Deutschlands seltenste Pflanze Rettet die Verarmte Segge

Optisch ist sie unspektakulär, doch ihre extreme Seltenheit macht sie besonders: Von der bedrohten Grasart Verarmte Segge gibt es in Deutschland nur ein einziges bekanntes Exemplar in freier Wildbahn. Botanikern ist es nun gelungen, die Art nachzuzüchten. Warum?

R. Hand/ Botanischer Garten/ Botanisches Museum Berlin-Dahlem

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Schon der Name weckt Mitleid. Verarmte Segge heißt das Pflänzchen, das da in seinem Terrakotta-Töpfchen vor Ralf Hand steht. Zwar sieht das grüne Büschel mit dem wissenschaftlichen Namen Carex depauperata so unscheinbar aus, als könne es auf jedem Bolzplatz des Landes wachsen. Doch der Biologe vom Botanischen Garten in Berlin weiß: Das Sauergrasgewächs galt hierzulande lange Zeit als verschwunden. In der Roten Liste der Pflanzen Deutschlands steht es in der Kategorie null ("ausgestorben oder verschollen").

"Es hat in den vergangenen 40 Jahren unzählige Suchaktionen danach gegeben. Und so langsam hatten wir die Hoffnung aufgegeben", sagt Hand. Doch ein Hobby-Botaniker aus Trier entdeckte die Pflanze vor rund zwei Jahren wieder, in der Nähe des kleinen rheinland-pfälzischen Echternacherbrück. Dumm nur: Finder Hans Reichert, ein pensionierter Gymnasiallehrer ("Ich bin nur ein einziges Mal losgezogen, das war ein totaler Glücksfall!"), konnte an der Grenze zu Luxemburg nur genau ein Exemplar der Verarmten Segge aufspüren.

Das Ding heißt also nicht nur so, als sei es arm dran - es ist es auch tatsächlich. In freier Wildbahn ist das Grasbüschel aus dem Sauertal, wenn man so will, Deutschlands seltenste Pflanze. Die Letzte ihrer Art. Deswegen ist der genaue Fundort bis heute geheim. Hans Reichert mag am Telefon nur verraten, dass er das Gras am Rand einer Waldlichtung erspähte.

Im Botanischen Garten Berlin haben Ralf Hand und seine Kollegen in den vergangenen Monaten versucht, die Segge zu vermehren - und nun einen entscheidenden Erfolg erzielt. Zunächst hatten sie einen unterirdischen Ausläufer der Pflanze von Echternacherbrück genommen. Der wurde anschließend in der sogenannten Erhaltungskultur, ganz am Rand des Gartens und versteckt vor den Augen der Öffentlichkeit, gepäppelt.

"Verpflichtet, alle Arten zu erhalten, die es bei uns gibt. Punkt."

Mittlerweile existieren drei Pflanzen. Zwei von ihnen stehen im Topf unter Glas, eine weitere im Freiland. Und nun können sich die Botaniker erstmals über die Ausbildung von Blüten und Früchten freuen. Das bedeutet, dass die Verarmte Segge in ihrem Berliner Exil in Zukunft wohl auch weiter erfolgreich vermehrt werden kann. Mit männlichen und weiblichen Ähren auf einer Pflanze kann sie sich selbst bestäuben. Die ersten reifen Früchte sollen im Laufe des Sommers in die Saatgutbank des Gartens gebracht werden.

Die Berliner Wissenschaftler wollen weitere Pflanzen heranziehen, die irgendwann auch in die freie Natur in der Nähe des Fundorts gebracht werden sollen. Nun kann man sich fragen, was das soll. Die Gattung der Seggen ist in Deutschland mit Dutzenden Vertretern als ausgesprochen artenreich bekannt. Kommt es da auf eine Spezies an? Zumal die Verarmte Segge - sie heißt übrigens so, weil sie nur wenige Blütenstände hat - in anderen europäischen Ländern, vor allem rund um das Mittelmeer, durchaus häufig vorkommt. Probleme hat sie nur in Randlagen bekommen, darunter in Frankreich oder in England, wo Biologen ebenfalls Pflanzen in die freie Natur ausgesetzt haben, um die Art zu erhalten.

Und überhaupt: Wie sinnvoll ist es, einer einzigen Pflanze in der Wildnis ein paar Verwandte an die Seite zu stellen? Schließlich würde das Ökosystem am Fundort nicht kollabieren, wenn die Art verschwindet. Für Ralf Hand gibt es bei der Frage nach dem Warum zunächst einmal eine formaljuristische Antwort: "Wir haben die Biodiversitätskonvention unterschrieben. Damit sind wir verpflichtet, alle Arten zu erhalten, die es bei uns gibt. Punkt."

Doch tatsächlich ist dem Botaniker ein anderer Aspekt wichtig: Das Aussterben einer einzelnen Art könne das Verschwinden weiterer Spezies nach sich ziehen, weil die Gemeinschaft so verbunden sei wie die Fäden eines Spinnennetzes. Insofern ist die Verarmte Segge nicht zuletzt auch ein Symbol für das Problem des Artensterbens. In der Berliner Erhaltungskultur stehen auch die Grasart Patzkes Schaf-Schwingel (Festuca patzkei) und das Dickblattgewächs Rötliche Fetthenne (Sedum rubens).

Diese Arten kommen auch nur noch an jeweils einem Fundort in Deutschland vor. "Wir dürfen den Schutz der Biodiversität nicht immer nur von Nationalparks in Übersee verlangen, sondern müssen uns auch selbst engagieren", fordert Hand.

Andererseits zeigt gerade das Beispiel der Rötlichen Fetthenne: Das Aufstocken von gefährdeten Wildpopulationen mit nachgezüchteten Pflanzen aus dem Botanischen Garten ist alles andere als einfach. "Im Fall dieser Art versuchen wir das seit zehn Jahren", sagt Ralf Hand. "Es ist uns bisher nicht gelungen, es ist wie verhext." Dabei gedeiht die Pflanze im Garten prächtig, nur an ihrem ursprünglichen Standort tut sie es nicht.

Manchmal sind sich ändernde Umweltbedingungen schuld an solchen Problemen. Dabei geht es gar nicht mal unbedingt um den Klimawandel. Die Verarmte Segge, zum Beispiel, braucht vor allem Licht. Im Wald hat sie sich traditionell im Bereich eines Kahlschlags ausgebreitet. Die Samen warten im Boden bis zu 40 Jahre auf diesen Augenblick. Doch Kahlschläge gibt es in dem Waldstück, in dem das einzige Exemplar noch lebt, schon längst nicht mehr - aus Naturschutzgründen.

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insgesamt 38 Beiträge
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tubolix 27.06.2013
1. und los !
Zitat von sysopR. Hand/ Botanischer Garten/ Botanisches Museum Berlin-DahlemOptisch ist sie unspektakulär, doch ihre extreme Seltenheit macht sie besonders: Von der bedrohten Grasart Verarmte Segge gibt es in Deutschland nur ein einziges bekanntes Exemplar in freier Wildbahn. Botanikern ist es nun gelungen, die Art nachzuzüchten. Warum? http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/carex-depauperata-verarmte-segge-ist-deutschlands-seltenste-pflanze-a-907992.html
grüne vor - die wälder abholzen, um diese pflanze zu retten !
coniferia 27.06.2013
2. Vielleicht sollte man der Natur einfach ihren Lauf lassen...
Juristische Konvention hin oder her. Auch ohne menschliches Zutun (oder eben Nicht-Zutun) sind viele Arten ausgestorben und das hat wohl in aller Regel einen guten Grund. Dass der Mensch hier eingreift, um eine Pflanze zu retten, die sich nicht mehr vermehrt, weil der Wald nicht gefällt wird, ist doch wohl mehr als fraglich. Ohne menschliches Zutun wär der doch auch nicht gefällt worden? Vielleicht sollte man der Natur auch mal ihren Lauf lassen, wenn eben nun mal was aussterben soll. Darwins Gesetze sollten einfach auch mal wirken können. Hätten wir Dinosaurier aus juristischen Gründen auch erhalten, wenn wir es praktisch könnten und es juristisch müssten?
Sternenzähler 27.06.2013
3.
"Die Veramte Segge, zum Beispiel, braucht vor allem Licht. Im Wald hat sie sich traditionell im Bereich eines Kahlschlags ausgebreitet. Die Samen warten im Boden bis zu 40 Jahre auf diesen Augenblick." Das Ende ist jetzt hier aber etwas arg gewollt. Das Ende der Kahlschlagpolitik als Todesurteil für die Segge darzustellen... stimmt so sicherlich auch nicht ganz. Es gibt natürlich etliche Pflanzenarten im Wald, die Licht brauchen, allerdings sind diese in der Regel nicht auf menschlich verursachte Kahlschläge angewiesen oder "warten darauf", wie es hier dargestellt wird. Auch in der Natur kommen großflächige Schäden vor, bspw durch Sturm, die einen großflächigen Lichteinfall verursachen. Daran sind diese Pflanzenarten angepasst, nicht an Kahlschläge, diese verursachen nur ähnliche Bedingungen.
Reaktorpeder 27.06.2013
4. Auch, wenn es nur eine Pflanze ist
Jede Art ist es Wert, erhalten zu werden und keine Art hat das Aussterben verdient. (Abgesehen von evolutionären Betrachtungsweisen) Man sollte sich vor Augen halten, wie unglaublich einzigartig jede einzelne Art ist. Ist sie verloren, wird es nie wieder ein Exemplar von ihr geben. Traurige Vorstellung.
Guru 27.06.2013
5. Überall nur noch "Verarmte"!
Haben wir nicht schon genug "Verarmte", warum werden die jetzt sogar "nachgezogen"?!
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