Verhandlungen über Antarktis-Schutz Eiskalter Krieg

Deutschland schlägt vor, in der Antarktis das weltgrößte Meeresschutzgebiet einzurichten: 1,8 Millionen Quadratkilometer Natur pur. Aber die Verhandlungen sind schwierig - weil Konflikte im Rest der Welt bis ins ewige Eis reichen.

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Mit Größenvergleichen zum besseren Verständnis ist es so eine Sache. Von dem - viel zu früh verstorbenen - Schriftsteller Wolfgang Herrndorf stammt die schöne Feststellung: "Das Weltall ist unendlich groß. Das entspricht der Größe von unendlich vielen Fußballfeldern." Und doch soll es an dieser Stelle gleich einmal einen Vergleich geben: Es geht in diesem Text um eine Fläche von 1,8 Millionen Quadratkilometern. Das entspricht ungefähr der fünffachen Fläche Deutschlands. (Oder, wenn wir uns nicht verrechnet haben, 252 Millionen Bundesliga-Fußballfeldern.)

Geht es nach den Vorstellungen der deutschen Regierung, dann soll ein Meeresstück von etwa dieser Größe vor der Küste der Antarktis dauerhaft unter Schutz gestellt werden. Es geht um ein Gebiet im Weddellmeer, in dem nach Analysen deutscher Forscher 14.000 verschiedene Tierarten leben. Am Montag beginnt im australischen Hobart ein Treffen der Kommission für die Erhaltung der lebenden Meeresschätze in der Antarktis (CCAMLR). Und dabei will die Europäische Union den von Deutschland ausgearbeiteten Plan offiziell vorstellen.

"Das Meeresschutzgebiet soll allein der wissenschaftlichen Forschung vorbehalten bleiben und die internationale Kooperation auf diesem Gebiet stärken", erklärt der für die Fischerei zuständige Landwirtschaftsminister Christian Schmidt. "Das Weddellmeer gehört zu den letzten, nahezu unberührten Regionen der Antarktis. Bisher hat die internationale Fischereiflotte einen Bogen um dieses Gebiet gemacht. Damit das auch in Zukunft so bleibt, müssen wir hier einen Großteil der für die Fischerei interessanten Meeresgebiete unter Schutz stellen", so der Minister.

Seit Jahren keine Einigung

Die Antarktis gehört, obwohl es historische Gebietsforderungen mehrerer Länder gibt, keinem einzelnen Staat, sondern unterliegt den Regeln des Antarktisvertrags. Und die CCAMLR, bestehend aus 24 Mitgliedstaaten und der Europäischen Union, kümmert sich dabei um die Meeresgebiete rund um den eisigen, weitestgehend unbewohnten Kontinent. Ein erstes Schutzgebiet auf hoher See wurde 2009 in der Region der Südlichen Orkney-Inseln eingerichtet.

Seit Jahren verhandeln die Staaten über zwei weitere Areale, in denen die Fischerei verboten werden soll. Das Ziel ist ein Gürtel aus Schutzgebieten rund um die Antarktis. Die nächsten beiden Schutzzonen sollen im Rossmeer und der Ostantarktis entstehen. Doch in beiden Fällen gibt es seit Jahren keine Einigung.

Stattdessen würden die diskutierten Gebiete von Sitzung zu Sitzung kleiner, wie Wissenschaftler um Cassandra Brooks von der Stanford School of Earth, Energy & Environmental Sciences gerade im Fachmagazin "Science" beklagen. Im Fall des Rossmeeres seien mittlerweile 30 Prozent der ursprünglich vorgeschlagenen Fläche ausgeklammert worden, im Fall der Ostantarktis sogar die Hälfte.

Das betreffe nicht zuletzt ökologisch besonders wertvolle Bereiche, so die Wissenschaftler. Und womöglich gehe der Prozess in diesem Jahr weiter: "Wir haben die Schutzgebiete für die Ostantarktis und das Rossmeer fünf Mal auf dem Tisch für eine CCAMLR-Entscheidung gesehen, ohne dass diese gefallen wäre. In der kommenden Woche wird es das sechste Mal sein", klagt Brooks.

Alle Entscheidungen des Komitees müssen einstimmig fallen - und das ist das Problem. In den vergangenen Jahren zeigte sich vor allem Russland hartleibig. So ließ die Delegation aus Moskau schon 2013 ein extra in Bremerhaven angesetztes Sondertreffen platzen, das den Durchbruch für die beiden Schutzgebiete bringen sollte. "Die Verhandlungen sind mit der großen globalen Geopolitik verquickt", sagt Forscherin Brooks und beklagt ein "zunehmendes Gerangel um Ressourcen" in der Antarktis.

Krimkrise und Russland-Embargo, der Streit um den Umgang mit Diktator Assad in Syrien - all das sorgt auch für einen eiskalten Krieg bei den Antarktisverhandlungen. "Das Ergebnis ist ein Zusammenbruch des Vertrauens zwischen den Verhandlungspartnern, der zu einem Patt bei den Schutzgebieten führt", so Larry Crowder vom Center for Ocean Solutions in Monterey (US-Bundesstaat Kalifornien).

Streit um Verfallsdatum

Auch China hat sich lange Zeit gegen die Vorschläge für Schutzgebiete ausgesprochen, soll jedoch zuletzt Kompromissbereitschaft signalisiert haben. So jedenfalls ist es aus dem Umfeld der Verhandlungen zu hören. Umweltschützer kritisieren aber, dass sich unter anderem die Delegation aus Peking dafür stark mache, den Schutz zeitlich zu befristen - diskutiert wird über eine Art Verfallsdatum in 20 bis 50 Jahre. "Das läuft dem Gedanken eines Schutzgebietes zuwider", beklagt Tim Packeiser von der Umweltschutzorganisation WWF.

Russland, das die Verhandlungen in diesem Jahr sogar leitet, hat noch grundsätzlichere Bedenken. Vielleicht, so argumentieren die Diplomaten des Landes, sei die CCAMLR ja gar nicht für Schutzgebiete zuständig. Das klingt nicht nach schnellem Verhandlungserfolg.

"Es kann sein, dass sie den Vorschlägen für ein Schutzgebiet im Rossmeer in diesem Jahr nicht zustimmen", warnt Mark Belchier Bell vom British Antarctic Survey, der auch die CCAMLR-Wissenschaftskommission leitet, im australischen Rundfunk. Und auch Umweltschützer Packeiser glaubt: "Wir gehen nicht davon aus, dass es zur erfolgreichen Ausweitung irgendeines Schutzgebiets kommt."

Das ist die diplomatische Großwetterlage, in der die Deutschen ihren Vorschlag für ein ganz neues Schutzgebiet präsentieren. Angekündigt hatten ihn die Verhandler aus Berlin bereits seit mehreren Jahren, nun wollten sie endlich liefern.

Womöglich aber eben zur falschen Zeit.

Dass der Antrag vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) fachlich gut vorbereitet ist, dafür gibt es Lob von den Umweltschützern. WWF-Mann Packeiser sagt aber auch: "Wir hätten uns gewünscht, dass Deutschland den Vorschlag dieses Jahr noch nicht einreicht."

"Einzigartige biologische Schatzkammern"

Was für ein besonderer Platz das Weddellmeer freilich ist, das versteht man, wenn man auf die Ergebnisse der Forscher schaut. Sie berichten von einer Artenvielfalt, die mit tropischen Korallenriffen vergleichbar sei. "Im Weddellmeer befinden sich einzigartige biologische Schatzkammern und Schlüsselarten, die es zu bewahren gilt", sagt AWI-Chefin Karin Lochte.

Da gibt es Eisfische, die mit Frostschutz-Proteinen ein Gefrieren ihres Blutes verhindern. Da gibt es mehr als 300.000 Paare des Antarktischen Sturmvogels, die an den Küsten des Weddellmeeres brüten. Da gibt es die Kolonien auf dem Meereis, in denen ein Drittel aller Kaiserpinguine zur Welt kommt. Da gibt es die reichen Krill- und Fischvorkommen, die vielen Meeressäugern als Beute dienen. Sechs Robbenarten sind aus dem Gebiet bekannt, außerdem zwölf Walarten, darunter Buckel-, Schwert-, Blau- und Antarktische Zwergwale.

Doch ihr Schutz wird vermutlich noch eine Weile auf sich warten lassen. "Russland hat vor der jetzt beginnenden Sitzung viele Papiere mit Rückfragen und Kritik eingereicht", sagt Umweltschützer Packeiser. Forscherin Claire Christian vom Center for Security Studies der ETH Zürich bleibt trotzdem verhalten optimistisch. Die Zusammenarbeit in der Antarktis sei in der Vergangenheit ein "Leuchtturm der internationalen Kooperation" gewesen, schreibt sie vor den Verhandlungen: "Das war vor allem möglich, weil die beteiligten Länder entschieden haben, dass sie eine Verantwortung zum Schutz der Antarktis haben und nicht nur eine kleinen nationalen Interessen schützen können."

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