Tödliche Infektionen Der Killerpilz, der aus dem Nichts kam

Der seltene Pilz Candida auris kursiert in Krankenhäusern weltweit und tötet Patienten. Warum tauchte er so plötzlich auf - und wieso grassiert er ausgerechnet jetzt?

Erreger Candida auris in Petrischale
AP/ Shawn Lockhart/ CDC

Erreger Candida auris in Petrischale

Aus Boston berichtet


  • DER SPIEGEL/ Rick Friedman
    Johann Grolle berichtet als Korrespondent für den SPIEGEL aus Boston. "Das ist die Welthauptstadt der Wissenschaft", sagt der langjährige Leiter des SPIEGEL-Ressorts Wissenschaft/Technik. An dieser Stelle schreibt er, was Forscher am MIT, der Harvard University und anderswo in den USA bewegt.

Michael Mansour beginnt seine Präsentation mit einem Todesfall. Er wolle von einem Patienten berichten, der acht Tage nach einer Lungentransplantation verstorben sei, sagt er. Die Ärzte hätten einen Pilz, der in seine Blutbahn gelangt war, nicht in den Griff bekommen.

Mansour interessiert sich für diesen Toten, weil er für viele andere steht. Denn der tödliche Hefepilz Candida auris, von dem der Forscher von der Harvard University spricht, geht derzeit auch in anderen Krankenhäusern um. Die amerikanische Seuchenzentrale CDC, sagt Mansour, warne vor einem neuen Killerkeim.

Donnerstags morgens um acht Uhr besuche ich gern die "Grand Rounds" am hiesigen Massachusetts General Hospital, dem wichtigsten Lehrkrankenhaus der Harvard University. So nennen die Ärzte Zusammenkünfte, bei denen einzelne Mediziner Neues aus der klinischen Praxis berichten, sodass die Kollegen davon lernen können.

Diesmal war die Mikrobiologie dran und Mansour als ihr Vertreter entsandt. Er berichtete der Kollegenschaft von Pilzen, deren Gefahren gern unterschätzt werden.

Die Organismengruppe bildet - nicht Tier, nicht Pflanze und auch nicht Bakterium - ein eigenes Reich von Lebewesen. Pilze gerieten immer wieder in die Schlagzeilen, weil sie zu verheerenden Seuchen unter so unterschiedlichen Tieren wie Fledermäusen, Bienen, Korallen und Fröschen führten. Aber auch Menschen können betroffen sein.

Woher kommt der Erreger?

Candida auris ist ein besonders tückischer Vertreter der Hefepilze. Er ist mit den gängigen Labormethoden schwer zu identifizieren, und er ist resistent gegen fast alle Mittel, die zur Behandlung anderer Candida-Infektionen verwendet werden.

Zwar sind Gesunde gefeit, ihr Immunsystem verwehrt dem Erreger den Zutritt zu ihrem Körper. In Krankenhäusern jedoch findet Candida auris Opfer, die dem Pilz weitgehend wehrlos ausgesetzt sind. Die Todesraten liegen hoch, zwischen 50 und 70 Prozent, wobei es sich in vielen Fällen nicht leicht herausfinden lässt, ob die Pilzinfektion den Tod der ohnehin schwer kranken Patienten verursacht oder nur beschleunigt hat.

Doch woher kommt dieser Pilz, und wieso grassiert er ausgerechnet jetzt?

Noch, erzählte Mansour seinen Kollegen, gebe es keine befriedigende Antwort auf diese Fragen. Doch haben die Forscher erste Indizien zusammengetragen, und diese sind erstaunlich genug.

Aufgespürt wurde Candida auris erstmals im Ohrabstrich einer Patientin in Japan. Das war im Jahr 2009. Wenig später tauchte der Pilz auch in Südkorea auf, dann in Indien, in Kuwait, in Südafrika und schließlich in den USA.

Pilz breitet sich aus

Als die CDC im Juni 2016 Alarm schlug, hatte die Seuchenzentrale sieben amerikanische Fälle registriert, vier davon mit tödlichem Ausgang. Inzwischen ist die Zahl auf insgesamt 174 Infektionen in zehn US-Bundesstaaten emporgeschnellt.

In Großbritannien sind sogar mehr als 200 Patienten an C.auris erkrankt, ganze Intensivstationen mussten geschlossen werden. Im September gab dann auch das deutsche Robert-Koch-Institut eine Warnung heraus. Alles sieht so aus, als niste sich dieser multiresistente Erreger weltweit in Kliniken ein.

Inzwischen sei das Erbgut des Killerpilzes entziffert und analysiert, berichtete Mansour weiter. Vor allem zwei überraschende Befunde hätten die Forscher dabei zutage gefördert: Zum einen ließ sich trotz intensiver Suche in keiner vor 2009 archivierten Pilzprobe eine Spur von C. auris nachweisen.

Man muss daraus schließen: Es handelt sich tatsächlich um eine neue Erscheinung. Manchmal verbreiten sich neuartige Erreger lange unerkannt, bis sie schließlich irgendwann entdeckt werden. Der Pilz Candida auris jedoch scheint erst 2009, kurz ehe die japanischen Ärzte ihn aufspürten, entstanden zu sein.

Vierfache Geburt

Und die zweite Überraschung: Die Gensequenz lieferte den Beweis dafür, dass weltweit vier verschiedene Stämme von Candida auris umgehen. Die Unterschiede sind zu groß, als dass alle vier aus demselben Urahnen hervorgegangen sein könnten. Es hat also keinen gemeinsamen Ursprung dieser Seuche gegeben. Die Forscher gehen vielmehr davon aus, dass der Keim in etwas verschiedenen Varianten viermal fast gleichzeitig unabhängig voneinander geboren wurde.

Dies ist ein äußerst ungewöhnliches Szenario, das sogleich die nächste Rätselfrage nach sich zieht: Irgendetwas muss die Entstehung solcher Pilze befördert haben, sonst wären sie nicht mehrfach zugleich aufgetaucht.

Doch welche Umstände könnten es gewesen sein, die vor knapp zehn Jahren plötzlich einem solchen Killerpilz günstige Lebensbedingungen boten? Die Antwort auf diese Frage, meint der Mikrobiologe Mansour, dürfte wichtige Hinweise liefern, wie es möglich sein könnte, Candida auris Einhalt zu gebieten.

insgesamt 29 Beiträge
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writing-angel 15.01.2018
1. Malaria Medikament Artemisia annua
bzw. dessen Hauptwirkstoff Artemsinin/Artesunate, für deren Erforschung der 90%igen Remission von Malariaerkrankungen es 2015 den Medizinnobelpreis gab, wirkt auch gegen Infektionen durch Pilze! Für die Wirkung auf Krebszellen-Apoptose und Hemmung der Angiogenese gibt es allein 450 peer-reviewed Studien. Die Erforschung ihrer Wirkung auf Pilzerkrankungen ist noch nicht so weit fortgeschritten, aber es gibt valide klinische Erkenntnisse darüber. "The main component in Artemisia annua L., artemisinin, has the formula C15H22O15 and contains a peroxide bridge (C-O-O-C) Artemisinin has been widely used for the treatment of malaria for the past two decades. Additionally, artemisinin is known to have antibacterial, antifungal, antileishmanial, antioxidant, antitumor, and anti-inflammatory activity."
hanfiey 15.01.2018
2. tja
Dummerweise lässt sich ein Pflanzenwirkstoff (und dazu muss er frisch sein, getrocknet verliert er seine Wirkung) nicht patentieren, noch dazu wächst der gemeine Beifuß an jeder Ecke. Ich sehe nicht wo da ein Interesse geweckt werden könnte wo es doch jetzt schon Möglichkeiten der Reduzierung von (Multi resistenten) Keimen gäbe.
diefans 15.01.2018
3.
Zitat: "Doch welche Umstände könnten es gewesen sein, die vor knapp zehn Jahren plötzlich einem solchen Killerpilz günstige Lebensbedingungen boten?" Schon mal an ein Labor gedacht? Da wird so ein Geschöpf gehegt und gepflegt, auch wenn es eine allgemeine Gefahr darstellt.
permissiveactionlink 15.01.2018
4. #2, hanfiey
Artemisinin kann man aus dem gemeinen Beifuß (Artemisia vulgaris) nicht gewinnen. Die Substanz wird nur vom einjährigen Beifuß (Artemisia annua) gebildet, wie schon in #1 erwähnt.
Valis 15.01.2018
5. @diefans
Du hast es nicht verstanden oder? Die Frage lautet warum er nahezu zeitgleich an vier Orten quer um die Welt auftaucht,sich ähnelt aber nicht der selbe ist. Es hat also 4 oder mehr Ursprünge.
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