zwei Fragen:

  • Wie viel Platz brauchen Braunbären?
  • Und was muss vorhanden sein, damit sie sich wohlfühlen?

Die Betreiber des Bärenwaldes wollen ihren Bären mindestens 5000 Quadratmeter pro Tier bieten. 19 europäische Braunbären leben auf dem bewaldeten 16-Hektar-Areal, maximal vier Tiere teilen sich ein umzäuntes Revier. Damit ist der Bärenwald das größte Bärenschutzzentrum Europas. "Den Bedürfnissen entsprechend", nennt das "Vier Pfoten".

Noch gibt es kein Gesetz, in dem der Platzbedarf eines Braunbären in Gefangenschaft geregelt ist
Corbis

Noch gibt es kein Gesetz, in dem der Platzbedarf eines Braunbären in Gefangenschaft geregelt ist

Da kann kein Zoo mithalten. Die in diesem Jahr überarbeitete Mindestanforderung im Säugetiergutachten empfiehlt 500 Quadratmeter für bis zu drei Bären im Freigehege. Doch sowohl die beteiligten Tierschützer als auch Zoovertreter haben in "Differenzprotokollen" ihre abweichenden Meinungen festgehalten - und zwar für jede Tierart einzeln. Die einen wollen noch mehr, die anderen sehen das Fortbestehen der Zoos in Gefahr, wenn die Forderungen der Tierschützer eines Tages zur gesetzlichen Vorschrift werden sollten.

Rechtlich bindend ist das vom Landwirtschaftsministerium in Auftrag gegebene Säugetiergutachten bisher nicht, es soll nur eine Entscheidungshilfe für die Amtstierärzte vor Ort sein, die die Haltungsbedingungen bewerten müssen. Viele der rund 400 Zoos und Tierparks in Deutschland können oder wollen diese Anforderungen nicht erfüllen und machen öffentlich Stimmung gegen sie. Arbeitsplätze stünden auf dem Spiel, behaupten sie. Die Regel "je mehr Platz, desto besser" lasse sich wissenschaftlich nicht untermauern, so der Verband der Zoologischen Gärten. Es komme vielmehr auf eine klar strukturierte Umgebung an.

"In einer kleinen, nett eingerichteten Wohnung fühlt man sich wohler als in einer riesigen aber leeren Wohnung."
(Sandra Reichler, Biologin und Kuratorin im Zoo Heidelberg)
Im Bärenwald setzt man auf Freiraum. Hier sind die Maximalforderungen bereits Wirklichkeit geworden. Die Bären würden den Platz nutzen, um ihre Instinkte wiederzuentdecken, sagen die Betreiber: umherstreifen, Höhlen bauen, in Winterruhe gehen. Nur die Fortpflanzung fällt aus - alle männlichen Bärenwald-Bewohner sind kastriert.

Die "Vergesellschaftung", also das Zusammenleben von bis zu vier Bären in einem Gehege, soll das Verhalten zusätzlich positiv beeinflussen. Und auch ihre spielerische Seite könnten die Braunbären ausleben.

Vier Pfoten
Die Bären werden so weit wie möglich in Ruhe gelassen, sie sollen selbst bestimmen, wann sie baden, fressen oder schlafen wollen. Sie können Abstand untereinander oder von den Besuchern halten. Ganz ohne Kontakt zum Menschen geht es aber nicht: Die Tierpfleger locken die Bären in Vorgehege, wenn sie ihnen das Futter bringen. In Freiheit nimmt die Futtersuche ungefähr die Hälfte jedes Bären-Tages ein. Im Schutzzentrum versucht man, dies nachzuahmen: Drei Tierpfleger verstreuen Obst und Gemüse in den Gehegen, damit die Bären sich bewegen müssen. Nicht gerade die Selbstbedienung am Futtertrog, die viele Bären aus der Gefangenschaft kennen. Mit Unterforderung ist im Bärenwald Schluss. Ebenso mit falscher Nahrung wie Weißbrot oder Süßigkeiten.

Die Futtermenge richtet sich nach der Jahreszeit. Im Frühjahr brauchen die Tiere weniger, im Herbst müssen sie sich eine Fettschicht für die Winterruhe anfressen. Wenn sie in ihrem Bau schlummern, verlieren sie bis zu 40 Prozent ihres Gewichts. Insgesamt nehmen die Allesfresser mehr als 20-mal so viel Nahrung zu sich wie ein Mensch.

Das Luxusresort für den erfüllten Lebensabend der Bären ist teuer. Allein das verfütterte Obst und Gemüse kostet rund 126.000 Euro im Jahr. Hinzu kommen die Kosten für zwölf Angestellte und die Instandhaltung. Die Stiftung "Vier Pfoten", die fünf Bärenschutzstationen betreibt, bezahlt das mit Spenden und Eintrittsgeldern. Mehr als elf Millionen Euro nimmt der deutsche Ableger der Organisation pro Jahr ein. So ist auch eine aufwendige medizinische Betreuung finanzierbar. Denn bei älteren Bären kommen Zahnprobleme, Arthrose und Hautprobleme auch im Freiland häufig vor.

Marc Sven Loose ist Zahnarzt mit Praxis in Hamburg und verheiratet mit einer "Vier-Pfoten"-Mitarbeiterin. So kam es zu seiner ungewöhnlichen Fortbildung: im Selbststudium zum Bärenzahnarzt. Ein Problem war, dass die herkömmlichen Instrumente für die großen Zähne nicht tauglich waren. Und auch an passendes Füllmaterial heranzukommen, bereitete Loose Probleme. Ganz zu schweigen davon, dass niemand Erfahrung hatte in der Behandlung von Bären-Gebissen.

Nach Jahren, in denen Loose ehrenamtlich im Urlaub und am Wochenende Braunbären und andere Wildtiere behandelt hat, besitzt er nun ein Know-how, das wohl weltweit nur eine Handvoll Ärzte aufweisen kann. Die häufigsten Behandlungen bei Bären sind denen beim Menschen nicht unähnlich: Füllungen, Wurzelkanalbehandlungen, Extraktionen. Nur alles eine Nummer größer.

"Der Mundgeruch ist beim Menschen oft schlimmer als beim Bären."
(Marc Sven Loose, Bären-Zahnarzt)
Im"Bärenwald wird geforscht - das Schutzzentrum kann so den Status einer gemeinnützigen GmbH aufrechterhalten. Biologiestudenten beobachten das Verhalten der Braunbären. Die Zusammenarbeit mit dem Leibniz Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin soll außerdem Fragen klären, die auch der Humanmedizin eines Tages zugutekommen könnten. "Die Braunbären haben im Winterschlaf eine hohe Konzentration von Giftstoffen im Blut. Wir würden gerne wissen, wie sie ihre Gefäße schützen. Und wie schaffen sie es, aus einem monatelangen Winterschlaf ohne Muskelschwund aufzuwachen?", sagt Johanna Painer. Sie untersucht die Bewohner des Bärenwaldes regelmäßig.

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Bärenzahnarzt: Hamburger behandelt Balous abgebrochene Fangzähne
Zurück zu Hanna, der neuesten Mitbewohnerin im Bärenwald. Auch nach mehr als zwei Monaten im Eingewöhnungsgehege zeigt sie noch typische Stressmerkmale. Niemand kann sagen, ob es mitgebrachter oder neuer Stress ist - manchmal kann es Jahre dauern, bis sich ein Bär an seine neue Umgebung gewöhnt.

Im Tierpark Wolgast war sie sehr auf ihre Pfleger fixiert. Nun muss sie sich an neue Gesichter gewöhnen. Aber sie macht Fortschritte, die Allergie hat sich abgeschwächt. "Am Wochenende hat sie zum ersten Mal gebadet und mittlerweile lässt sie sich auch ein paar Meter von uns am Zaun entlang locken", sagt Tierpflegerin Sabine Steinmeier.

Das Locken ist entscheidend, denn erst, wenn Hanna in einen abgetrennten Bereich wandert, können die Pfleger das Futter und die Enrichments im Gehege verteilen. Derzeit werfen sie Hannas Futter noch über den Zaun. Auch in Notsituationen ist es wichtig, dass die Bären sich absperren lassen. Die langjährigen Insassen des Bärenwaldes lassen sich nach langem Training rufen und haben Vertrauen zu den Pflegern gewonnen.

Für den Rest des Jahres wird Hanna wohl noch allein bleiben. Die Winterruhe soll sie in einer Box verbringen. Und im kommenden Frühling wird sie den Bärenwald als ihr neues Revier kennenlernen.

Mitarbeit: Nicola Kuhrt

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