Bundesumweltministerium: Gabriel fördert Biosprit - Wissenschaftler raten ab

Von Gerald Traufetter

Zoff um Bioenergie: Bundesumweltminister Sigmar Gabriel streitet mit dem Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung für Umwelt um die Förderung von Biosprit. Die Gelehrten wollen Biosprit aus Mais und Raps sofort stoppen. Der Minister sagt nein.

Für seine Bissigkeit ist Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) bekannt. Wer nicht seiner Meinung ist, den belehrt er gerne mal kurz und ruppig. Heute war wieder so ein Tag, an dem der Sozialdemokrat zum Austeilen aufgelegt war. "Da haben wir eine präzis andere Auffassung", kläffte er und wetterte dann gegen Umweltschützer, die über alle Stränge schlagen würden. Über vermeintliche Gutmenschen aus dem Westen, die in den armen Ländern des Südens schlicht als Imperialisten gelten. "Hohe Preise für Mais, das ist doch der faire Handel, den wir immer haben wollten."

Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD): "Da haben wir eine präzis andere Auffassung"
DDP

Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD): "Da haben wir eine präzis andere Auffassung"

Das Poltern des obersten Ökologen galt seinem eigenen Gelehrtengremium, dem Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung für Umwelt (WBGU). Der stellte heute Mittag seinen Bericht über die sinnvolle Nutzung der Bioenergie vor - mit unbequemen Wahrheiten für die Regierung. Jürgen Schmid, Professor aus Kassel und federführend für die Studie "Zukunftsfähige Bioenergie und nachhaltige Landnutzung" lobte zwar das Potential der grünen Energie: Zehn Prozent des weltweiten Energiebedarfs ließe sich aus natürlichen, biologischen Quellen stillen, insbesondere Abfälle aus der Industrie und der Landwirtschaft (siehe Grafik).

Weitere zehn Prozent könnten in Energieplantagen heranwachsen, wie etwa Pappeln, Weiden, Palmöl und Zuckerrohr, um anschließend in Heizkraftwerken verfeuert zu werden. Zusammen ergebe das fast ein Viertel des Weltenergiebedarfs, "eine signifikante Menge", so der Umweltingenieur. Indes warnte er vor den Folgen bedenkenloser Förderung dieser organischen Energiequellen. "Die Risiken sind erheblich, die Gefahr des Missbrauches hoch", so Schmid.

Aus dem Ruder laufen könnte das so edle Projekt nachhaltiger Energiegewinnung gleich mehrfach: Wer Mais und Raps fördere so wie die Bundesregierung durch die Beimischungspflicht zu Benzin und Diesel, und diese Pflanzen dort anbaut, wo früher Nahrungsmittel erzeugt wurden, der sorgt womöglich dafür, dass in den Tropen ein Bauer den Regenwald abholzt. Dadurch steigt nicht nur der Preis für die Nahrungsmittel. "Durch die Zerstörung des Urwalds wird mehr Treibhausgas freigesetzt als im Biosprit vermieden wird", sagt Schmid. Dringend müsste mit diesem umweltpolitischen Unsinn aufgehört werden, so lautete seine unmissverständliche Botschaft. Man könne nicht Gutes tun und Schlechtes bewirken.

"Die Zukunft des Autos liegt im Elektromotor"

Die sinnvollste Weise, Biomasse zu nutzen, sei ohnedies nicht als Biosprit im Verbrennungsmotor, sondern im Heizkraftwerk, wo sowohl Wärme als auch Strom entsteht. " Die Zukunft des Autos liegt im Elektromotor", glaubt Schmid und begründet dies mit dessen hohem Wirkungsgrad von über 70 Prozent (zum Vergleich: maximal 20 Prozent erzielt ein moderner Dieselmotor). Auch mit Biomasse aus Holz müsse man vorsichtig umgehen, damit der Waldboden nicht verarmt und Bäume absterben.

Bionergie-Potential: Die Karte zeigt die räumliche Verteilung möglicher Anbauflächen von Energiepflanzen im Jahr 2050
WBGU / Beringer Lucht / Foreign Policy

Bionergie-Potential: Die Karte zeigt die räumliche Verteilung möglicher Anbauflächen von Energiepflanzen im Jahr 2050

Gabriel ließ die Kritik abtropfen. Man wolle mit der staatlichen Förderung neue Techniken zur Biospritherstellung finanziell unterstützen. Biosprit aus Klärschlämmen, dagegen könne man doch wahrlich nichts haben. Die Diskussion über Bioenergie sei in Deutschland im Übrigen derart verkürzt. "Da verfemt man hier, wenn in Brasilien auf alten Kaffeeplantagen Zuckerrohr für Bioethanol angebaut wird", zürnte der Sozialdemokrat, dabei würde doch sogar Greenpeace Brasilien diese Praxis loben.

Nicht nur mit seinem Gelehrtengremium legte er sich an – auch mit dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Dessen Staatssekretärin Karin Kortmann verwies auf unheimliche Tendenzen: Biomassekraftwerke in Indien besorgten sich den organischen Brennstoff mittlerweile von Feldern aus Afrika. Riesige Palmölplantagen in den Philippinen beliefern auch jene 1100 Blockheizkraftwerken in Deutschland.

"Der Boom in der Bioenergie verdrängt in den Schwellenländern Kleinbauern von ihren Feldern und macht die Großbauern noch reicher", schimpft sie. Dass sich das Bundesumweltministerium geweigert habe, in die Förderrichtlinien für Agrartreibstoffe auch Regeln für soziale Verträglichkeit aufzunehmen, habe man nicht verstehen können. "Immerhin setzt sich der Bundesumweltminister mittlerweile auch für ein Zertifizierungssystem für die schonungsvolle Produktion von Energiepflanzen ein", sagte Kortmann zu SPIEGEL ONLINE. Würde der westliche Heißhunger nach Bioenergie das soziale Gefüge und die Umwelt der Schwellenländer zerstören, sei man schließlich keinen Schritt weiter.

Gehe es um die Welternährungssicherheit, müsse man sich in die inneren Angelegenheiten der Schwellenländer einmischen. "Das muss man denen klarmachen", so Kortmann.

Längst ist Bioenergie kein Biotop mehr für idealistische Weltverbesserer. Starke Mächte haben die Kontrolle übernommen, etwa die Agrarlobby. Das musste auch Umweltminister Gabriel zugeben. Die Förderung von Biosprit aus Mais und Raps, über das Jahr 2009 hinaus, sei auf Bestreben der Bauernvertreter durchgedrückt worden.

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