Brüten am Abgrund: Das Geheimnis der Trottellummen-Eier

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Trottellummen: Leben am Abrund Fotos
Steven Portugal

Kein Nest, nur nackter Fels am Abgrund. Trottellummen nisten an steilen Küstenklippen. Wie aber überstehen ihre Eier die Brutzeit? Forscher haben jetzt herausgefunden: Die Antwort liegt in der Schale.

Man sieht ihnen gleich an, dass sie anders sind als die anderen Eier: Am schmaleren Ende laufen sie spitz zu, zusätzlich sind sie bunt und sehr unterschiedlich gemustert. Dass Trottellummen-Eier derartig ungewöhnlich sind, hat einen guten Grund.

Denn Uria aalge ist zwar nicht der einzige Vogel, der an Steilküsten brütet, dabei jedoch - freundlich formuliert - der konsequenteste. Im Gegensatz zu Papageientauchern, Basstölpeln oder anderen Klippen-Brütern suchen Lummen-Eltern weder Zuflucht in Nischen, noch bauen sie Nester. Die Vogelmama brütet auf dem nackten Fels. Dabei schiebt die Lumme das Ei auf ihre Füße, so wird es auch von unten warm. Der eine Ort in Deutschland, an dem die Tiere brüten, trägt sogar ihren Namen - es ist der Lummenfelsen auf Helgoland.

Ein Ei und direkt daneben der Abgrund. Das kann eigentlich nicht gutgehen. Tut es aber - jedenfalls oft genug, dass die Trottellumme keine aussterbende Art ist. Zum einen liegt das an der Form, meinen Wissenschaftler: Stößt man das Ei einer Trottellumme an, dreht es sich in einem sehr engen Kreis um die eigene Achse.

Nanostrukturen durch Zufall entdeckt

Zum anderen trägt die Nanostruktur der Eierschale dazu bei, dass die im Inneren heranwachsende Trottellumme die Strapazen übersteht - wie Wissenschaftler jetzt herausgefunden haben. Auf einem Kongress der Society for Experimental Biology in Valencia berichtete Steven Portugal über diese Nanostrukturen. Sie verleihen dem Ei eine raue und wasserabweisende Oberfläche, so der Forscher von der University of London.

Portugal hat dies durch einen kleinen Unfall entdeckt: Etwas Wasser war über einer Eiersammlung ausgekippt. "Was mir sofort auffiel, war, dass sich die Tropfen auf den Trottellummen-Eiern ganz anders verhielten als auf den anderen Eiern", schreibt er in einer E-Mail an SPIEGEL ONLINE. Sie bildeten kleine Kügelchen, was auf einen hydrophoben Untergrund deutet.

In folgenden Untersuchungen stellten er und seine Kollegen fest, dass die Schalenoberfläche im Nanobereich über kegelförmige Strukturen verfügt. Beim Vergleich mit Eiern von mehr als 400 anderen Vogelarten zeigte sich, dass das Trottellummen-Ei in dieser Hinsicht einzigartig ist.

Portugal vermutet, dass die Strukturen mehrere Vorteile mit sich bringen. Vor allem schützen sie Poren in der Eierschale, die einen Austausch von Sauerstoff und Kohlendioxid zwischen dem Ei-Inneren und der Umgebung ermöglichen. So wird das wachsende Vögelchen mit Sauerstoff versorgt. Salz in den Poren würde den Gasaustausch beeinträchtigen. Die Nanostrukturen verhindern, dass salziges Meerwasser an der Oberfläche klebt und das Salz sich festsetzt. Auch Vogelkot und anderer Dreck könne wohl nicht die Poren verstopfen. Das macht die Entdeckung für Materialforscher interessant, die Antihaft-Oberflächen entwickeln.

Gefährliche Nachbarschaft

Zusätzlich wird die Eierschale durch diese Strukturen rauer - was hilft, das Herunterrollen von der Klippe zu vermeiden. Portugal untersucht jetzt, inwieweit die Eier einen besseren Grip haben.

Trotz der Anpassungen an die Widrigkeiten der Brutzeit übersteht nicht jedes Trottellummen-Ei die gefährliche Phase. Die Vögel brüten sehr dicht beieinander. In dem Trubel wird so manches Ei - und auch das ein oder andere unglückliche Küken - versehentlich von den Eltern oder deren Nachbarn über die Kante gestoßen.

Dass jedes Brutpaar so viele Nachbarn hat, könnte auch erklären, warum die Eier ungewöhnlich variantenreich gefärbt sind: Die Eltern können ihren Nachwuchs so bereits identifizieren, bevor er geboren wurde - und brüten nicht aus Versehen ein fremdes Ei aus, nur weil es ein Stückchen gerollt ist.

Diese These sei durch ein Experiment gestützt, erklärt Portugal. Forscher haben Tordalken, die mehr Distanz zu ihren Nachbarn halten, ihr Ei weggenommen und ein fremdes untergeschoben. Die Vögel brüten es normal aus. "Sie registrieren nicht, dass das Ei ausgetauscht wurde." Mache man das Gleiche bei einer Trottellumme, bemerke diese den Unterschied - und würde anfangen, nach ihrem Ei zu suchen.

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insgesamt 6 Beiträge
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1. Typisch!
reever_de 06.07.2013
Die Natur machts halt immer noch am Besten! ;)
2. Welcher Trottel
athene noctua 06.07.2013
hat diese Intelligenzbestien eigentlich Trottellummen genannt?
3. soviel zu den Intelligenzbestien
miceta 07.07.2013
der Name der Trottellumme leitet sich nicht vom dummen Menschen, sondern von der Art des Laufens, dem trotteln.
4. Zu Nr.2: Dazu gibt es zwei Theorien.
michaelkaloff 07.07.2013
1) Da sich die Tiere, ebenso wie z.B. die ebenfalls auf Helgoland vorkommenden Bass"tölpel", aufgrund ihrer starken Anpassungen an das Meer, an Land sehr ungeschickt bewegen. 2) Sie haben, genau wie die o.g. Tölpel, an ihren Brutplätzen keine Angst vor Menschen und konnten daher, an ihren eigentlich für Landbewohner unerreichbaren Brutplätzen, von Menschen leicht eingesammelt und verwertet werden. Übrigens: Es gibt auch andere Namen. Auf helgoländer Friesisch (= Halunder (spreek)), heissen die Lummen "Skitten" und der Lummenfelsen entspr. "Skittenhörn". Interessant ist dabei, dass das Verb "skitten" auf Halunder so viel wie "sche*ssen" bedeutet. Wenn man den Lummenfelsen betrachtet, wird klar warum dieser namentliche Zusammenhang besteht. .... :-)
5. der Lotus-Effekt also auch auf Trottellummeneiern !
analyse 07.07.2013
Wo noch ? Und warum hocken die Lummen immer so eng beieinander ? Damit sie hören können,wenn ihnen die GENDER-Lummentanten während der Eischalenproduktion immer vorsingen:"Nano-Struktur! Nano-Struktur!"
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