Carl Friedrich von Weizsäcker Tod eines Mahners und Vordenkers

Er war Physiker und Philosoph und galt als einer der letzten Universalgelehrten im deutschen Sprachraum: Der ältere Bruder des ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker ist nach langer Krankheit im Alter von 94 Jahren im bayerischen Starnberg gestorben.


Philosoph und Physiker Weizsäcker: Er starb mit 94 Jahren
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Philosoph und Physiker Weizsäcker: Er starb mit 94 Jahren

Starnberg - "In zwei Disziplinen ist er gleichermaßen zu Hause, denn er hat nach einem vollen Physikstudium ein zweites volles Studium der Philosophie absolviert, und überdies ist ihm der religiöse Bereich von fernöstlicher Lebensweisheit bis zur christlichen Lehre sehr vertraut", sagte die Publizistin Marion Gräfin Dönhoff zu Carl Friedrich von Weizsäckers 85. Geburtstag. Und fügte hinzu: "Da kann ein normaler Mensch natürlich nicht mithalten".

Carl Friedrich von Weizsäcker wurde am 28. Juni 1912 als erstes Kind von Ernst und Marianne von Weizsäcker in Kiel geboren. Von 1929 bis 1933 studierte er Physik, Astronomie und Mathematik in Berlin, Göttingen und Leipzig, wo er stark geprägt wurde durch die Arbeiten großer Theoretiker wie Erwin Schrödinger und vor allem des Nobelpreisträgers Werner Heisenberg, dessen Schüler und persönlicher Freund er war.

Internationale Anerkennung als Atomphysiker erhielt Carl Friedrich von Weizsäcker 1937 mit der nach ihm benannten Weizsäcker-Formel für die Bindungsenergie der Atomkerne. Von 1939 bis 1942 war Weizsäcker am deutschen Atomforschungsprogramm beteiligt. Er räumte später unter Hinweis auf sein rein wissenschaftliches Interesse ein, selbst die Entwicklung einer deutschen Atombombe ins Auge gefasst zu haben. Seine Mitarbeit am deutschen "Uranprojekt" bezeichnete Weizsäcker offen als Fehler: "Eine göttliche Gnade" sei es gewesen, dass der Bau einer Bombe in Deutschland technisch nicht zu realisieren war. "Es wäre tödlich schief ausgegangen."

Er wollte nicht Bundespräsident werden

In den Zeiten der Ost-West- Konfrontation wurde die Kriegsverhütung zu seinem zentralen Engagement: Der Physiker und Philosoph war Hauptinitiator der "Göttinger Erklärung", mit der sich 18 Kernforscher am 12. April 1957 gegen eine Aufrüstung der Bundeswehr mit Atomwaffen aussprachen. Fünf Jahre später wandte sich Weizsäcker mit dem "Tübinger Memorandum" gegen Pläne des damaligen Bundesverteidigungsminister Franz Josef Strauß (CSU), die Bundeswehr mit atomaren Waffensystemen auszurüsten.

Seit 1957 hatte Carl Friedrich von Weizsäcker eine Professur für Philosophie an der Universität Hamburg inne. Er beschäftigte sich mit wissenschaftstheoretisch-physikalischen Fragestellungen, besonders in Hinblick auf die begrifflichen Grundlagen der Quantenphysik.

1970 gründete er in Starnberg das Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt, das er bis 1980 gemeinsam mit dem Philosophen Jürgen Habermas leitete. Die Gefahr eines Atomkriegs, die Umweltzerstörung und der Nord-Süd-Konflikt standen im Mittelpunkt der Forschungsarbeit des Instituts.

Verfechter eines radikalen Pazifismus

Eine von der SPD und der FDP angetragene Kandidatur für das Amt des Bundespräsidenten lehnte der ältere Bruder des späteren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker (CDU) mit der Begründung ab, er wolle kein "Ersatzkandidat" gegen Karl Carstens (CDU) sein. Richard von Weizsäcker hatte das Amt von 1984 bis 1994 inne.

Nach seiner Emeritierung im Jahr 1980 trat Carl Friedrich von Weizsäcker für einen radikalen Pazifismus ein und arbeitete in den 90er Jahren an seinem philosophischen Werk "Zeit und Wissen".

Der Physiker, Philosoph und Friedensforscher wurde mit Preisen und Auszeichnungen überhäuft. Kein anderer Wissenschaftler hat sich als Zeit-Diagnostiker, Mahner und Vordenker der "Weltinnenpolitik" durch Jahrzehnte im öffentlichen Leben der Bundesrepublik vergleichbare Autorität erworben. Vor dem Hintergrund der Entdeckung der Uranspaltung und der damit verbundenen Möglichkeit, Atombomben zu bauen, lautete sein Leitmotiv: Die Wissenschaft trägt Verantwortung für die eigenen Ergebnisse - auch wenn deren Folgen nicht gewollt und nicht einmal absehbar sind.

Im Februar 2002 holte von Weizsäcker, der sich im Alter zunehmend den (religiösen) Grundlagen einer globalen Ethik widmete, dieses Leitmotiv der Verantwortung der Wissenschaft wieder ein. Die Veröffentlichung der "Bohr-Papiere" über das legendäre Treffen zwischen dem dänischen Physiker Niels Bohr und seinem Schüler Werner Heisenberg 1941 im besetzen Kopenhagen bewirkte erneute Spekulationen über die Verstrickung der deutschen Physiker-Elite unter dem Hitler-Regime.

Carl Friedrich von Weizsäcker war von 1937 bis zu deren Tod im Jahr 2000 mit einer Schweizer Historikerin verheiratet. Weizsäcker war Vater von drei Söhnen und einer Tochter.

anr/dpa/ddp/AFP



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